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Niedersachsen Staatsanwaltschaft: Högel in 97 Fällen schuldig
Nachrichten Politik Niedersachsen Staatsanwaltschaft: Högel in 97 Fällen schuldig
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00:16 19.05.2019
„Keinerlei vernünftige Zweifel:“ Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle davon überzeugt, dass Högel die Patienten heimtückisch getötet hat. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Oldenburg

Es ist still im Saal, als Gaby Lübben die Toten vorstellt – mit Fotos auf den Großbildschirmen und warmen Worten. Hier und da hört man ein unterdrücktes Schluchzen. Günter M., 70 Jahre alt, konnte die goldene Hochzeit mit seiner Frau nicht mehr feiern. Heinrich H., 68, dessen Enkel am Todestag geboren wurde, Regina P., 33, deren zwölfjähriger Sohn plötzlich alleine auf der Welt war, Friedrich W., 92, der sechs Jahre russische Kriegsgefangenschaft überlebt hat, Renate R., 67, deren Halbschwester sich nach der Todesnachricht das Leben nahm.

Ismail T., 47, rief um 23 Uhr seine Tochter an. „Ich weiß nicht, was er mit mir machen will. Ich verstehe die Sprache nicht. Vielleicht will er mich umbringen“, soll T. gesagt habe. „Um ein Uhr ist er gestorben“, erzählt Lübben.

Es sind sechs von mehr als 100 Schicksalen, sechs von mehr als 100 Opfern des Klinikmörders Niels Högel. Fast eine Stunde lang würdigt Lübben die ermordeten Angehörigen ihrer Mandanten. Es ist das erste Plädoyer der Nebenklage am 21. Prozesstag vor dem Landgericht Oldenburg. Es ist ein ungewöhnliches und berührendes Plädoyer der Anwältin.

„Ich hoffe, dass Sie diese Bilder niemals vergessen“

Högel habe ausgeführt, dass er im Gefängnis von den Seelen besucht werde, sie aber nicht zuordnen könne. „Deshalb stelle ich sie ihm jetzt vor“, sagt Lübben am Anfang. „Ich hoffe, Herr Högel, dass sie diese Bilder niemals vergessen werden“, sagt Lübben am Schluss. Die Toten würden nunmehr Ruhe finden, die Angehörigen ihren Weg in die Freiheit. Und der Name des Täters solle vergessen werden. Högel, 42, hört sich das fast reglos an.

Der emotionale Auftritt von Lübben steht im krassen Gegensatz zum Plädoyer von Daniela Schiereck-Bohlmann zuvor. Rund fünf Stunden lang schildert die Oberstaatsanwältin jeden der 100 angeklagten Mordfälle in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst – so nüchtern wie möglich, so juristisch korrekt wie nötig. In 97 Fällen lautet das Urteil von Schiereck-Bohlmann: schuldig. Bei all diesen Taten hält es die Staatsanwaltschaft für erwiesen, dass der Ex-Krankenpfleger Patienten auf den Intensivstationen ermordet hat; arglose Menschen, die in den Krankenhäusern Hilfe gesucht und den Tod gefunden hätten. Högel habe heimtückisch und aus niederen Motiven getötet, sagt die Oberstaatsanwältin.

Schiereck-Bohlmann fordert eine lebenslange Haftstrafe für Högel und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Die Staatsanwaltschaft beantragte allerdings keine Sicherungsverwahrung nach der Haft. In drei Todesfällen plädiert die Oberstaatsanwältin auf Freispruch, weil diese Taten Högel nicht zweifelsfrei nachzuweisen seien. Der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung scheide hier wegen Verjährung aus. „Mir ist bewusst, dass das bei Angehörigen zu Unverständnis führen kann“, sagt Schiereck-Bohlmann

Högel hat Patienten mit Medikamenten vergiftet

In den anderen 97 Fällen hat die Staatsanwaltschaft dagegen „keinerlei vernünftige Zweifel“, dass die Patienten von Högel ermordet wurden – wie Schiereck-Bohlmann 97 Mal betont. Kaliumvergiftung, Manipulation mit Lidocain, missbräuchliche Gabe von Sotalol. Fünf Jahre lang hat Högel, der bereits für sechs Taten verurteilt wurde und eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, Patienten in die Krise gespritzt, hat sie vergiftet, um sich nach gelungener Reanimation als Retter aufspielen zu können.

Die Mordvorwürfe beruhen teilweise auf Geständnissen von Högel, teilweise auf Gutachten. Der Ex-Pfleger hat in dem Prozess 43 der 100 Taten in den Jahren 2000 bis 2005 eingeräumt und fünf bestritten. An die übrigen konnte er sich nach eigenen Angaben nicht erinnern. Er schloss aber nicht aus, diese Patienten getötet zu haben. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat Högel nur sehr bedingt dazu beigetragen, die ihm vorgeworfenen 100 Morde aufzuklären. Es gebe aber keine grundsätzlichen Zweifel an der Glaubhaftigkeit der von Högel abgelegten Geständnisse, sagt Schiereck-Bohlmann.

Anwältin Lübben macht am Ende noch einmal deutlich, wie sie Högels Verhalten im Prozess bewertet. „Die Hoffnung der Angehörigen, dass wir ehrliche Worte der Reue hören, wurde enttäuscht“, sagt sie in ihrem Plädoyer. Das Ziel, sein Selbstbildnis zu verbessern, habe Högel mit seiner Taktik aber verfehlt.

Die Geschichte einer Mordserie

Mehr als 100 Patienten soll der Ex-Krankenpfleger Niels Högel getötet haben, indem er ihnen eigenmächtig Medikamente spritzte. Seine Taten kamen erst nach und nach ans Licht. Das ist die Chronologie der Krankenhausmordserie.

1999-2002: Niels Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg. Schon damals gibt es nach Ansicht der Ermittler Hinweise, dass ungewöhnlich viele Patienten während seiner Schichten sterben. Der Pfleger wurde mit einem guten Arbeitszeugnis weggelobt.

2002-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. Auch dort gibt es Gerüchte um die Zahl der Todesfälle während seiner Schichten.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt Högel, wie er einem Patienten ein nicht verordnetes Medikament spritzt. Der Patient stirbt.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt ihn das Landgericht Oldenburg zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.

September 2014: Högel steht erneut vor Gericht, diesmal wegen fünf Verdachtsfällen. Es gibt jedoch Hinweise, dass er weit mehr Patienten auf dem Gewissen hat.

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei geht mehr als 200 Verdachtsfällen an den beiden Kliniken nach und lässt die Leichen von früheren Patienten exhumieren, um diese auf Rückstände von Medikamenten zu untersuchen.

26. Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.

28. August 2017: Die Sonderkommission beendet ihre Ermittlungen. Sie geht von der größten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus.

30. Oktober 2018: Beginn des Prozesses um den Tod von 100 Patienten.

12. Dezember 2018: Letzter Verhandlungstag 2018: Högel räumt in langen Vernehmungen 43 der ihm zu Last gelegten Taten ein, 5 bestreitet er. An die übrigen kann er sich nicht erinnern. Er schließt aber nicht aus, diese Patienten getötet zu haben.

25. April 2019: Der psychiatrische Gutachter Henning Saß hält Högel für schuldfähig, attestiert ihm aber auffällige Persönlichkeitsstörungen.

16. Mai 2019: Beginn der Plädoyers.

Von Marco Seng

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