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Niedersachsen Wann beginnt endlich die Sanierung des maroden Atomlagers Asse?
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21:00 14.01.2020
Besucher besichtigen das marode Atommülllager Asse, ein ehemaliges Salzbergwerk zehn Kilometer östlich von Wolfenbüttel. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Remlingen

Die Leute sind geladen, die Stimmung im Tanzsaal der Gaststätte Zum Asseblick ist leicht gereizt. Hunderte Männer und Frauen sind erschienen, um über den Stand eines Projekts zu diskutieren, das vor einem Jahrzehnt die gesamte Republik interessiert hat: Wie schafft man es, 126.000 Fässer schwach- und mittelradioaktiven Müll aus einem ehemaligen Salzbergwerk zu holen, das immer noch abzusaufen droht? „Ihr müsst doch endlich aus dem Quark kommen“, ruft ein weißhaariger Mann mit Spitzbart zu den Podiumsgästen. Er gehört zu den Anti-Atom-Veteranen der Gegend um das Endlager Asse II bei Wolfenbüttel, das von einer Räumung oder Bergung noch sehr, sehr weit entfernt zu sein scheint. Mindestens 15 Jahre.

Das Projekt brachte die Region in Aufruhr

Dabei ist es bereits zehn Jahre her, dass der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), und der frühere Chef des Strahlenschutzamtes Wolfram König beschlossen, den giftigen Müll aus der Tiefe zu holen. Damals war die gesamte Region in Aufruhr. Bürgerinitiativen bildeten 15 Kilometer lange Lichterketten zwischen der Lessing-Stadt Wolfenbüttel und dem Höhenzug Asse, in dem das Bergwerk liegt. Und damals brachten Nachrichtensendungen immer wieder Horrormeldungen über einen der größten Umweltskandale des Landes. Erst die beschlossene Rückholung versprach Befriedung einer Region, in der nicht nur das Atomlager Asse liegt, sondern in knapp 23 Kilometer Entfernung auch das geplante Endlager Schacht Konrad. „Doch was ist seitdem geschehen? Hier herrscht doch Stillstand“, befindet der Bürgermeister Remlingens, Klaus Warnecke, im voll besetzten Gasthaus, vor dem zudem noch protestierende Bauern mit großen Traktoren aufmarschiert sind.

Anwohner der Asse machen in der Gaststätte Zum Asseblick ihrem Unmut Luft. Quelle: Michael B. Berger

Sie haben nichts mit der Asse am Hut, sondern wollen sich bei Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) beschweren über Gülle- und Nitratverordnungen. Neben Lies hat der derzeitige Herr des Asse-Geschehens, Stefan Studt, sein Kommen angesagt. Der frühere Innenminister Schleswig-Holsteins ist seit Ende 2017 Chef der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Er versichert mit fester Stimme, man arbeite mit Hochdruck, „jeden Tag, jede Stunde, sehr intensiv am Thema Rückholung“. Doch wann es endlich anfängt mit der großen Sanierung, kann auch Studt nicht sagen. Und den versprochenen Zeitplan für die Sanierung oder auch eine Skizze, wann das BGE welchen Schritt plane, hat Studt nicht im Gepäck. Man sei noch nicht „gesprächsfähig“, sagt er. Vielleicht im März diesen Jahres. Dabei sollte der Zeitplan schon im Herbst vergangenen Jahres veröffentlicht werden.

Auch Minister Lies wird ungeduldig

Nicht nur die Vertreter der Bürgerinitiativen sind ungeduldig. Sie führen sich hinters Licht geführt und vermuten, die Sanierung werde nur auf die lange Bank geschoben, um irgendwann zu erklären, dass die Asse wohl doch geflutet werden müsse, wie noch vor 15 Jahren geplant. „Das Risiko, dass die Asse absäuft, ist größer als Null“, sagt BGE-Geschäftsführer Studt: „Aber es gibt keine Anzeichen, dass dieser Notfall eintritt.“

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies fordert eine schnellere Umsetzung der sichtbaren Arbeiten und mehr Transparenz. Quelle: Michael B. Berger

Zu den Ungeduldigen im Saal zählt auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies. Er dringt auf mehr Transparenz. „Es muss zu einer schnellen Umsetzung der sichtbaren Arbeiten kommen, ein Zeitplan ist dringend erforderlich, in dem jeder Sanierungsschritt verfolgt werden kann“, sagt Lies, der ein waches Gespür für Stimmungsumschwünge hat. „Politikerreden“, schallt es aus dem Saal. Das höre man nun schon seit Jahren. Zu den Anklägern im Saal gehört auch der nah der Asse aufgewachsene Bundestagsabgeordnete Victor Perli von der Linken: „Wir brauchen jetzt wieder ordentlich Druck, dass die Dinge ins Laufen kommen“, sagt Perli.

