Minister Christian Meyer will klare Kennzeichnung für Fleisch in Niedersachsen
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21:30 09.04.2015
Von Heiko Randermann
Stallgespräche: Landwirt Karl Harleß (rechts) und Minister Christian Meyer.
Stallgespräche: Landwirt Karl Harleß (rechts) und Minister Christian Meyer.  Quelle: Philipp Schulze/dpa
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Wietzendorf

Als Christoph Becker den Stall betritt, beginnt es in den Boxen zu rumoren, jeweils 16 Schweine drängen sich erwartungsvoll an die Außenwand. Becker greift in einen Eimer und wirft in jede Box eine Handvoll Stroh und Maishäcksel auf den Betonboden. Die Tiere beginnen sofort, das Material mit ihren Rüsseln zu durchwühlen. Diese Beschäftigung dauert nur ein paar Minuten, aber Becker ist trotzdem überzeugt: „Das ist ein großes Plus beim Tierwohl.“ Klar, Stroh überall wäre besser, meint der Landwirt, „aber diesen Mehraufwand bezahlt mir keiner.“

Der 32-Jährige, der den Hof in Wietzendorf (Heidekreis) vor fünf Jahren von seinen Eltern übernommen hat, will die Behandlung der Tiere in seinem konventionellen Betrieb verbessern. Die Tiere können mit Bällen oder Seilen spielen, sie haben 50 Prozent mehr Platz als vorgeschrieben. Ein Ansatz, der aber nur funktionieren könne, wenn der Verbraucher den Mehraufwand für die Tiere auch bezahle, sagt Becker. Er macht daher beim Tierschutzlabel des Tierschutzbundes, des Schlachterkonzerns Vion und dem Robert-Koch-Institut mit.

Tierschutzlabel für alle Fleischprodukte

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer lobte das Projekt am Donnerstag bei einem Besuch auf dem Hof. Der Grünen-Politiker würde die Kriterien des Labels gerne auf alle Fleischprodukte ausweiten: Ähnlich wie beim Ei müsste bei Fleisch die Haltungsform auf der Packung mit einer Nummer angegeben werden. So sollte bei Schweinen die 0  für Biohaltung stehen, 1 für Freilandhaltung mit Stroh und ohne Schwänzekürzen (Premiumhaltung), 2 für konventionelle Haltung mit geringerer Besatzdichte und mehr Beschäftigungsangeboten als der gesetzliche Mindeststandard verlangt, und 3 für konventionelle Haltung, die den gesetzlichen Mindeststandard erfüllt. „Nur wenn Verbraucher die Haltungsform auf den ersten Blick erkennen können, haben sie eine echte Wahlmöglichkeit“, sagte Meyer. Derzeit dürfe aber jeder industrielle Schweinebetrieb mit „tierschutzgerechter Haltung wie in Bullerbü“ für sein Produkt werben, auch wenn das überhaupt nicht der Realität entspreche.

Beckers Hof würde zur Kategorie 2 gehören. Ebenso wie der Hof von Karl Harleß in Schwienau (Kreis Uelzen), der in seinem konventionellen Schweinemastbetrieb den Tieren mehr Platz einräumt als vorgeschrieben. „Die Tiere können selber entscheiden, was ihr Ess- oder Schlafzimmer ist“, sagt Harleß. Stroh kommt bei ihm allerdings nicht zum Einsatz, die Tiere leben auf Betonspaltenböden.

Halter sollen Premiumsegment anstreben

„Das ist aus unserer Sicht lange nicht genug, deswegen nennen wir es Eingangsstufe“, sagt Stefanie Zimmermann, Fachreferentin des Tierschutzbundes. Aber sie lobt Beckers Arbeit: Gegenüber den Mindeststandards werde hier „schon ein deutlicher Mehrwert für die Tiere geschaffen“. Langfristig müsse man erreichen, dass alle konventionellen Halter das Premiumsegment, also Kategorie 1, anstreben. „Aber auch der Verbraucher ist dann in der Pflicht, tatsächlich Geld für mehr Tierschutz auszugeben.“

Und genau da liegt das Problem. Das Tierschutzlabel wird bereits vermarktet, allerdings nur in Berlin. „Dort gibt es einen Markt dafür“, sagt Ralf Marggraf, Hauptabteilungsleiter von Edeka Minden-Hannover. Anderswo sei das Interesse noch nicht so stark, der Kunde entscheide hauptsächlich über den Preis.

Verbraucher müssten mehr Geld ausgeben

Der ist auf dem Papier nicht so viel höher, meint Heinz Schweer vom Schlachtkonzern Vion. Ein normales Schnitzel koste 8,98 Euro pro Kilo, das Schnitzel mit Tierschutzlabel 9,98 Euro. „Bei 200 Gramm sind das 20 Cent – das ist nichts“ meint Schweer, um das gleich wieder einzuschränken: Wenn nämlich das normale Schnitzel als Sonderangebot für 5,98 Euro das Kilo angeboten werde, betrage der Preisunterschied schon 4 Euro. „Und dann muss Ihnen der Tierschutz schon viel wert sein“, meint er schulterzuckend. Und: „70 Prozent des Schweinefleischs wird im Rahmen von Sonderangeboten verkauft.“

Letztlich befürwortet er aber die Arbeit im Tierschutzlabel. Es sei ein Prozess, bei dem alle Seiten enorm viel gelernt hätten. Man müsse sich der Herausforderung stellen, „denn das ist die Zukunft“.

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