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Niedersachsen Sigmar Gabriel plant seinen Abschied aus Berlin
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09:00 08.06.2019
Nimmt Abschied auf Raten: Sigmar Gabriel. Quelle: Michael Kappeler/dpa
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Hannover

„Glauben Sie mir“, sagt Sigmar Gabriel und schaut seinem Gegenüber treuherzig in die Augen: „Es ist wie eine Befreiung.“ Wir reden tatsächlich nicht über seine Intimfeindin Andrea Nahles, die bekanntlich entnervt die SPD-Kommandobrücke verlassen hat, sondern über ihren Vorvorgänger. Sigmar Gabriel spricht über sich selbst. Über den Bundestagsabgeordneten Gabriel, der vor Kurzem ebenfalls kundtat, dass er nicht mehr weitermachen und wieder für den Bundestag antreten werde. „Doch, doch, ich brauch’ das nicht mehr“, sagt Gabriel und meint Berlin, den täglichen Kampf, den er nicht nur die sieben Jahre hat führen müssen, als er noch der SPD vorstand. In den vergangenen Monaten indes hat er feststellen müssen, dass er als einfacher Bundestagsabgeordneter weitgehend kaltgestellt worden ist – wenn er nicht um die Macht der Worte wüsste, die er einsetzen kann wie kaum ein anderer Sozialdemokrat.

Da schritten sie noch Seit an Seit: Die damalige SPD-Vizeparteivorsitzende Andrea Nahles und Sigmar Gabriel im September 2008 in der Berliner Parteizentrale. Quelle: Gero Breloer/dpa

Entgiftung“ für die SPD?

So hat es immer noch Wirkung, wenn der 59-Jährige etwas sagt. Als er nach dem Nahles-Rückzug anmerkte, dass die Partei ein besseres Binnenklima bräuchte, in dem nach notwendigem Streit auch die Versöhnung folgen müsse, hagelte es Widerspruch. Gabriel hatte von einer „Entgiftung“ gesprochen – und rief sogleich seine alten Widersacher zu Wort. Sie sehen (noch immer) in ihm den Grund allen Übels. Gabriel habe doch die Partei „zugrunde gerichtet“, wie Hannovers Parteichef Alptekin Kirci sagte, und solle lieber schweigen. „Ohne Schröder, Gabriel, Steinbrück & Co. bräuchte die SPD keine Entgiftung“ und stünde nicht da, wo sie heute stehe, hämmerte Niedersachsens früherer Verdi-Chef Wolfgang Denia in seinen Facebook-Account. So polarisiert Sigmar Gabriel noch immer, vor allem in der SPD, der er seit nunmehr 44 Jahren angehört.

Mit der Kanzlerin in Grönland: Gabriel wartet in seiner Funktion als Umweltminister zusammen mit Angela Merkel im August 2007 auf dem Flughafen Kangerlussuaq auf den Weiterflug nach Ilulisaat. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Bereits Anfang Mai hat er seinen Vertrauten und den zuständigen Unterbezirksvorsitzenden gesagt, dass in dieser Legislaturperiode Schluss sei. Definitiv. „Das war ein nachhaltiges, politisches Leben, deswegen gehe ich ohne Groll“, versichert Gabriel. Wobei das Wort von der notwendigen „Entgiftung“ der SPD, das er nicht auf eine bestimmte Person gemünzt sehen wollte, andeutet, dass die ganz Großen der Politik selten ohne Groll jene Bühne verlassen, die sie jahrelang bespielt haben. Und Gabriel, ehemals Ministerpräsident, Bundesumweltminister, Bundeswirtschaftsminister, Bundesaußenminister, dürfte sich schon zu dieser Riege rechnen lassen.

Volksverbunden: Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gabriel und der ehemalige hannoversche Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg im Juni 2002 auf der Ehrentribüne beim Schützenausmarsch in der Landeshauptstadt. Quelle: Neue Presse

Bierzelte kann er noch immer rocken

Er kann jedenfalls noch immer Bierzelte in Stimmung versetzen, wie neulich in Trudering, einem Stadtteil Münchens. Der Bundestagsabgeordnete Helmut Schmid hatte ihn eingeladen („Einem Helmut Schmid versagt man keinen Auftritt“), einen Tag nach der für die SPD desaströsen Europawahl. Als er dem Publikum sagte, man solle all das Geld, das die SPD-Zentrale für ihre Spindoctoren und Strategen ausgebe, direkt an die Ortsvereine geben, habe das Publikum gejuchzt. Mehr als 40 Auftritte hat er in diesem Wahlkampf gehabt, gleichsam inoffizielle, denn eingeladen haben ihn, den einfachen Abgeordneten aus Berlin, andere Abgeordnete, die ihn schätzen. „Wenn ich helfen kann, dann gerne“, sagt Gabriel, der aber genau registriert, wer jetzt nicht mehr grüßt, seitdem er in der offiziellen sozialdemokratischen Welt zu einer Art Störenfried erklärt worden ist.

