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Niedersachsen Gorleben bekommt noch einen „Aufschlag“
Nachrichten Politik Niedersachsen Gorleben bekommt noch einen „Aufschlag“
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20:26 01.09.2011
Trotz des nahezu erreichten Strahlengrenzwerts im Atommüllzwischenlager Gorleben wollen die deutschen Kraftwerksbetreiber sogar noch mehr hochradioaktiven Abfall aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield ins Wendland bringen, als es die internationale Verpflichtung zur Rücknahme vorsieht. Quelle: dpa
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Hannover

Nach Angaben der Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) ist geplant, ab 2014 etwa fünf Prozent mehr Atommüll aus England zurückzunehmen als ursprünglich vertraglich vereinbart.

Dieser „Aufschlag“, wie es das für die Genehmigung der Transporte zuständige Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)nennt, sei in den bisherigen Planungen bereits berücksichtigt, heißt es von der Genehmigungsbehörde. Ab 2014 sollen nach aktuellem Stand 21 Transportbehälter aus Sellafield nach Gorleben gebracht werden. Die GNS, die Gorleben im Auftrag der vier großen Energieversorger betreibt, würde also grob einen Castor mehr in seine stärker als erwartet strahlende Zwischenlagerhalle stellen.

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Der Grund dafür ist eine Art Tauschgeschäft, erläutert Jürgen Auer: „Wir ersparen uns dadurch viele, viele Transporte von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aus Sellafield“, sagt der Sprecher der GNS. Unter dem Strich nehme der Entsorger „genau das an Radioaktivität zurück, was wir zurücknehmen müssen“ – statt einer großen Menge schwach strahlenden Abfalls also eine geringe Menge hochradioaktiven Mülls in sogenannten HAW-Kokillen. Andere Abfälle wie Strukturelemente und mittelaktive Abfälle würden in Sellafield verbleiben, heißt es dazu auf der Internetseite des BfS. „Zum Ausgleich dafür werden zirka fünf Prozent mehr HAW-Kokillen geliefert.“

Was zunächst wie ein gutes Geschäft aussieht – dieselbe Menge Strahlung bei weniger Transporten –, dürfte noch zu einem Problem werden. Schwach- und mittelradioaktive Abfälle können grundsätzlich in jedes der deutschen Zwischenlager gebracht werden. Hochradioaktiver Müll darf aber nur in Gorleben untergebracht werden – und dort droht der zulässige Grenzwert von 0,3 Millisievert Strahlung in diesem Jahr erstmals erreicht zu werden. Da kommt es auf jeden einzelnen Behälter an.

Das Tauschgeschäft könnte daher platzen. Einen Genehmigungsantrag für die zwischen 2014 und 2017 geplanten Transporte aus der englischen Wiederaufbereitung habe die GNS noch nicht gestellt, sagt eine BfS-Sprecherin auf Anfrage. Das Umweltministerium in Hannover weist darauf hin, dass die GNS noch nachweisen muss, dass Gorleben die zusätzlichen Transporte aufnehmen kann, ohne dass der Strahlungsgrenzwert überschritten wird. Gorleben sei aber strahlenschutzmäßig am Limit.

Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) unterbreitet dem BfS daher erneut einen Vorschlag, mit dem er allerdings schon einmal abgeblitzt ist: „Das BfS könnte einmal prüfen, ob die Abfälle aus Sellafield nicht in einem anderen Zwischenlager aufbewahrt werden könnten“, sagte Sander dieser Zeitung. Stefan Wenzel, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, würde das begrüßen. „Ich lehne im Moment jeden weiteren Transport ab, bis geklärt ist, woher diese Grenzwertüberschreitung kommt.“ Diese sei, findet der Grüne, „höchst merkwürdig“. Der Linke Kurt Herzog forderte am Donnerstag, das Umweltministerium müsse jetzt transparente Daten vorlegen.

Karl Doeleke