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Niedersachsen Vor Castor-Transporten deutet vieles auf energische Proteste hin
Nachrichten Politik Niedersachsen Vor Castor-Transporten deutet vieles auf energische Proteste hin
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16:35 09.11.2010
Von Thorsten Fuchs
In zahlreichen Orten im Wendland säumen Symbole des Protestes gegen den Castor-Transport die Straßen.
In zahlreichen Orten im Wendland säumen Symbole des Protestes gegen den Castor-Transport die Straßen. Quelle: dpa
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Die Zellentüren stehen offen, es ist noch niemand da, aber es ist alles bereit, auch die Seife steht schon da. Dickliche orangefarbene Flüssigkeit in transparenten Spendern, Duftrichtung „Pfirsich“. Kriminalhauptkommissar Michael Düker zeigt die Toiletten, „alles neu hergerichtet“, dann eilt er weiter zu den Zellen, „alles vorbildlich“, und weil er merkt, dass das wohl alles ein bisschen zu einladend klingt, fügt er hinzu: „Unser Ziel ist, dass hier niemand untergebracht werden muss.“ Es wäre ihm am liebsten, die Seifenspender wären am Ende der Woche so voll wie jetzt. Aber er weiß, dass es nicht so sein wird.

„GeSa“ steht, von Hand geschrieben, auf den Schildern, die den Weg zu diesem Ort auf dem Gelände der Lüchower Polizei weisen. „Gefangenen-Sammelstelle“ wäre zu lang, und „Gesa“ klingt ja auch viel freundlicher. Früher war dies eine Fahrzeughalle, die Rolltore erinnern noch daran. Im Inneren jedoch teilen nun Betonwände die Halle in einzelne Zellen. In der längsten Zeit des Jahres stehen hier Seminartische und Sportgeräte, Polizisten lernen die Grundlagen des Strafrechts oder halten sich fit. Aber jetzt hat wieder eine besondere Zeit begonnen, deshalb hängen an den Türen Zettel mit Aufschriften wie „Zelle 6 – Männer – Kapazität: 23“.

Noch ist der Zug mit den Castor-Behältern aus Frankreich nicht mal auf dem Weg ins Zwischenlager Gorleben. Aber es ist  ja vieles absehbar, einerseits. Als junger Polizist musste Düker helfen, ein Hüttendorf zu räumen. Mit der Gewalt hatte er nicht gerechnet. Er und seine Kollegen wurden in die Situation hineingeworfen, die Nächte verbrachten sie auf ihren Schutzschilden unter den Mannschaftswagen. „Das war grausam.“ Aber inzwischen haben alle gelernt. „Wir sind vorbereitet“, sagt er.

„Wir“, das sind gut 16.000 Polizisten. Deshalb sind Seminar- und Sporträume jetzt wieder provisorische Gefängnisse. Und doch ist es, andererseits, eine Rechnung mit Unbekannten. Mit gut 30 000 Teilnehmern rechnen die Veranstalter bei der Auftaktdemonstration, und niemand weiß, wie viele von ihnen es nicht bei Parolen belassen. Deshalb gibt es zusätzlich die drei großen Zellen. Wobei „Zellen“ ein zu bescheidener Ausdruck ist, es sind kleine Hallen, nach oben offen, an den Seiten begrenzt von Beton. Wie viele Menschen hineinpassen, vermag Düker nicht zu sagen. Dass mehr hineinpassen als die 23 in den kleineren Zellen, ist klar.

Wer in diesen Tagen im Wendland unterwegs ist, der spürt jedenfalls eine große Entschlossenheit. Man kann das zum Beispiel in einem Fachwerkhaus in der Rosenstraße in Lüchow sehen, im Büro der Bürgerinitiative. Im 30-Sekunden-Takt klingelt das Telefon, im Minutentakt öffnet sich die Tür, und die Veteranin Edelgard Grefer („Ich bin seit 27 Jahren im Widerstand“) gerät an die Grenzen ihres Organisationsvermögens. Ein Laubsägebastler stellt 200 gelbe Kreuze vor ihr ab („die Fäden hat meine Frau befestigt“), ein älterer Herr besteht darauf, dass seine CD über die Lautsprecher gespielt wird („wirkt beruhigend“), und ein junger Mann mit blondem Vollbart fragt, wohin mit seinem mobilen Pizzaofen. „Der Protest ist breiter“, versichert Frau Grefer. Vielleicht ist er auch energischer.

