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Niedersachsen Die Rückkehr einer Reizfigur
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07:46 23.07.2014
Von Michael B. Berger
Neu nach 19 Jahren: Uwe Schünemann sitzt wieder im Landtag.Fotos: dpa (2) Quelle: Peter Steffen
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Hannover

Es gibt Einzüge in den Landtag, die prachtvoller sind. Und doch ist der frühere Innenminister Uwe Schünemann von Kamerateams umlagert, als er durch das Foyer des Landtagsgebäudes schreitet. Kein Wunder. Der Name Schünemann steht nicht nur für zehn Jahre niedersächsischer Innenpolitik, er steht auch für eine sehr konturierte, manche sagen sogar „unmenschliche“ Innenpolitik.

Aber am Dienstag ist Schünemann im Landtag ein äußerst gefragter Mann. Der Abschied der früheren Sozialministerin Aygül Özkan wird kaum noch zur Kenntnis genommen. Özkan hatte ihr Mandat zuvor freiwillig aufgegeben. Sie wird in Berlin Geschäftsführerin einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Die 42-jährige Juristin hatte ihr Mandat genau wie Schünemann als Nachrückerin erlangt. Sie war erst im März in das Parlament eingezogen, weil der ehemalige Ministerpräsident David McAllister in das EU-Parlament gewechselt war. Die Braunschweigerin Heidemarie Mundlos rückt für Özkan nach.

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Doch nun stürzt sich alle Welt auf Schünemann. Reporter wollen von ihm wissen, ob er denn jetzt nicht auch so etwas wie „Demut“ empfinde? Demut wovor? „Aus jeder Niederlage kann man lernen“, sagt Schünemann in die vielen Mikrofone - und schreitet von dannen.

Es gibt Einzüge in den Landtag, die zwingender sind. Uwe Schünemann, 49, gelernter Industriekaufmann, hat sich den Zeitpunkt seines Wiedereinzugs in den Landtag nicht selbst ausgesucht. Er war einfach dran, als der Sozialpolitiker Norbert Böhlke durch eine kurze, schwere Krankheit überraschend aus dem Leben gerissen wurde. Böhlke, der gut mit allen „konnte“, war als christdemokratischer Sozialpolitiker gewissermaßen das Gegenstück zum Innenpolitiker und „harten Hund“ Schünemann, der persönlich gewiss sensibler ist als das öffentlich gepflegte Bild über ihn.

Aber an der zweifelhaften Popularität als Hardliner, die ihm jetzt entgegengehalten wird, hat Schünemann hart gearbeitet. Bis er zu den bekanntesten Innenministern Deutschlands zählte, aber in seinem forschen Vorgehen etwa gegen Moscheegemeinden sogar mit seinem ersten Dienstherrn Christian Wulff aneinandergeriet. Doch bei der Landtagswahl 2013 half die bundesweite Popularität nichts, er verlor sogar seinen heimischen Wahlkreis Holzminden. Die SPD-Konkurrentin Sabine Tippelt zeigte ihm die Zähne - fachfraulich gewissermaßen, sie kommt aus der Dentalbranche. Gleich zweimal danach verlor Schünemann dann Wahlkämpfe um kommunale Spitzenämter, erst in Hameln (Landrat), dann im benachbarten Höxter (Bürgermeister). „Muss man da nicht Demut lernen?“, fragt bohrend ein junger Reporter. „So ist das nun mal in der Politik“, entgegnet ein Schünemann, der nicht geneigt ist, sich hier und heute vor den Kameras in den Staub zu werfen. Warum auch?

Immerhin hat ihn die CDU-Fraktion am Vorabend mit warmem Beifall empfangen - „wie jeden, der das Politikgeschäft so gut versteht“, sagt CDU-Generalsekretär Ulf Thiele. Aber dass er sich jetzt erst einmal hinten einreihen müsse, das haben sie ihm auch zu verstehen gegeben, meint zumindest der SPD-Abgeordnete Ulrich Watermann aus Hameln, der auch schon einmal aus dem Landtag herausgeflogen ist und zumindest in diesem Punkt dasselbe Schmerzgefühl kennt wie Schünemann. Von der Innenpolitik will der Neue, der 19 seiner 49 Lebensjahre im Landtag gesessen hat, erst einmal nichts wissen. Die Fraktion will Donnerstag entscheiden, für wen oder was der neue Alte spricht. Hier und da will sich Schünemann wehren, wenn „seine“ Innenpolitik verzerrt dargestellt wird. Denn er fühlt sich auch ein bisschen missverstanden. In der Migrationspolitik habe er immerhin dafür gesorgt, dass lange hier lebende Jugendliche bleiben können - unter strengen Voraussetzungen.

Kommentar: Keine gute Referenz

Das Beispiel Uwe Schünemanns zeigt in gewisser Weise die schwindende Attraktivität des Berufs des Politikers. Denn Schünemann wäre gewiss nicht an die alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, wenn er „draußen“ einen besseren Job gefunden hätte, wie seine Ministerkollegin Aygül Özkan. Aber zehn Jahre Arbeit als profilierter, aber eben auch sehr umstrittener Innenminister bieten keine gute Referenz für einen Posten in der Wirtschaft. Dass er sich in Hameln und im nordrhein-westfälischen Höxter in die Niederungen der Kommunalpolitik geworfen hat, sollte indes niemand hämisch kommentieren. Er ist ein hohes Risiko eingegangen – und hat verloren. Sich auch für vermeintlich „niedere“ Ämter ins Zeug zu legen, spricht für den Demokraten Schünemann. Sein künftiges Auftreten im Landtag gehört gewiss zu den spannenderen Momenten.

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