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Niedersachsen „Nicht noch eine Notrufnummer“: Kein Bedarf für Kinderschutzkommission für Niedersachsen
Nachrichten Politik Niedersachsen „Nicht noch eine Notrufnummer“: Kein Bedarf für Kinderschutzkommission für Niedersachsen
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08:00 30.08.2019
Aktenordner zum Fall Lügde im Verhandlungssaal des Landgerichts Detmold: Auch der niedersächsische Sozialausschuss beschäftigte sich wieder mit dem massenhaften Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz. Quelle: Friso Gentsch/dpa
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Hannover

Eine Kinderschutzkommission wird es in Niedersachsen wohl auch nach dem massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde nicht geben. Die Taten waren durch massive Behördenfehler – unter anderem des Hamelner Jugendamts – begünstigt worden. Bei einer Experten-Anhörung im Sozialausschuss des Landtags sprachen sich die meisten Teilnehmer gegen eine solche Kommission aus, deren Einrichtung die AfD-Fraktion beantragt hat. Hauptargument: Noch eine Notrufnummer braucht niemand.

Mehr Fortbildungen für Erzieherinnen und Lehrkräfte, verbindliche Standards im Umgang mit Missbrauchsfällen, bessere Vernetzung der Behörden: so lauteten die Vorschläge der Experten aus Verwaltung, Jugendhilfe und Polizei. Mit einer Ausnahme: Die Initiative „Kinder von Lügde“, von Hamelner Bürgern wegen des Missbrauchs-Skandal gegründet, forderte eine Kommission und einen Kinderschutzbeauftragten.

Opfer-Brief unter Tränen vorgelesen

Unter Tränen las Ina Tolksdorf von der Initiative aus dem Brief einer Frau vor, die als Kind von ihren Eltern und anderen Männern schwer misshandelt worden war. Missbrauch ist das Schlimmste, was erwachsene Menschen der Seele eine Kindes antun können“, heißt es darin. „Wie konnte meine Mutter das tun und danach seelenruhig einen Schokopudding kochen und mit mir zu Abend beten.“ Die Abgeordneten reagierten betroffen. „Der blanke Horror“, sagte Immacolata Glosemeyer von der SPD. „Nur schwer erträglich“, meinte Stephan Bothe (AfD).

Die Initiative sprach sich für unangemeldete Besuche von Jugendamtsmitarbeitern aus. „Wir haben ein Pflegekind und fänden es schön, wenn das Jugendamt einfach mal so vorbeischaut.“ Davon hält Hubert Meyer von den Kommunalverbänden wenig. „Es ist mitnichten so, dass der Großteil der deutschen Familien sich glücklich schätzen würde, wenn abends um 21 Uhr das Jugendamt an der Tür klingelt.“ Meyer warnte vor einem Generalverdacht. Es gebe kein „flächendeckendes, systemisches Versagen der Jugendämter“.

Polizei: Keine einheitlichen Verfahrensabläufe

Die Verfahrensabläufe bei der Polizei in Kindesmissbrauchsfällen seien landesweit nicht einheitlich, räumte Heiner Wilhelm vom Landeskriminalamt ein. Als Reaktion auf Lügde sei aber eine Kommission zur Prävention von sexualisierter Gewalt gegen Kinder entstanden. „Wir wissen, dass das täglich passiert“, sagte Andrea Buskotte von der Landesstelle für Jugendschutz. „Regelmäßige Fortbildung leistet einen wichtigen Beitrag für Fachleute, um zu sehen, wann ein Kind in Not ist.“

Grünen-Fraktionschefin Anja Piel sprach sich nach Anhörung dafür aus, den Kinderschutz als Querschnittsaufgabe in der Landesverwaltung zu verankern. Die AfD betonte, dass eine Kinderschutzkommission mit wenig Aufwand viel erreichen könne.

Mehr als 40 Kinder auf Campingplatz missbraucht

Auf dem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe soll der arbeitslose Dauercamper Andreas V. mit einem Komplizen über Jahre hinweg mehr als 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Er soll sein Pflegekind eingesetzt haben, um andere Kinder anzulocken. 2017 war dem Mann die Pflegschaft übertragen worden – trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie. Das Landgericht Detmold will am Freitag kommender Woche sein Urteil verkünden.

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