Am Abend zuvor in Kamitz, einem dieser Rundlingsdörfer, in dem die Straßen keine Namen, sondern die Häuser Nummern tragen. Im ersten Stock des alten Meier-Hofes sitzen 15 Männer und Frauen. Auf dem Tisch in der Mitte stehen Schüsseln mit Sonnenblumenkernen und rohen Möhren, meistens greifen die Hände in die Schale mit dem Baumkuchen – Nervennahrung für den Castor-Protest. Es ist das letzte Treffen vor dem Wochenende, es gibt viel zu besprechen. Strohballen, Kuhglocken, gibt es eigentlich WLAN im Aktionscamp?, und natürlich die Sache mit den Ketten.

„WiderSetzen“ nennt sich die Gruppe, und was das ist, kann Hauke Nissen erklären. „Die normalen Wendländer“, sagt Nissen, Vater zweier Kinder, Maschinenschlosser, „wollen einfache Protestformen.“ Und sich auf die Schienen zu setzen, wenn der Zug kommt, das ist für ihn eine einfache Form. Zweimal hat er schon in der „GeSa“ gesessen. Es ist möglich, dass er auch dieses Mal wieder dort landen wird. Diesmal nämlich, kündigt er an, wollten sich einige aus ihrer Gruppe zusammenketten, damit sie nicht so leicht fortzutragen sind. „Verketten“, betont er, nicht „Anketten“.

Sich an die Schienen zu ketten, wäre eine Straftat. Was „verketten“ juristisch bedeutet, wissen sie nicht. „Aber wir tragen die Konsequenzen, auch ein Urteil“, sagt einer von ihnen. Nissens Schicht hat am Morgen um vier begonnen, jetzt ist es spät am Abend, er ist müde. Nissen ist ein ruhiger Mensch, „die Polizei ist nicht unser Gegner“, betont er. Aber manche hier wollen weiter gehen als früher, das ja.

Die Pannen in der Asse, die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke, die noch immer ungeklärte Endlagerfrage, alles das scheint etwas zu ermöglichen, was viele außer Jens Feuerriegel schon kaum mehr für möglich gehalten hätten. Feuerriegel, 49, ist Redakteur der „Elbe-Jeetzel-Zeitung“, der Lokalzeitung im Wendland. Seit 20 Jahren schreibt er über Atompolitik und die Proteste. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Foto von Angela Merkel, wie sie als Umweltministerin 1995 das Zwischenlager besucht. Merkel im weißen Anzug mit Schutzhelm, schräg hinter ihr: Feuerriegel. „Der Protest hier ist eine Wellenbewegung“, sagt er. Er schrieb darüber, wie vor wenigen Jahren gerade mal 2000 bis 3000 Menschen demonstrierten. Und er spürt, dass er nun andere Berichte schreiben wird: „Die Leute sind bereit, wieder auf die Straße zu gehen.“

Nur werden sie die Ankunft des Atommülls in Gorleben damit nicht mal verzögern können, jedenfalls glaubt Jürgen Auer nicht daran, im Gegenteil. Auer ist Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service, des Betreibers des Zwischenlagers. Von dem Gebäude, in dem er arbeitet, sieht man alle paar Minuten einen dunkelblau gekleideten Sicherheitsmann, der vor der Mauer und dem Stacheldraht Streife geht. „Ketzerisch könnte man sagen: Die Demonstranten beschleunigen den Transport sogar“, sagt Auer. Wegen der zusätzlichen Kollegen, die sie wegen der besonderen Lage für das Verladen bekommen, und der Genehmigung zur Sonntagsarbeit, die sie sonst auch nicht bekommen würden.

Die Demonstranten wollen den Transport auch nicht verhindern, sondern ein politisches Zeichen setzen, so hat es einer ihrer Sprecher erklärt, und so ist alles am Ende Teil eines Rituals, zu dem auch gehört, dass Auer während der heißen Tage die Fahrt ins Zwischenlager manchmal fast genießt. Auer wohnt in Dannenberg, dem Ort, wo die Behälter verladen werden. Dort wird es laut sein in den kommenden Tage, wegen der vielen Menschen und der Hubschrauber. Hier dagegen, an dem Ort, um den es geht, wird es wahrscheinlich wieder still sein, ganz still.