Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Niedersachsen Hitlers Rache an den Kindern – das Heim im Südharz
Nachrichten Politik Niedersachsen Hitlers Rache an den Kindern – das Heim im Südharz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:24 20.07.2019
Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 ließen die Nationalsozialisten das Kindererholungsheim im Borntal bei Bad Sachsa räumen, um dort die Kinder der Verschwörer zu internieren. Quelle: Sammlung Ralph Boehm/pid
Anzeige
Göttingen/Bad Sachsa

Am 20. Juli 1944 stellte der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg anlässlich einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze nur wenige Meter von Adolf Hitler entfernt eine Aktentasche ab. Wenig später detonierte die darin deponierte Sprengladung – doch anders als von Stauffenberg geplant, wurde Hitler nur leicht verletzt. Das missglückte Attentat hatte nicht nur für den Kreis der Verschwörer furchtbare Folgen: Die Nationalsozialisten übten auch an ihren Familienangehörigen Rache und nahmen sie in so genannte Sippenhaft.

Während die Ehefrauen und ältesten Kinder der Män­ner des 20. Juli in Strafanstalten und Konzentrationslager ka­men, inter­nierte die Gestapo die jüngeren Kinder in einem Heim im Borntal am Rande von Bad Sachsa im Südharz. Zum 75. Jahrestag des Attentats findet dort am 20. Juli auf Einladung des Rates der Stadt eine Gedenkveranstaltung statt.

Gestapo verschleppte 46 Kinder

Die Gestapo hatte nach dem Attentat das Kinderheim in Bad Sachsa räumen lassen und anschließend insgesamt 46 Kinder der Verschwörer dorthin verschleppt und unter strengster Geheimhaltung interniert. Die jüngste Gefangene Dagmar Han­sen war erst zehn Tage alt, der älteste war der 15-jährige Wil­helm Graf von Schwerin. „Ich dachte, wir kommen in ein Internat“, erzählte er vor drei Jahren bei der Eröffnung einer Dauerausstellung über das Schicksal der „Kinder des 20. Juli“ im Kurhaus von Bad Sachsa, an der auch zwei Stauffenberg-Söhne teilnahmen.

In der Tourist-Information von Bad Sachsa ist eine Ausstellung zu sehen, die über das Schicksal der „Kinder vom 20. Juli“ informiert. Zur Ausstellungseröffnung im November 2016 waren auch die Stauffenberg-Söhne dabei: Berthold (links)und Heimeran (rechts) Schenk Graf von Stauffenberg. Quelle: Heidi Niemann/pid

Das Kinderheim mit den Holzhäusern sah zwar idyllisch aus, doch für die Kinder war es ein Gefängnis: Streng bewacht lebten sie dort völlig abgeschottet von der Außen­welt. Mit der streng geheim gehaltenen Internierung verfolgten die Na­tionalsozia­listen ein perfides Ziel: Die Kinder von Stauffenberg und den üb­rigen Verschwö­rern, die zum Teil gar nichts von dem Attentat und der Beteili­gung ihrer Väter wussten, sollten ihrer Identität beraubt werden. Sie mussten deshalb bei der Ankunft alle persönlichen Dinge abgeben. „Mein Geld und alle meine Schreibsachen waren mir genommen worden. Ja, selbst die Bilder von Vater und Mutti hatte ich nie wiedergesehen“, berichtete später Christa von Hofacker, die gemeinsam mit zwei Geschwistern verschleppt worden war. Ihr Vater Cäsar von Hofacker war einer der führenden Köpfe der Verschwörung in Frankreich gewesen.

Nur mit erfundenen Namen

Um die Erinnerung an ihre Eltern auszu­löschen, wurden die Kinder nicht mit ihren richtigen Namen angeredet, sondern nur mit den von der Gestapo erfundenen neuen Vor- und Familiennamen. Die Stauf­fenberg-Kinder mussten beispielsweise den Namen Meister tragen, ihren tatsächlichen Namen sollten sie niemandem nennen. Die von Heimweh geplagten Kinder bekamen allerdings schnell heraus, wie die anderen internierten Kinder hießen. „Es war schrecklich, wie geheim wir gehalten wurden: keinen Schritt allein vor die Tür“, erinnerte sich Christa von Hofacker. „Mit niemandem reden und um Gottes willen nichts über Namen und Herkunft verlauten lassen“, habe man ihnen eingeschärft. Dies ging so weit, dass Geschwister unterschiedliche Nachnamen erhielten. Christa von Hofacker und ihre Schwester mussten sich Franke nennen, ihr Bruder bekam den Namen Schulze.

Die Tricks der Kinder

Wilhelm Graf von Schwerin erzählte, wie gewitzt sein Bruder Christoph das Verbot umging: Der damals Zwölfjährige habe den anderen Kindern die Innenseite seiner alten Lederhose gezeigt, auf der sein Name zu lesen war. Er dürfe ihnen zwar nicht sagen, wer er sei, aber sie könnten ja lesen, erklärte er.

Schon auf dem Weg ins KZ

Ursprünglich hatte das Regime geplant, die jüngeren Kinder von SS-Fa­milien adoptieren zu lassen und die älteren in NS-Erziehungsanstalten unterzubringen. Diese Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt. Als die ersten Mütter aus der „Sippenhaft“ entlassen wurden, konnten einige Kinder im Oktober 1944 zu ihren Familien zurückkehren. 18 Kinder mussten in Bad Sachsa bleiben. Ostern 1945 sollten sie ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert wer­den. Der Lkw der Wehr­macht, der sie zum Bahnhof nach Nord­hausen bringen sollte, geriet jedoch in ei­nen Bom­ben­hagel, bei dem der Bahn­hof und ein Großteil der Stadt völlig zerstört wurden. Da keine Weiterfahrt möglich war, wurden die Kinder zurück nach Bad Sachsa ge­bracht.

Rettung durch US-Truppen

Wenige Tage später besetzten amerikanische Truppen den Ort und setzten den Sozialdemokraten Willy Müller als Bürgermeister ein. Noch am gleichen Tag suchte er das Heim auf, stellte die Kinder unter seinen persönlichen Schutz und erklärte ihnen: „Jetzt heißt Ihr wieder so wie früher, Ihr braucht Euch Eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden!“ Anfang Juni 1945 verließen die letzten Kin­der das Heim.

Lesen Sie auch:

Hitler-Attentat vor 75 Jahren: Die schwierige Versöhnung mit dem Widerstand

Von Heidi Niemann

Noch mehr Mitglieder als zuvor haben im vergangenen Jahr Niedersachsens Kirchen verlassen. Rund 26.000 Austritte gab es allein bei der Evangelischen Landeskirche Hannover, 11.360 Menschen kehrten der katholischen Kirche in Niedersachsen den Rücken. Die Landeskirche spricht von einem Kulturwandel.

19.07.2019

Immer häufiger halten Hochzeitskorsos die Polizei in Atem und gefährden andere Verkehrsteilnehmer – dabei werden teils sogar Schusswaffen benutzt. Jetzt gibt es für die Polizei in Niedersachsen einen Erlass aus dem Innenministerium: Notfalls Fahrzeuge beschlagnahmen.

19.07.2019

Schüler, die zur „Fridays for Future“-Demo statt zur Schule gehen, müssen sich offenbar keine Sorgen machen, dass sie dafür Bußgeldbescheide bekommen. Anders in Mannheim: Dort waren die Bescheide schon verschickt und heiß diskutiert worden – jetzt hat die Stadt sie zurückgezogen.

18.07.2019