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Niedersachsen Warum demonstrieren Tausende Bauern, Herr Schulte to Brinke?
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11:46 22.10.2019
Erwartet mehr Verständnis für die Nöte der Bauern: Landvolk-Präsident Albert Schulte to Brinke. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Herr Schulte to Brinke, am Dienstag demonstrieren Tausende von Bauern in Hannover aber auch in der ehemaligen Hauptstadt Bonn gegen die aktuelle Agrarpolitik der Bundesregierung. Was reizt ihre jungen Kollegen zum Massenprotest?

Was viele junge Kollegen auf die Straße treibt, ist die Tatsache, dass die Politik nicht sehen oder verstehen will, welche Fortschritte wir etwa bei der Vermeidung von zu hohen Gülleeinträgen in den Boden bereits erreicht haben. Auch uns Landwirten ist der Schutz unseres Grundwassers immens wichtig. Wir haben in Niedersachsen durchschnittlich 5,2 Milligramm Nitrat je Liter im geförderten Rohwasser, das entspricht Trinkwasserqualität ohne Aufbereitung! Damit sind wir weit entfernt von kritischen Grenzwerten. Und wir Bauern setzen viel daran, dass das so bleibt.

Worin bestehen die Fortschritte, die die Bundespolitik nach ihren Worten nicht zur Kenntnis nimmt?

Die Düngeverordnung des Landes, die im Jahr 2017 erlassen worden ist, wirkt bereits deutlich – und zwar positiv. So haben wir im vergangenen Jahr 40.000 Tonnen reinen Stickstoff weniger ausgebracht, in der gerade erst abgelaufenen Düngeperiode noch mal über 30.000 Tonnen weniger. Das sind Reduktionen, die vorher keiner für möglich gehalten hat. Das heißt: Wir haben insgesamt auf 70.000 Tonnen verzichtet und die Reduktion, die von uns verlangt wurde (es waren 80.000 Tonnen) weitgehend erreicht. Aber dafür hören wir nirgendwo Anerkennung.

Wie haben Sie das erreicht?

Es ist einfach weniger Mineraldünger eingesetzt worden, und gleichzeitig ist der Tierdünger effizienter eingesetzt werden. Wir haben den organischen Dünger noch dosierter eingesetzt. Trotz dieser Erfolge kommen neue Bestimmungen hinzu. So sollen unsere Kulturen in den nitratsensiblen Gebieten nur noch 80 Prozent des erforderlichen Düngebedarfs erhalten. Das ist fachlicher Unsinn, dagegen wehren wir uns auch als Landvolk Niedersachsen. Die Anforderungen des Landes sind für viele Betriebe schon schwer zu erfüllen. Aber sie sind zumindest fachlich begründet. Die neuen Auflagen des Bundes, mindestens 20 Prozent unter Bedarf zu düngen, sind nicht nachvollziehbar. Das schadet den Pflanzen und auch den Betrieben. Es wäre genauso, als wenn man sagen würde, es gibt in Hannover ein paar Übergewichtige, aber wir schreiben allen vor, nur noch 80 Prozent des Erforderlichen essen zu dürfen.

Vielfach steht die Massentierhaltung im Zielpunkt der Kritik. Gibt es da wesentliche Veränderungen, die die Gesellschaft nicht honoriert?

Wir haben vielfache Veränderungen, ja Verbesserungen in der Tierhaltung – und sind hier seit Jahren mit den Kirchen, dem Tierschutzbund und anderen im Gespräch. Wir waren uns einig, dass man die Frage, wie gut ist die Tierhaltung, nicht nach der Zahl der Tiere in einem Betrieb beantworten kann, sondern danach, wie gut es jedem einzelnen Tier geht. Nur der Blick auf das einzelne Tier hilft – nicht nebulöse Begriffe wie Massentierhaltung.

Gleichzeitig gibt es Probleme wie die betäubungslose Ferkelkastration, die erst ab 2021 definitiv verboten ist. Da fragt man sich, warum diese Eingriffe nicht schneller unterbunden werden.

Für die Tierhalter wäre es kein Problem, Eber, also unkastrierte Schweine, zu halten und zu mästen. Nur hakt es hier mit dem Verkauf von Eberfleisch, das viele Kunden wegen des Geruchs nicht mögen. Uns wäre es am liebsten, wir bräuchten die Tiere nicht zu kastrieren. Dazu gibt es auch ein Programm, das wir angestoßen haben, in dem die Tiere geimpft werden gegen Ebergeruch. Was uns als Verband ärgert, dass man in anderen Ländern wie Dänemark in wenigen Monaten in Absprache mit dem Tierschutzverein ein Programm zur Lokalanästhesie auf den Weg bringen konnte. Das Thema war in wenigen Monaten durch und belastet nicht weiter. Wir wollen unsere Sauenbetriebe nicht einfach vom Markt verschwinden lassen, weil wir Themen nicht so rasch lösen wie in anderen Ländern. So wird unsere Tierhaltung, die in vielem besser ist als anderswo, vertrieben. In einem anderen Land wird sie wiederaufgebaut, das wäre der schlechteste Weg.

Am Dienstag sollen an die 1000 Traktoren durch Hannover rollen. Was wünschen Sie den Veranstaltern?

Ich wünsche mir zu allererst, dass der Protest trotz des Frusts, der herrscht, friedlich bleibt. Und dann wünsche ich mir, dass Politik und Gesellschaft endlich wahrnehmen, wie sehr sich die Landwirte bereits verändert haben. Unsere Betriebe sind immer in Bewegung, als Verband wollen wir mit der Politik im Gespräch bleiben und gemeinsam den richtigen Weg ausloten, wie wir zu weiteren Verbesserungen beim Gewässer-, Arten- und Tierschutz in der Landwirtschaft kommen können. Mit der Kritik von radikalen Umweltschützern oder Tierrechtsaktivisten müssen wir leben. Aber das Gros der Gesellschaft sollte registrieren, dass wir Bauern schonend mit unserer Natur umgehen.

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