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Niedersachsen Der Kampf mit dem Glauben
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11:38 25.10.2013
Von Simon Benne
Wie gefährlich sind Religionen? Juden, Christen und Muslime debattieren in Hannover. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Augenzeugen verglichen die Bilder später mit Szenen aus einem Horrorfilm. Wahllos hatten die Bewaffneten um sich geschossen. Explosionen erschütterten die Innenstadt von Nairobi, als ein Terrorkommando dort vor einem Monat ein vierstöckiges Einkaufszentrum stürmte. Die Kämpfer der Islamistenmiliz, die sich dort verschanzten, folterten zahlreiche ihrer Geiseln. Als Sicherheitskräfte das Gebäude nach Tagen stürmten, fanden sie abgetrennte Körperteile und verstümmelte Leichen, die an Haken von der Decke hingen. Mehr als 70 Tote hatte das Geiseldrama in der Hauptstadt von Kenia gefordert. Und während die Menschen starben, twitterten die Hintermänner des Terrorkommandos, ihre Kämpfer seien „ruhig und preisen Allah, dass sie für diese Aufgabe ausgewählt wurden“.

Religion ist meist auch bei den Anschlägen im Irak oder Afghanistan im Spiel, deren Bilder wir im Fernsehen oft kaum noch wahrnehmen. Doch auch in den USA kann es vorkommen, dass christliche Fundamentalisten Abtreibungskliniken angreifen. In Tokio verübte die obskure Aum-Sekte 1995 eine Giftgasattacke in der U-Bahn. Hindu-Nationalisten hetzen in Indien gegen Muslime. Es gibt militante Juden ebenso wie gewaltbereite Buddhisten. Täglich werden irgendwo in der Welt Menschenleben auf den Altären der Religion geopfert. Sind die Sphären  des Glaubens also Brutstätten des Irrationalen? Tragen Jenseitsverheißungen per se den Keim diesseitiger Intoleranz in sich? Wie gefährlich ist Gott?

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Auf die Rückendeckung wichtiger Religionsführer können gewalttätige Glaubenskrieger jedenfalls nicht zählen. Das wurde jetzt bei einem Symposium der Leibniz Universität Hannover deutlich. Die Veranstaltung, organisiert von der Religionswissenschaftlerin Ina Wunn und unterstützt von der Mediengruppe Madsack, brachte Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen an einen Tisch, um „Das Gewaltpotenzial der Religionen“ zu diskutieren. Ein Hauch von „Nathan der Weise“ wehte durchs hannoversche Künstlerhaus, als Christen, Juden und Muslime dort unisono der Gewalt eine Absage erteilten: „Wer den Koran gelesen hat, weiß, dass dieser die Religionen zum Dialog und zum Miteinander aufruft“, sagte der iranische Ajatollah Reza Ramezani beschwörend. Ein Plädoyer für Vernunft und Toleranz hielt der oberste schiitische Gelehrte Europas.
Solche Töne lassen aufhorchen – zumal es gerade in islamischen Ländern oft schlecht um religiöse Toleranz und Menschenrechte bestellt ist. Das reiche Sultanat Brunei hat jüngst verkündet, dass es im kommenden Jahr die Scharia als Strafrecht einführen wird. Das islamische Religionsgesetz sieht als Strafen für Alkoholkonsum die Auspeitschung und für Ehebruch die Steinigung vor – und stellt den Religionswechsel als Abfall vom wahren Glauben unter Strafe. 

In vergangenen Jahrhunderten richteten Christen bei Kreuzzügen blutige Massaker an. Heute hingegen sind sie oft die Opfer religiöser Gewalt: Das Hilfswerk „Open Doors“ geht davon aus, dass rund 100 Millionen Christen in mehr als 50 Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Viele dieser Staaten sind muslimisch geprägt; die Repressionen reichen von der Diskriminierung bei der Vergabe von Jobs bis zur Vertreibung und Ermordung von Christen.

Auf Platz eins des Verfolgungsindex von „Open Doors“ steht allerdings das atheistische Nordkorea: Dessen Hauptstadt Pjöngjang nannte man vor einem Jahrhundert wegen seiner vielen Kirchen das „Jerusalem des Ostens“. Heute gelten Christen dort als Staatsfeinde; eine ganze Familie kann im Arbeitslager landen, wenn in ihrem Haus eine Bibel gefunden wird. Intoleranz ist also kein Alleinstellungsmerkmal der Religionen, und Gläubige sind häufig eben nicht aufseiten der Täter, sondern aufseiten der Opfer zu finden.