Die Asse wird seit 2009 als Atomlager nach dem strengen Atomrecht behandelt. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Doch die Dinge sind kompliziert. Die Tatsache, dass die Asse seit 2009 als Atomlager nach dem strengen Atomrecht behandelt wird, macht die Lage nicht einfacher. Das betonen nicht nur Studt, sondern auch Ex-Strahlenschutz-Chef Wolfram König, der jetzt als oberste Aufsicht über der Endlagerung wacht. Ihn hat niemand zu dieser kritischen Versammlung eingeladen, aber König ist dennoch gekommen, um sein Engagement zu rechtfertigen wie auch die Anti-Atomaktivisten zu ermahnen, nun nicht im Dienste der Schnelligkeit von den hohen Sicherheitsstandards abzurücken. „Die Asse ist eine Zumutung für uns alle“, ruft König in den Saal – wegen ihrer Geschichte, wegen der komplexen Sicherheitsfragen. Auch die Bürgerinitiativen müssten einfache Antworten hinterfragen. „Du hast Dich damals doch auch verpisst“, ruft einer der Aufgebrachten Wolfgang König zu.

Wesentliche Fragen sind noch nicht geklärt

Die Asse wird eine Zumutung bleiben. Denn wesentliche Fragen der Sanierung sind noch nicht geklärt. Etwa die Frage, wo der Müll hinkommt, wenn er erst einmal aus dem Berg heraus ist. Ein Zwischenlager soll entstehen auf dem bisherigen Asse-Areal. Oder zumindest eine Konditionierungsanlage, in der der marode Müll neu verpackt wird, damit er weggeschafft werden kann. Möglichst weit weg, wollen die Bürgerinitiativen, doch das strenge Atomrecht setzt auf tunlichste Vermeidung langer Transporte. „Die Betreiber hätten schon längst ein Zwischenlager mit vier Kilometer Abstand zur Asse benennen können“, findet Asse-Kritikerin Heike Wiegel.

Das wird noch lange dauern. Die vielen Mikrofone, die kürzlich zur Erkundung der Seismik des fragilen Asse-Gebirgszugs in den Boden gesetzt worden sind, tragen nicht zur Beruhigung der Lage bei, obwohl die 3-D-Seismik eine wesentliche Voraussetzung zur Rückholung schaffen soll. Immerhin ist BGE-Chef Studt schwer beeindruckt von der „Dynamik des Abends“ in der Gaststätte Zum Asseblick.

Problemfall Asse

Die Schachtanlage Asse ist nur eines von drei niedersächsischen Atomlagern – neben Gorleben und dem Schacht Konrad bei Salzgitter. Die Asse ist ein ehemaliges Salzbergwerk zehn Kilometer östlich von Wolfenbüttel. Bis 1964 wurde sie als Salzbergwerk betrieben, ab 1965 als sogenanntes Forschungsbergwerk, in das bis 1978 schwach- und mittelradioaktiver Abfall eingelagert wurde – mehr als 126.000 Gebinde.

Zwischen 1979 und 1995 wurden in der Asse Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Einlagerung von Atomabfällen in Salzstöcken getrieben – Versuche, die auch dem ehemals geplanten Endlager Gorleben dienen sollten. In den 2000er-Jahren gab es Überlegungen, die Asse, in die ständig Wasser eindrang, zu stabilisieren und mit Magnesiumchlorid als Schutzfluid zu fluten. Doch Anfang 2010 wurde die Herausholung des Mülls beschlossen.

Betreiber der Asse ist seit Juli 2016 die neugegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit Sitz in Peine, die auch für Schacht Konrad zuständig ist, der schwach- und mittelradioaktiven Müll aus abgeschalteten Kernkraftwerken aufnehmen soll wie auch für Gorleben, das als Atomendlager eher nicht in Betracht kommen dürfte. Allerdings beginnt die Suche für ein Endlager für hochstrahlenden Atommüll erst im Herbst dieses Jahres. Die BGE ist auch noch für das Lager Morsleben in Sachsen-Anhalt zuständig, in dem bis 1998 schwach- und mittelradioaktiver Müll eingelagert wurde.

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