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16:30 12.07.2009
Eine Imkerin (links) erklärt an einem Bienenstock im Internationalen Garten das Leben der Insekten  Migranten Integration Friedenspreis
Eine Imkerin (links) erklärt an einem Bienenstock im Internationalen Garten das Leben der Insekten. Quelle: Internationale Gärten/ddp
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1996 kam sie nach Deutschland, sechs Jahre, nachdem sie einen Deutschen in Marokko kennengelernt und ihn später geheiratet hatte. Aber in Göttingen zerbrach die Ehe. Behoumi war plötzlich allein in einem fremden Land - ohne Familie, ohne Freunde.

Über eine Nachbarin habe sie von den „Internationalen Gärten“ erfahren, die mitten in den Göttinger Stadtteilen Grone und Geismar liegen. Insgesamt 53 Mitglieder gehören zum Verein, in dem Migranten und Deutsche ihre eigenen Gartenparzellen bewirtschaften. Man treffe sich, „um gemeinsam zu gärtnern“, sagt Tassew Shimeles, einer der Gründer des Vereins. „Dabei tauschen wir uns auch über unsere Erfahrungen im Alltag aus. Wir helfen uns gegenseitig, lernen voneinander und feiern auch oft zusammen.“

Auch Behoumi hat in den Gärten neue Menschen kennengelernt und Mut geschöpft. Ihr Schulabschluss aus Marokko wurde hier nicht anerkannt, aber nach Deutschkursen holte sie den Realschulabschluss nach. „Jetzt mache ich eine Ausbildung zur Kosmetikerin“, sagt sie in fließendem Deutsch und lacht.

Die Idee zu den Gärten war 1996 entstanden. Eine Sozialarbeiterin im Göttinger Migrationszentrum für Flüchtlinge hatte bosnische Kriegsflüchtlinge gefragt, was sie hier am meisten vermissten. Die überraschende Antwort lautete: ihren Garten. Ein Jahr später wurde das erste Stück Land gepachtet, wo Flüchtlinge aus Bosnien und Migranten aus anderen Ländern ihre eigenen Beete bearbeiten konnten. Daraus entwickelte sich schließlich das Konzept der Internationalen Gärten.

Neben der Gartenarbeit organisieren die Mitglieder verschiedene Kurse und Seminare. „Wir haben Alphabetisierungskurse auf Deutsch gegeben oder Schwimmkurse für Frauen veranstaltet“, erinnert sich Najeha Abid, eine Gymnasiallehrerin aus dem Irak, die 1982 vor dem Irak-Iran-Krieg geflohen war.

http://www.internationale-gaerten.de/


Mittlerweile gilt das Vereinskonzept als eines der erfolgreichsten Integrationsmodelle in Deutschland. Seit seiner Gründung sind mehr als 70 interkulturelle Gärten in anderen Städten entstanden, weitere 65 sollen folgen. „Wir brauchen Orte und konkrete Projekte, um Integration leben können“, sagt Shimeles. Die Kooperation mit anderen Institutionen sei dafür ein Schlüssel, weil sie zum direkten Kontakt mit anderen Menschen führe. Ein Beispiel dafür sei die Lehrimkerei der Gärten.

„Seit dem vergangenen Jahr haben wir zwei Bienenvölker“, sagt Safia Eshra aus Ägypten, eine der Leiterinnen des Imkerprojektes. Zuerst habe es für die Mitglieder Kurse in Kassel bei einer Hobbyimkerin gegeben, dann im Imkerverein Göttingen. „Im Mai haben wir mit Göttinger Imkern unseren ersten Honig geerntet“, sagt sie. Die Imkerei diene auch dazu, Schüler und Kinder einzuladen: „Hier in den Gärten erklären wir ihnen, wie das Imkern funktioniert.“

Die Göttinger „Internationalen Gärten“ wurden bereits elfmal ausgezeichnet, darunter 2002 mit dem Integrationspreis des Bundespräsidenten und 2006 mit dem Göttinger Friedenspreis. „Jeder erzählt mal seine Lebensgeschichte und von seiner Kultur“, sagt Heiko Meyer, der seit 2005 im Verein ist. Integration sei nie einseitig: „Migranten und Deutsche brauchen Offenheit.“

ddp