Dennoch fürchtet die westliche Welt Gott oft weniger als die Gottesfürchtigen, spätestens seit dem 11. September 2001. Und glaubt man dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, ist diese Angst nicht ganz unbegründet: Er zitierte in Hannover Studien, nach denen religiöse Menschen in Deutschland deutlich häufiger Vorurteile gegenüber Minderheiten hegen als nicht religiöse. Kommt also automatisch ein gewisser Rigorismus ins Spiel, wenn es um höchste Werte geht? Immerhin erinnerte Frederek Musall, Juniorprofessor für Jüdische Philosohie in Heidelberg, jetzt daran, dass schon das Judentum die Welt in klare Gegensatzpaare geordnet habe: Droht dort, wo es klare Grenzen zwischen Licht und Finsternis gibt, nicht die Gefahr, alles Fremde abzuwerten?

Etwa jeder vierte türkischstämmige Jugendliche in Deutschland sei anfällig für islamische Überlegenheitsansprüche, sagte Soziologe Heitmeyer bei dem Symposium, das in Teilen von HAZ-Redakteur Michael B. Berger und HAZ-Chefredakteur Matthias Koch moderiert wurde. Latent gewaltbereit seien jedoch vor allem solche Jugendliche, die schlecht integriert sind. Bei religiöser Gewalt sei dann oft ein „Kampf um die Opferrolle“ im Spiel: „Das schafft eine moralische Überlegenheit, die Gewalt erst legitimiert“, sagt Heitmeyer.

Auch der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar, der die Mechanismen von Gewalt zwischen Hindus und Muslimen in seiner Heimat erforscht, sagt, dass Demagogen die eigene Gruppe gern als verfolgtes, bedrängtes Häuflein der Gerechten darstellen, das jedes Recht habe, sich zu wehren: „Oft geht es dabei gar nicht um Glaubensfragen – auch, wenn die Gruppen sich durch ihre Religionszugehörigkeit voneinander abgrenzen.“ Doch auch Distanz zu allem Religiösen ist noch lange kein Garant für Toleranz.

Charlotte Knobloch, langjährige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte an die Debatte um Beschneidungen im vergangenen Jahr. Das mangelnde Verständnis für religiöse Riten habe sich dabei mit heftigen Attacken auf das Judentum gepaart: „Die Antisemiten in unserem Lande waren enthemmt. Das hätte ich mir in meinen ärgsten Albträumen nicht vorgestellt“, sagte die Holocaust-Überlebende.

Umgekehrt macht ein fester Glaube Menschen nicht zwangsläufig anfällig für Fanatismus. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: „Ich kann den Glauben anderer gerade deshalb tolerieren, weil ich im eigenen Glauben Halt finde“, sagt Hannovers frühere Landesbischöfin Margot Käßmann. Für die Luther-Botschafterin sind Standfestigkeit und Offenheit zwei Seiten derselben Medaille: „Eine Glaubenshaltung, die einen anderen Glauben nicht erträgt, ist schwach und hat Angst vor Zweifeln.“

Im Namen Gottes werden Arme gespeist – und Bomben gelegt. Religionen können Menschen eine göttliche Würde zuschreiben oder sie als Ungläubige stigmatisieren. „Nicht die Religion an sich ist dabei die Wurzel der Gewalt“, sagt Erzbischof Gerard Lerotholi aus Lesotho, „sondern ihre politische Instrumentalisierung durch Scharfmacher.“ Tatsächlich werden ethnische oder soziale Streitigkeiten oft religiös aufgeladen. Global gesehen wächst die politische Bedeutung der Religionen – und zugleich werden diese selbst in vielen Ländern politisiert.

Im mehrheitlich muslimischen Malaysia etwa ist ein rigoroser Islam auf dem Vormarsch. Seit Kurzem ist es Christen dort gerichtlich verboten, das Wort „Allah“ auch als Bezeichnung des christlichen Gottes zu benutzen. Immerhin gibt es Widerstand gegen das Zurückdrängen der religiösen Vielfalt: So organisiert der 41-jährige Uthaya Sankarl neuerdings interreligiöse Stadtrundfahrten durch Kuala Lumpur. „Als Kind habe ich ganz selbstverständlich die christliche Sonntagsschule besucht und vor Moscheen gespielt“, sagt er. Jetzt sollen seine Touren zu Tempeln und Kirchen etwas von der einstigen Offenheit wiederbeleben.

Sankar selbst ist Hindu. Sein Beispiel zeigt, wie Religion Gräben auftun – oder überwinden kann. Ihre Führer können als Kriegstreiber auftreten oder als Friedensengel. Oder wie der evangelische Theologe Martin Leiner beim Symposium in Hannover sagte: „Religionen haben auch ein Versöhnungspotenzial.“

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