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Niedersachsen Zahl steigt rasant: Immer mehr Menschen brauchen einen Betreuer
Nachrichten Politik Niedersachsen Zahl steigt rasant: Immer mehr Menschen brauchen einen Betreuer
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21:03 09.08.2019
Wenn es alleine nicht mehr geht: Das Justizministerium wirbt für Vorsorgevollmachten. Quelle: Silvia Marks, dpa
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Hannover

Die Zahl der Menschen in Niedersachsen, die einen Betreuer zur Regelung ihrer Angelegenheiten brauchen, steigt rasant. Gab es nach Auskunft des Justizministeriums im Jahr 1995 noch etwa 65.000 Betreuungsverfahren im Land, so waren es zu Beginn dieses Jahres rund 141.000. In mehr als der Hälfte der Fälle – und zwar in 76.000 Verfahren – sind nach Auskunft von Justizministerin Barbara Havliza (CDU) ehrenamtliche Betreuer bestellt worden. Dabei sind es nicht nur ältere, demente Menschen, die eine Betreuung benötigen. Zunehmend seien auch jüngere Menschen, etwa Drogenabhängige oder psychisch Kranke, betroffen, erklärt Havliza.

Oft muss ein bezahlter Betreuer übernehmen

Doch nicht immer steht ein Familienmitglied zur Verfügung, um eine Betreuung zu übernehmen. In vielen Fällen muss ein Berufsbetreuer bestellt werden, der dann für seine Tätigkeit zu bezahlen ist. „Wie sehr das Volumen für diese Art von Betreuungen gestiegen ist, sieht man auch hier an Zahlen. Waren 2005 noch knapp 34 Millionen Euro an Vergütungen für Berufsbetreuer durch die Landeskasse zu zahlen, so sind es 2018 gut 69 Millionen Euro“, berichtet die Ministerin. Diese Summe werde sogar noch spürbar steigen, weil jüngst auf Bundesebene eine Erhöhung der Vergütung für Betreuer um 17 Prozent beschlossen worden sei.

Über die Betreuungen entscheiden müssten die 80 Amtsgerichte Niedersachsens, die in dieser Frage eine wichtige Funktion hätten, sagt Havliza. „Viele Fälle laufen über Jahre“, berichtet Richterin Annette Loer vom Amtsgericht Hannover, an dem derzeit mehr als 12.700 Betreuungsangelegenheiten behandelt werden. Nach Angaben des Justizministeriums dauert ein Verfahren durchschnittlich 7,3 Jahre. „Das Ansehen der Betreuung hat sich sehr gewandelt“, betont Richterin Loer. Heute komme es sogar öfter vor, dass sich Menschen eine Betreuung wünschten. „Schon wer ein bisschen eingeschränkt ist, schafft es kaum noch, seinen Sozialhilfeantrag auszufüllen“, weiß die Richterin, die zunehmend mit Menschen konfrontiert ist, die kein soziales Umfeld mehr hätten.

Einfach die Post nicht mehr aufgemacht

Ein klassischer Fall sei der eines depressiven Mannes Mitte 50, der seine Post nicht mehr aufgemacht habe, bis sich die Probleme häuften – und Nachbarn dann auf seine Lage hingewiesen hätten. „Miete und Rechnungen nicht bezahlt, Kündigung durch den Vermieter, Gerichtsvollzieher und, und, und“, berichtet Loer. Hier etwa müssten Richter für eine Betreuung sorgen. „Unsere Richter müssen oft in Altenheime, Krankenhäuser, Psychiatrien oder Privatwohnungen eilen, um sich ein eigenes Bild zu verschaffen.“ Entschieden werden müsse etwa, ob ein Kranker in bestimmten Ausnahmefällen am Bett fixiert werden dürfe oder nicht. Auch wenn am Amtsgericht Hannover die Zahl der Betreuungsfälle stagniere, seien sie oft komplizierter gelagert.

Auf Anregung von Ministerin Havliza veranstalten nahezu alle Amtsgerichte in Niedersachsen am 23. September einen „Tag des Betreuungsrechts“. Hier soll darauf hingewiesen werden, wie wichtig es ist, rechtzeitig eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung abzufassen. „Jenseits der Zahlen“, sagt Havliza, „liegt mir eines am Herzen: dass die Menschen sich mit diesem Thema befassen und rechtzeitig eine Vorsorgevollmacht und gegebenenfalls auch eine Patientenverfügung verfassen und das Thema nicht von sich wegschieben.“ Es sollte jedem ein Anliegen sein, rechtzeitig und selbstbestimmt festzulegen wie und durch wen seine Angelegenheiten im Krankheitsfall geregelt werden sollen.

Oft springen Angehörige ein

Rechtliche Betreuung bekommen Menschen über 18 Jahre, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu entscheiden. Das können etwa Menschen sein, die eine geistige Erkrankung oder Behinderung haben. In Deutschland haben insgesamt etwa 1,3 Millionen Menschen einen rechtlichen Betreuer. Eine Betreuung kann man für sich selbst oder für eine andere Person anregen. Den Antrag stellt man beim Amtsgericht. Wenn tatsächlich eine Betreuung notwendig ist, bestimmt das Gericht einen Betreuer und entscheidet, für welche Bereiche eine Betreuung stattfinden soll. Das kann auch bei einer vorübergehenden Krankheit der Fall sein. Oft übernehmen Familienmitglieder die Betreuung.

 

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