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Attentate von Paris Ulrich Wickert: Mein Paris – mein Schmerz
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21:34 15.11.2015
1984 wurde Ulrich Wickert Leiter des Pariser ARD-Studios. In diesem Jahr drehte er eine bekannte Reportage darüber, wie man am besten den vielbefahrenen Place de la Concorde überquert. Quelle: Paul Zinken
Hannover

Die Nachricht von den furchtbaren Ereignissen in Paris erreichte mich über das Handy bei einem Abendessen mit Freunden in einem Berliner Lokal. Vage erst. Angeblich Explosionen vor dem 
Stade de France, wo gerade Frankreich und Deutschland ein Freundschaftsspiel austragen. Aber vielleicht doch nur Böller und Pyrotechnik von Fußballfans?

Dann Schüsse in einem oder vor einem Lokal im elften Arrondissement. Geiselnahme in einer Konzerthalle? Dann immer schmerzhafter. Mindestens 18 Tote. Polizei bestätigt. Vermutlich Terrorangriff. Neue Schüsse vor einem anderen Lokal. Während ich hier in Berlin beim Abendessen sitze, erlebt Paris gerade eine der schlimmsten Nächte seiner Geschichte. Mein Paris. Das Paris, in dem ich einen Teil meines Lebens verbracht habe. Das Paris, das mir wie keine andere Stadt der Welt zur Heimat geworden ist.

Nicht die Champs-Élysées, nicht all die berühmten Straßen und Plätze, wo sich die Touristenmassen drängen, war das Ziel der Terroristen – sondern das Paris der kleinen Leute, die Kneipenviertel im zehnten und elften Arrondissement, dort, wo ganz normale Leute wohnen und wo junge Pariser am Freitag in das Wochenende feiern. Quelle: Ian Langsdon

Meine Freunde am Tisch wissen das. Sie sind genauso bedrückt wie ich. Doch sie haben nicht die gleichen Erinnerungen wie ich im Kopf, die Bilder von all den Straßen und Plätzen, die mir so vertraut sind und wo jetzt Menschen um ihr Leben rennen. Und sie wissen nicht, wie das ist, wenn man in einer Stadt in Angst lebt.

Die zerbombte Buchhandlung, die Bombe in der Metro … all die Anschläge iranischer Fundamentalisten in den Achtzigerjahren, die ich in meiner Zeit als ARD-Korrespondent fast hautnah miterlebte, plötzlich sind all diese alten Bilder wieder in meinem Kopf. Meine Tochter ging damals in Paris zur Schule. Ich ließ sie nicht mehr Metro fahren, brachte sie jeden Morgen mit dem Auto zum Unterricht und holte sie nach Schulschluss wieder ab.

Ziel war das Paris der kleinen Leute

Schon mindestens 60 Tote. Wieder ploppt eine neue Nachricht auf meinem Handy auf. Die Konzerthalle, in der die Terroristen Geiseln genommen haben, ist das „Le Bataclan“ am Boulevard Voltaire. Wie oft habe ich dort selbst Konzerte besucht? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass es hauptsächlich von jungen Leuten besucht wird.

Wie überhaupt – das fällt mir jetzt auf – die Terroristen ihre Angriffe in ganz normalen Vierteln gestartet haben. Nicht die Champs-Élysées, nicht all die berühmten Straßen und Plätze, wo sich die Touristenmassen drängen, war ihr Ziel – sondern das Paris der kleinen Leute, die Kneipenviertel im zehnten und elften Arrondissement, dort, wo ganz normale Leute wohnen und wo junge Pariser am Freitag in das Wochenende feiern. Ein Anschlag auf das Lebensgefühl dieser Stadt.

Der alte Journalist beginnt Fragen zu stellen

Oder könnte das auch ein Indiz sein, dass die Attentäter sich hier auskennen, dass sie vielleicht hier aufgewachsen sind? Der alte Journalist in mir beginnt immer schneller Fragen zu stellen. Doch selbst für Spekulationen ist es noch viel zu früh. Noch wissen wir überhaupt nicht, ob es sich bei den Attentätern wirklich um Angreifer des IS, des „Islamischen Staates“, handelt.

Trotzdem bestürmen mich meine Freunde am Tisch mit Fragen: Paris, warum immer wieder Paris? Nun, Paris ist immer noch das Herz Frankreichs. Und Frankreich bombardiert in Syrien den „Islamischen Staat“. Und – was viele nur am Rande sehen – Frankreich hat in Mali den Vormarsch von Al-Kaida und anderen islamistischen Rebellentruppen gestoppt, ist dort und in der Sahelzone nach wie vor mit rund 3000 Soldaten im Einsatz.

Außerdem sollen inzwischen schon über 5000 junge Franzosen für den IS im Nahen Osten kämpfen. Darunter sind viele Muslime, die in den Banlieues, in den Vorstadtgettos von Paris groß geworden sind. Ohne Hoffnung und Aussicht auf ein bürgerliches Leben. Frustriert, verführt und voller Hass auf die westliche Gesellschaft. Der französische Staatspräsident François Hollande ist inzwischen vor die Fernsehkameras getreten. Er teilt mit, dass Frankreich seine Grenzen geschlossen hat, und verkündet den Ausnahmezustand für sein Land.

Wie wird es jetzt weitergehen? Wie wird der Staat auf diese Kriegserklärung reagieren? Und vor allen Dingen die Franzosen selbst? Nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar rückte das tief gespaltene Land enger zusammen. Sogar die Sympathie- und Zustimmungswerte für den im Umfragetief sitzenden Hollande schnellten erst einmal wieder in die Höhe. Ein Land vereint darin, dem Terror zu trotzen.

Hält der Burgfrieden bis zur Wahl?

Dass es auch nach diesen Anschlägen zu einer ähnlichen Reaktion kommen wird, ist nicht schwer vorauszusagen. Noch in der Nacht einigen sich alle Parteien, den Wahlkampf für die in drei Wochen stattfindenden Regionalwahlen auszusetzen. Sogar der rechtspopulistische Front National mit Marie Le Pen an der Spitze stimmt dieser Vereinbarung zu.

Doch ungleich schwerer vorherzusagen ist, ob dieser Burgfrieden auch bis zur Wahl hält. In den Umfragen vor den Anschlägen lag der Front National mit 28 Prozent knapp vor den konservativen Republikanern von Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy (27 Prozent) und weit vor den Sozialisten von Präsident Hollande (21 Prozent). Die Versuchung für den Front National, die Terrornacht von Paris auch parteipolitisch auszuschlachten, dürfte groß sein.

Und wie geht das Leben in Paris weiter? Wie wird diese Stadt diesen neuerlichen Schlag verkraften? Als ich am Morgen mit Freunden in Paris telefoniere, erzählen sie mir, dass im Bistro nebenan die Leute ihr Croissant in den Milchkaffee tauchen, es beim Bäcker um die Ecke nach frisch gebackenen Baguettes duftet und dass das Kaufhaus Lafayette wie jeden Tag um 9.30 Uhr seine Türen geöffnet hat.

Und mit wem ich auch spreche, jeder sagt mir zum Abschied das Gleiche: Das Leben geht weiter. Wir lassen uns nicht kleinkriegen. Jetzt erst recht nicht. Und in meinem Kopf beginnt eine kleine Melodie zu summen. Die Melodie des wohl schönsten Liedes, das je über Paris geschrieben wurde:

Il est cinq heures, Paris s´éveille. 
Es ist fünf Uhr, Paris erwacht.

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