Rechte für Geimpfte: Weil diskutiert mit Expertinnen
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Niedersachsen Sollen Geimpfte alles dürfen?
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Rechte für Geimpfte: Weil diskutiert mit Expertinnen

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14:24 12.05.2021
Will sich stärker um die Rechte von Kindern kümmern: Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, nahm an einer Diskussion mit Stephan Weil teil.
Will sich stärker um die Rechte von Kindern kümmern: Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, nahm an einer Diskussion mit Stephan Weil teil. Quelle: Michael Kappeler
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Hannover

„Ist es gerecht, wenn Geimpfte alles dürfen?“ – diese Frage diskutierte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion mit Experten und Expertinnen aus den Bereichen Recht, Medizin, Kirche und Ethik. „Wie mag das sein, wenn die Ü-60 Party stattfinden kann die für junge Leute aber nicht?“, fragte der Ministerpräsident, der in einer alten Industriebrache in Hannover-Stöcken diesmal den Talkshow-Moderator gab. Souverän, als hätte er nie etwas anderes getan.

Die anwesenden oder zugeschalteten Staatsrechtler wie Volker Epping von der Universität Hannover antworteten glasklar, dass wenn die Gefahrenlage abnehme, der Staat den Menschen die Grundrechte wieder zurückgeben müsse. Die Medizinprofessorin Eva Hummers meinte, die Rückgabe der Rechte sei kein medizinisches Thema – „aber meinem Gefühl von Fairness widerspricht es“.

Normales Leben – aber mit Abstand

Der Lungenspezialist Tobias Welte von der MHH betonte, man müsse nun lernen, mit der Pandemie zu leben. Er schätzt, dass man in sechs bis acht Wochen schon in ein relativ normales Leben zurückkehren könne – unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln. Die zugeschaltete Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Alena Buyx meinte, man müsse „etwas entwickeln“ für die Kinder, die nicht geimpft werden würden: „Müssen sie in Quarantäne, wenn sie mit den geimpften Eltern von einer Reise zurückkommen?“ Ungerechtigkeiten im Umgang mit der jungen Generation sorgen auch Hannovers Landesbischof Ralf Meister: „Viele fragen, wann sind wir endlich dran?“ Die Frage beantworten konnte der Bischof indes auch nicht. „Ethik ist keine Bescheid-Wissenschaft, die die Regularien macht“, stellte er fest. Und dass wir uns in einem „Groß-Diskurs“ befänden.

Eine Übergangszeit

Einig waren sich alle, dass man derzeit in einer Übergangszeit lebe, in der man etwa mit umfangreichen Testungen Spannungen mildern könne. Die vorhandenen Spannungen dürften nicht zu Spaltungen führen, warnten nicht nur Buyx, sondern auch Vertreterinnen der alten wie der jungen Generation. Claudia Stelzmann vom Landesjugendring sagte, man müsse bei den künftigen Impfungen darauf achten, dass auch die Jugendlichen drankämen, Ilka Dirnberger vom Landesseniorenrat unterstützte dies und pries die gegenseitige Rücksichtnahme der ganz Alten und der ganz Jungen: „Die Neiddebatte regt mich richtig auf.“

Der zugeschaltete Jurist Stefan Huster beklagte, dass sich auch der Ethikrat viel zu spät mit der Gerechtigkeitsfrage auseinandergesetzt habe. „Die Entscheidung, etwa die Lehrer beim Impfen zu priorisieren, hat weniger mit Medizin, aber mehr mit Bildung zu tun“, was Huster ausdrücklich begrüßte. Mediziner Welte, der mit Weil übrigens Zivildienst geleistet hat, weshalb Politiker und Mediziner sich wechselseitig duzten, regt nach eigenen Worten die „No-Covid“-Forderung richtig auf. Denn das Virus werde bleiben, vielleicht für Jahrzehnte.

Am Ende bedankte sich der Moderator, der sonst zu den Entscheidern zählt, für die anregende Diskussion, die auch ihm selbst viel gebracht habe. Doch ein Berufswechsel stehe nicht an, ist aus der Staatskanzlei zu hören.

Von Michael B. Berger