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Niedersachsen Prostitution in Hildesheimer Behindertenheim?
Nachrichten Politik Niedersachsen Prostitution in Hildesheimer Behindertenheim?
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00:15 14.01.2013
Gebäude der Diakonie in Himmelsthür: Die Rede ist von „schwarzen Zuhälter-Limousinen“, die vor den Wohnanlagen vorfahren. Quelle: Werner Kaiser
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Hildesheim

Seine erwachsene Tochter lebt seit drei Jahrzehnten in der Behinderteneinrichtung, sei aber nicht betroffen. Mehrere Betreuer sowie ein ehemaliger Zivildienstleistender bestätigten gegenüber der HAZ die Darstellung des Mannes. Ulrich Stoebe, Direktor der Diakonie Himmelsthür, und Regionalgeschäftsführerin Judith Hoffmann wollen davon hingegen nichts gehört haben.

Bei der Diakonie Himmelsthür arbeiten rund 2400 behinderte Menschen im Mutterunternehmen sowie in Tochtergesellschaften. Rund 2000 von ihnen wohnen auch auf dem weitflächigen Areal. Die Geschichten, die von Himmelsthür erzählt werden, klingen mitunter wie aus dem Rotlichtmilieu. Da ist die Rede von „schwarzen Zuhälterlimousinen“, die vor den Wohnanlagen im Stadtteil Sorsum vorfahren und bis zu vier Frauen auf einmal mitnehmen. Ein heute 21-Jähriger, der vor rund zwei Jahren als Zivildienstleistender in der Behinderteneinrichtung gearbeitet hatte, hat das selbst beobachtet. „Aber es ist auch ein offenes Geheimnis dort.“

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Der 21-Jährige berichtet zudem von einem rund 40 Jahre alten Mann, der regelmäßig nach Köln gefahren sein soll, um dort als „Stricher“ sein Geld zu verdienen. „Der Mann war in der Gruppe über mir untergebracht, er ist in Hildesheim sehr bekannt und raucht wie ein Schlot.“

Zigaretten als Bezahlung für Sex tauchen in den Beschreibungen der Mitarbeiter immer wieder auf. „Die Behinderten haben ein sehr knapp bemessenes Taschengeld“, sagt ein Mitarbeiter. „Zigaretten spielen deshalb eine große Rolle.“ Die Bewohner der Diakonie bekommen laut Einrichtung ein Taschengeld in Höhe von 96,90 Euro pro Monat - wer eine Schachtel Zigaretten pro Tag kauft, ist nach weniger als drei Wochen pleite.

Dass sich die Behinderten sogar am Hildesheimer Hauptbahnhof anbieten, wie der aus Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) stammende Vater behauptet, glaubt die Polizei nicht. „Wir beobachten das Geschehen am Bahnhof sehr genau“, sagt Claus Kubik, Sprecher der Hildesheimer Polizeiinspektion. „Wenn dies der Fall wäre, würden wir es mitbekommen.“

Allerdings sind die Ermittler nach den Hinweisen des Vaters neugierig geworden. Eine Anzeige sei zwar noch nicht eingegangen. Dennoch interessiert sich die Polizei für die Vorgänge - allerdings mehr für die mutmaßlichen Freier. „Der sexuelle Missbrauch widerstandsunfähiger Personen ist eine Straftat“, erklärt Kubik.

Strafrechtliche Konsequenzen und gegebenenfalls Kündigungen zieht auch die Geschäftsführung der Diakonie Himmelsthür in Betracht - allerdings nur für den Fall, dass sich die Vorwürfe erhärten sollten. „Prostitution ist eindeutig ein Verhalten, das wir hier nicht dulden werden“, sagt Stoebe. Das beziehe sich auch auf Mitarbeiter, die wegschauten. Hoffmann soll jetzt mit den Betreuern Gespräche führen, um die Vorgänge zu hinterfragen. Sie soll auch überprüfen, ob Betreuer ihre Sorgfaltspflichten missachtet haben.

Von Christian Harborth

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