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Niedersachsen Viele Lehrerstellen unbesetzt
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16:58 31.07.2016
Sucht zum Schuljahresbeginn noch Lehrer und Schulsozialarbeiter: Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.
Sucht zum Schuljahresbeginn noch Lehrer und Schulsozialarbeiter: Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.
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Hannover

Im Februar hatte das Land 100 Sozialpädagogen-Stellen an Grundschulen mit besonders vielen Flüchtlingskindern ausgeschrieben. ,,Davon müssen zirka 25 neu ausgeschrieben werden", sagte die Kultusministerin. Das Bewerbungsverfahren für die derzeit zusätzlich ausgeschriebenen 500 unbefristeten Sozialarbeiterstellen laufe noch. Der Markt sei ziemlich leergefegt, weil die anderen Bundesländer ebenfalls suchen. ,,Es wird uns gelingen, mit 900 Fachkräften an über 1000 Schulen schulische Sozialarbeit zu leisten", versicherte Heiligenstadt.

Auch der Markt für Lehrer sei angespannt. Zum am Donnerstag beginnenden Halbjahr seien 2700 Lehrerstellen ausgeschrieben worden, 930 mehr als ursprünglich geplant. Damit reagiere das Land darauf, dass innerhalb eines Jahres mehr als 30000 Flüchtlingskinder in die Schulen aufgenommen wurden. ,,Sie benötigen nicht nur Sprachförderung", sagte die Ministerin. ,,Es müssen auch deutlich mehr Klassen gebildet werden." Das sei nicht leicht: Bei Grund- und Hauptschulen sowie Real- und Oberschulen gebe es zurzeit wesentlich mehr Stellen als Bewerber. So fehlten an Grundschulen vor allem Lehrkräfte für Musik, an Realschulen für Französisch, an Gymnasien für Latein und Physik. Mangelfächer an berufsbildenden Schulen seien Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Sozialpädagogik.

Die Opposition im Landtag hält die Probleme für von der rot-grünen Regierung verschuldet. Heiligenstadts Äußerungen ließen Schlimmes für den Schuljahresbeginn erahnen, meinte Kai Seefried von der CDU. Die Ministerin habe sich bei der Einstellung von Schulsozialarbeitern unnötig in eine so schwierige Position gebracht, sagte der bildungspolitische Sprecher am Sonntag der HAZ: ,,Allein für die Ausschreibung der ersten 100 Stellen hat sie fast ein halbes Jahr vergehen lassen, obwohl die finanziellen Mittel bereits im letzten Jahr im Rahmen eines Sonderhaushaltes zur Verfügung standen." Auch müssten die freien Träger aus der Wohlfahrt und den Kirchen als Partner in den Schulen besser berücksichtigt werden.

Die Ministerin trägt aus Sicht der CDU die Verantwortung für die schlechteste Unterrichtsversorgung seit über 10 Jahren. Die Schulen litten immer noch unter ihrer Entscheidung, die Arbeitszeit der Lehrer zu erhöhen. ,,Auch die Umsetzung der schulischen Inklusion stockt", sagte Seefried. Viele Schulleiter hatten beklagt, dass es für behinderte Kinder keine festen Sonderpädagogen gebe, sondern diese von Schule zu Schule tingelten. Heiligenstadt sagte dazu: ,,An kleinen Grundschulen lässt es sich nicht vermeiden, dass der Sonderpädagoge auch an anderen Schulen unterrichten und die Lehrer beraten muss."

Auch Björn Försterling von der FDP hält die Schwierigkeiten zum Schuljahresbeginn für hausgemacht. „Die Probleme bei der Besetzung der Sozialpädagogen waren absehbar", sagte der bildungspolitische Fraktionssprecher der HAZ. ,,Die Kultusministerin hat über ein halbes Jahr benötigt, um die Stellen auszuschreiben, hat die freien Träger nicht mit ins Boot geholt und bietet den Sozialpädagogen größtenteils einen geringeren Lohn als vorher." Ein ähnliches Versagen zeichne sich bei der Unterrichtsversorgung ab, meint Försterling: ,,Im kommenden Schuljahr wird noch mehr Unterricht ausfallen als im vergangenen Schuljahr."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dagegen lobt die große Zahl der Stellenausschreibungen und führt die Probleme nicht zuletzt auf die Politik der Vorgängerregierung zurück. ,,Schwarz-Gelb hat die Lehrerausbildungskapazitäten massiv runtergefahren", sagte der Landesvorsitzende Eberhard Brandt. So sei 2004 die Ausbildung für Grund-, Haupt- und Realschullehrer in Hannover und Göttingen komplett gestrichen worden. ,,Solche Entscheidungen wirken immer sehr langfristig", meinte Brandt.

Da das Bewerbungsverfahren nicht abgeschlossen sei und fortlaufend eingestellt werde, gebe es aber Hoffnung, dass in den kommenden Wochen und Monaten viele weitere Kräfte an die Schulen kämen. Ähnliches gelte für die Sozialpädagogen. Viele befristete Sozialarbeiterstellen bei den Kommunen liefen in Kürze aus, sagte Brandt, sie gelte es in den Landesdienst zu übernehmen. Zum Schuljahresbeginn seien viele Kollegen an den Schulen angesichts nicht besetzter Lehrerstellen allerdings verunsichert: ,,Gerade im ländlichen Bereich ist die Aufregung groß."

,,Das Thema Amok ist nicht neu"

Die vergangenen Wochen waren von Amok und Terror geprägt. In München tötete ein Schüler neun Menschen und sich selbst. Auch Niedersachsens Schulen sind gefordert, labile Jugendliche zu erkennen und ähnliche Taten zu verhindern. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt sieht die Schulen in dieser Hinsicht gut aufgestellt. ,,Das Thema Amok ist nicht neu", sagt sie. ,,Frühzeitig Hinweisen nachzugehen ist eine Aufgabe, die unsere Schulen sehr gewissenhaft und verantwortlich wahrnehmen." Es gebe Fortbildungen für Lehrer und Programme für Schüler, etwa um Mobbing vorzubeugen. Das Salafismus-Problem sei zwar relativ neu, doch es gebe bereits Programme gegen Radikalisierung und für den Notfall Kriseninterventionsteams. ,,Trotz aller Prävention: Niemand kann sagen, ob es wirklich immer gelingt, solche schlimmen Ereignisse zu verhindern", meinte Heiligenstadt.

Kai Seefried von der CDU im Landtag spricht dagegen von einem großen Nachholbedarf an Niedersachsens Schulen. ,,Leider haben die schlimmen Ereignisse in Niedersachsen im Zusammenhang mit islamischer Radikalisierung gezeigt, dass unsere Schulen nicht ausreichend begleitet und unterstützt werden", sagte der bildungspolitische Fraktionssprecher am Sonntag.

Von Gabriele Schulte und Christina Sticht

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