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Niedersachsen Anklage im Fall Lügde: Haupttäter werden 293 Fälle vorgeworfen
Nachrichten Politik Niedersachsen Anklage im Fall Lügde: Haupttäter werden 293 Fälle vorgeworfen
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00:21 20.05.2019
So fanden Ermittler das Innere des Wohnwagens vor, in dem die Kinder missbraucht worden sein sollen. Quelle: Guido Kirchner/dpa
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Lügde/Hameln

Nach dem massenhaften Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde an der Grenze zu Niedersachsen werden dem 56-jährigen Hauptverdächtigen von der Staatsanwaltschaft in der Anklage 293 Taten vorgeworfen. Das teilte das Landgericht Detmold am Freitag mit. Demnach soll sich der Mann unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von kinderpornografischen Schriften verantworten.

Die Taten sollen im Sommer 1998 und seit Anfang des Jahres 2008 bis Dezember 2018 auf dem Campingplatz begangen worden sein, so das Gericht. Die Anklageschrift führe 22  Opfer auf, die zum Zeitpunkt der Taten alle minderjährig gewesen seien. Außerdem soll der Mann laut Anklage im Dezember 2018 im Besitz von 879 Bild- und Videodateien mit kinderpornografischem Inhalt gewesen sein.

Übertragungen per Webcam

In den meisten Fällen wird dem 56-Jährigen vorgeworfen, zehn verschiedene Kindern missbraucht zu haben. In einem Fall soll er zwei Kinder veranlasst haben, sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen. Ein Komplize (49) des Mannes aus Stade ist mitangeklagt, weil er unter anderem in mindestens vier Fällen an Webcam-Übertragungen des Dauercampers teilgenommen haben soll. Teilweise soll er den Hauptverdächtigen vorher ausdrücklich zum Missbrauch aufgefordert haben. Darüber hinaus sollen bei dem Mann aus Stade im Januar 2019 mehr als 42 700 Bild- und Videodateien mit kinder- und jugendpornografischem Inhalt gefunden worden sein.

Die zuständige 3. Strafkammer prüfe gegenwärtig die Zulassung der Anklagen zur Hauptverhandlung, so das Landgericht Detmold. Außer den beiden Angeklagten sitzt noch ein 34-Jähriger in Untersuchungshaft, der gesondert angeklagt werden soll. Gegen weitere fünf Personen wird wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs, des Besitzes von kinderpornografischem Material oder Strafvereitelung im Amt ermittelt.

Nach etlichen Fehlern im Umgang mit Hinweisen auf den Missbrauch in Lügde entwickelt der Landkreis Hameln-Pyrmont jetzt ein Konzept zur Erkennung und Prävention von sexualisierter Gewalt. „Wir wollen möglichst alle Kinder, Eltern, Kita-Mitarbeiter und Lehrkräfte erreichen“, sagte Landrat Tjark Bartels (SPD) am Freitag in Hameln. Noch immer gebe es Schulleitungen, die sagten: „Bei uns passiert so etwas nicht.“ Dabei sitzen dem Verwaltungschef zufolge statistisch in jeder Klasse zwei Kinder, die sexuellen Missbrauch erfahren haben. Zur Entwicklung des Konzepts hat die Behörde zwei neue Stellen geschaffen.

Mehrere Hinweise an Jugendamt

Trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten hatte das Jugendamt Hameln den 56 Jahre alten Dauercamper 2017 als Pflegevater für ein Mädchen eingesetzt. Hamelns Landrat Bartels hatte bereits Fehler seines Jugendamtes eingeräumt und sich im März bei den Opfern entschuldigt. Unter anderem hatte eine Mitarbeiterin eine Passage aus der Pflegekindakte kurz vor Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft gelöscht. Der Frau wurde fristlos gekündigt.

Nach einem Beschluss des Kreisausschusses hat die Hamelner Kreisverwaltung in dieser Woche die beim niedersächsischen Innenministerium angesiedelte Kommunalaufsicht eingeschaltet. Damit wird das Handeln des Jugendamtes nun von einer Kommission überprüft. Auch die Landtagsabgeordneten in Hannover wollen sich über Parteigrenzen hinweg für mehr Kinderschutz einsetzen.

Von Helen Hoffmann