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Niedersachsen Spiel mit der Angst: So soll eine Software gegen Internet-Betrüger kämpfen
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17:02 24.04.2019
Kreative Tüftler am Werk: Die Task Force Cybercrime in Göttingen verfolgt die digitalen Spuren, die Betrüger bei ihren kriminellen Machenschaften hinterlassen. Quelle: Foto: Oliver Thiele
Göttingen

Immer mehr Kriminelle sind im Internet aktiv: Um den Tätern schneller auf die Spur kommen zu können, gibt es in Göttingen eine Spezialeinheit: Die Task Force Cybercrime. Deren Leiter Oliver Knabe und sein Team beschäftigen sich täglich mit Ebay-Betrügern, Trojanern, Fake-Webshops und anderen digitalen Maschen. Die Göttinger Fahnder können große Datenmengen bewältigen und komplexe Strukturen entschlüsseln – und sie sind auch kreative Tüftler.

Jetzt haben die „digitalen Spürhunde“ eine Software entwickelt, die der Polizei schnellere Ermittlungen gegen spezielle Internet-Betrüger ermöglicht: Bei dieser Betrugsmasche rufen angebliche Mitarbeiter von Microsoft Bürger an und behaupten, dass die Datensicherheit ihres Computers bedroht sei und sie unbedingt eine Fernwartungssoftware herunterladen müssten. Auf diese Weise verschaffen sich die Betrüger einen direkten Zugang zum Computer der Angerufenen, den sie dann für kriminelle Machenschaften nutzen.

11 000 Beschwerden über Betrugsversuche

Die Betrugsmasche sei inzwischen weltweit verbreitet, berichtet Task-Force-Leiter Knabe: „Microsoft International erhält jeden Monat rund 11 000 Beschwerden von Kunden über derartige Betrugsversuche.“ Die Täter geben sich am Telefon als Mitarbeiter von Microsoft aus und teilen mit, dass der Computer der Angerufenen von Viren befallen sei. Sie versuchen dann ihre Gesprächspartner zu überzeugen, dass diese aus dringenden Sicherheitsgründen eine Spezialsoftware aus dem Internet herunterladen müssten, die angeblich bei der Säuberung des Geräts helfen soll. Oft spielen die Anrufer gezielt mit der Angst und behaupten, dass angeblich großer Zeitdruck bestehe, weil nach 24 Stunden alle Daten verloren seien.

Die Computernutzer sollen dann eine kostenfreie Fernwartungssoftware herunterladen, zum Beispiel „TeamViewer“. Da solche Tools völlig legal sind, reagieren Antivirenprogramme nicht auf die Installation dieser Software. Anschließend sollen die Windows-Nutzer den vermeintlichen Microsoft-Mitarbeitern ihre Teilnehmernummer und das Passwort durchgeben. Damit haben die Betrüger dann freie Bahn: Sie können persönliche Daten ausspähen, Zugangsdaten auslesen, Trojaner installieren oder per Online-Banking Überweisungen tätigen.

Mehr Datensicherheit – Niedersachsen will Unternehmen unterstützen

Niedersachsen will
auf die Lücken bei der Datensicherheit in vielen Unternehmen und den zunehmenden Datenklau reagieren. Die rot-schwarze Landesregierung denkt unter anderem über die Einführung eines Prüfzeichens für Betriebe nach, die sich um die Sicherheit ihrer Daten kümmern.Digitalisierung ist
ohne Datensicherheit und Datenschutz nicht denkbar“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) der HAZ. Schließlich sei die Sicherheit von Betriebsgeheimnissen nicht nur für die einzelnen Unternehmen von hoher Bedeutung, sondern für die Wirtschaft im Allgemeinen. Es sei ihm ein besonderes Anliegen, die Kompetenz der Unternehmen in diesen Bereichen zu steigern, betonte Althusmann. Der Wirtschaftsminister hatte ein Expertengremium darum gebeten, sich mit Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes als wirtschaftliche Standortfaktoren auseinanderzusetzen. Mitglieder des Arbeitskreises IT-Security, der von der Digitalagentur Niedersachsen koordiniert wird, sind Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung. Das Gremium habe jetzt erste Beratungsergebnisse vorgelegt. Danach will das Land die Einführung eines Labels für Unternehmen fördern, die in nachhaltige Datensicherheit investieren. Datensicherheit solle auch als ein potenzielles Verkaufsargument für die eigene Dienstleistung begriffen werden. Das Label solle Geschäftspartnern und Kunden signalisieren, dass der jeweilige Betrieb eine nachhaltige Datensicherheitsstrategie verfolge. Darüber hinaus soll eine Zertifizierungsstelle insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen eingerichtet werden. Ein Prüfzeichen soll künftig nachweisen, dass eine Datenverarbeitung die gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Auch die Datensicherheit sei dabei ein Teilaspekt. Das Ministerium will die entsprechende Stelle bei der Umsetzung des Masterplans Digitalisierung einrichten.

Dies geschieht so schnell, dass Angerufene gar nicht mitverfolgen können, was die vermeintlichen Support-Mitarbeiter auf ihrem Computer so alles treiben. Die Angreifer können über den Fernwartungszugang den Computerbildschirm auch schwarz machen und so komplett verbergen, was sie tun. „Zum Schluss verlangen sie für diese vermeintliche Hilfe dann meist auch noch Geld von den Geschädigten“, erläutert Cyber-Crime-Spezialist Jörg Gottschalk, der das Konzept für die neue Ermittler-Software entwickelt hat.

Task Force hilft Betroffenen

Im Detail ausgetüftelt hat sie ein Informatiker, der die Göttinger Task Force verstärkt. Das von ihm entwickelte Programm trägt automatisch die relevanten digitalen Spuren auf dem betroffenen Rechner zusammen und wertet sie aus. Dies beschleunigt nicht nur die Arbeit der Ermittler, sondern hat auch Vorteile für die Betroffenen: Diese müssen jetzt nicht mehr ihren Laptop oder Computer zur Polizei bringen und tagelang warten, bis die Ermittler die Daten ausgewertet haben und sie ihre Geräte zurückbekommen.

Stattdessen können sie die als Testversion erhältliche Software inclusive Anleitung von der Internet-Seite des Landeskriminalamtes herunterladen. „Die Ermittler müssen die Daten nicht mehr von Hand auswerten und sparen so wertvolle Zeit“, sagt Weckeck. Inzwischen arbeiten auch Ermittler in Osnabrück und anderen Dienststellen mit der Software, die ihre Kollegen in Göttingen ausgetüftelt haben.

Von Heidi Niemann

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