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Niedersachsen Antisemitismus in Niedersachsen: „Wir haben hier das volle Programm“
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17:29 10.10.2019
„Die Sicherheitsmaßnahmen sind unzulänglich“: Katarina Seidler von der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Quelle: Andre Spolvint
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Frau Seidler, Sie machen sich als Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen nach dem Anschlag von Halle Sorgen um die Sicherheit Ihrer Synagogen ...

Ja, wir machen uns große Sorgen. Aber wir haben uns schon vor dem Anschlag ernst zu nehmende Sorgen um die Sicherheit gemacht und hierüber bereits zahlreiche Gespräche mit dem Innenminister, mit dem Kultusminister und mit anderen geführt. Seit Jahren. Es sind sehr freundliche Gespräche und dennoch geschieht nichts beziehungsweise alles nur im Schneckentempo. Wir haben sicherheitstechnische Maßnahmen, aber die sind unzulänglich. Uns wird auch immer wieder gesagt, die Sicherheitsgefährdungen seien abstrakter und nicht konkreter Natur. Das sehe ich ganz anders.

Was fordern Sie von der Politik?

Dass man unsere Bedenken ernst nimmt. Was nützen eine Videoüberwachung oder andere technische Vorrichtungen, wenn man niemanden hat, der schnell darauf schauen kann? Das machen bei uns jetzt ehrenamtliche Mitarbeiter oder eine Sozialarbeiterin, die sich eigentlich um etwas anderes kümmern sollte. Am Jom Kippur haben meine Tochter und andere schauen müssen, ob vor unserer Synagoge Rechtsextreme auflaufen oder Araber, die uns feindlich gesonnen sind. Da müsste es professionelle Wachen geben. Ich finde, es sind genug Worte über das Problem gesprochen worden, es müssten mal Taten geschehen. Wir brauchen einen eigenen Etat für den Sicherheitsbereich.

Zur Person

Katarina Seidler(65) ist seit seiner Gründung die Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen. Der Landesverband der Liberalen Juden ist 1997 in Abgrenzung zum Landesverband der eher traditionellen jüdischen Gemeinden gegründet worden. Die Liberalen unterteilen die jüdischen Gebote in ethische und rituelle Gesetze, wobei die ethischen als zeitlos gelten, die rituellen als veränderbar. Zum Landesverband der Liberalen gehören sieben Gemeinden in Niedersachsen, die größte von ihnen mit 700 Mitgliedern ist in Hannover. In Deutschland gibt es 22 Liberale Gemeinden.

Viele sagen, etwa auch Michael Fürst vom Landesverband der traditionellen Gemeinden, dass die Sicherheitslage in Niedersachsen eine andere sei als etwa die in Berlin.

Das höre ich auch, sehe ich aber ganz anders. Wir haben hier in Niedersachsen ebenso Auseinandersetzungen mit Antisemiten, Islamisten oder Israel-Gegnern wie in Berlin. Es gibt eine Menge Anfeindungen, denen wir ausgesetzt sind. Wir haben hier das volle Programm. Und wenn man sieht und hört, was in Halle geschehen ist, möchte man am liebsten seine Koffer packen. Da helfen dann auch freundliche Gespräche kaum weiter.

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