Zeit für Vorträge und die Familie

Doch Gabriel bleibt heiter, wirkt im persönlichen Gespräch fast ein wenig altersmilde. „Sind schon irre Zeiten“, sagt er. Und was kommt danach, nach der Bundestagszeit? Ein Gabriel, der nur noch in Goslar herumsitzt und seine Familie mit weltpolitischen Betrachtungen nervt? So weit werde es auch nicht kommen, versichert Gabriel. Er habe noch eine ganze Menge zu tun. Die Honorarprofessur in Bonn etwa, wo er Vorlesungen halte, der Lehrauftrag an der Universität Harvard bei Boston, eine Rede hier, eine Rede dort. Schließlich seine Beschäftigung für den Holtzbrink-Verlag für ein Onlineformat, bei dem er selbst schreiben aber auch Beiträge anderer Autoren besorgen werde. Nur die Wochenenden seien jetzt freier, auch für Anna (2) und Marie (7), seine beiden Töchter, und Ehefrau Anke, die eine Zahnarztpraxis in Goslar hat. Seine älteste Tochter, die aus seiner ersten Ehe mit Munise Demirel hervorging, habe er übrigens gerade neulich vermählt, sagt Papa Gabriel – und strahlt.

Für sie hat er künftig mehr Zeit: Sigmar Gabriel und seine Ehefrau Anke. Hier sind die beiden zu Gast bei der Hochzeitsfeier von Altkanzler Gerhard Schröder im Oktober 2018 im Berliner Hotel Adlon. Quelle: Rainer Dröse

In die Wirtschaft geht er nicht

In die Wirtschaft werde er jedenfalls nicht gehen, sagt Gabriel, das Annehmen von Aufsichtsratsmandaten ausgenommen. Ein Unternehmen zu lenken sei doch etwas völlig anderes, als Politiker zu sein. „Das sind und bleiben verschiedene Welten.“ Das Beispiel des früheren hessischen Ministerpräsidenten Koch zeige doch, dass ein Wechsel auch gründlich misslingen könne. Und dann wird er bald sein neues Ehrenamt als Vorsitzender der Atlantik-Brücke antreten, das Friedrich Merz ihm angetragen hat. Der überparteiliche Verein fördert die Beziehungen zwischen Deutschland und den vereinigten Staaten. Am 26. Juni soll Gabriel, inzwischen für den Vorstandsposten offiziell nominiert, gewählt werden. Die Vereinsziele finde er gerade jetzt ungemein wichtig. „Eine Mittelmacht wie Deutschland trägt immer auf zwei Schultern, der europäischen und der transatlantischen“, sagt Gabriel. Denn Staaten wie Polen oder die baltischen Länder würden sich auch innerhalb Europas stets an den USA orientieren.

Und die SPD? Die Spindoctoren aus dem Willi-Brandt-Haus würde er rauswerfen, wenn er das Sagen hätte, sagt Gabriel und lacht. Denn die hätten allzu oft den Blick für die Wirklichkeit verloren, für die einfachen Leute, wie man früher gesagt hätte. „Wenn die Angst da ist, mit Menschen zu reden, die anders sind als wir, dann geht doch etwas schief“, sagt Gabriel, dem in der eigenen Partei nachgesagt wurde, ein Populist zu sein. Aber seine SPD, seufzt der ehemalige Vorsitzende, sei selbst viel zu sehr in einer Blase gefangen. „Wenn ich mir vorstelle, dass wir zwei Jahre nur um ein Freihandelsabkommen mit Kanada gekämpft haben – Wahnsinn.“ Darüber habe die SPD vergessen, die Verteilungsfrage aufzuwerfen, für die sie früher als Garantin stand. Bald ist er ganz heraus aus der Blase Berlin, mit der der Mann aus Goslar nie wirklich heimisch wurde.

Von unten nach oben

Sigmar Gabriel wurde am 12. September 1959 in Goslar geboren – einer Stadt, deren Ehrenbürger er seit vergangenem Jahr ist. Er wurde bei den Falken, der SPD-Jugendorganisation, politisch sozialisiert. Der Junge, dessen Lehrer empfahlen, ihn auf eine Sonderschule zu schicken, kam aus schwierigen Verhältnissen. Er wuchs gegen seinen Willen in den ersten zehn Jahren bei seinem geschiedenen Vater und der Großmutter auf – bis seine Mutter das Sorgerecht für ihn erkämpfte. Gabriel ist ausgebildeter Lehrer. Von 1990 bis 2005 war er Mitglied des niedersächsischen Landtags, von 1999 bis 2003 als Nachfolger Gerhard Glogowskis niedersächsischer Ministerpräsident. 2005 wechselte er in die Bundespolitik, wurde Bundesumweltminister (2005 bis 2009), SPD-Bundesvorsitzender (2009 bis 2017), Bundeswirtschaftsminister (2013 bis 2017) und Bundesaußenminister (2017 bis 2018). Auf eine eigene Kanzlerkandidatur hat Gabriel verzichtet und stattdessen Martin Schulz vorgeschlagen.

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