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Promis Weshalb ist Sex Ihr Lieblingsthema?
Nachrichten Promis Weshalb ist Sex Ihr Lieblingsthema?
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18:18 20.08.2015
"Sie hilft sehr enthusiastisch bei der Recherche", sagt T. C. Boyle über seine Frau und deren Meinung zu den Sexszenen in seinen Büchern. Quelle: Jamieson Fry
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Herr Boyle, lassen Sie uns über Sex sprechen. Stellen Sie sich vor, Sie leiten einen Schreibkurs für erotische Szenen. Was würden Sie den Schülern empfehlen?
Sexszenen sind dann am besten, wenn man nur andeutet, nicht ausführt. Das gilt übrigens für Gewaltfantasien genauso. Die Imaginationskraft des Lesers braucht nur einen winzig kleinen Stupser.

Auf die Frage, weshalb dieses Thema in Ihrem Werk so dominant ist, haben Sie mal gesagt: „Alle Tiere mögen Sex, und ich selbst bin auch ein Tier.“ Gibt es neben diesem animalischen Aspekt noch eine tiefere Bedeutung für das Motiv?
Mein vorrangiges Thema – und auch meine Sorge – ist, wie unsere Spezies auf diesem mysteriösen Planeten in die Ordnung der Dinge passt. Die Leute debattieren darüber, ob Tiere Gefühle und Intelligenz besitzen. Aber die Antwort ist offensichtlich: Schauen Sie uns an.

Mal ehrlich, was hält Ihre Frau davon, dass in Ihren Romanen dem Fleischlichen eine so große Bedeutung zukommt?
Sie hilft sehr enthusiastisch bei der Recherche.

Törnt Sie dieses Schreiben an?
Absolut. Die Sexszenen entstehen, wenn der Autor scharf ist, die Rauschszenen, wenn er einen Drink braucht, und die üppigen Essensszenen, wenn der Hunger zuschlägt.

Können Sie sich einen asexuellen Helden vorstellen?
Ja, natürlich. Ich plane eine ganze Romanreihe, in der Süßwasserpolypen die Protagonisten sind.

Erotik in der Kunst kann ja oft peinlich sein – fällt Ihnen da ein Beispiel ein?
Klar, aber ich werde keines nennen. Ich habe so schon genug Feinde.

Können Sie sich an Ihre erste literarische Sexszene erinnern?
Die erste Geschichte meiner ersten Sammlung, „Die Abstammung des Menschen“, ist eine zärtliche Liebesgeschichte über eine Primatenforscherin, die einen Schimpansen dem Mann vorzieht, mit dem sie zusammenlebt. Sex – also der Sex zwischen verschiedenen Spezies – findet hier vor allem zwischen den Zeilen statt. Aber passenderweise entlädt sich dann die Gewalt genau am Ende. Und das ist zum Schreien komisch.

Was hat Sie dazu veranlasst, den Sexualforscher Alfred Kinsey in Ihrem Roman „Dr. Sex“ zur literarischen Figur zu machen?
Viele Dinge. Zunächst einmal war er ein Kontrollfreak und Egomane wie der Cornflakes-Unternehmer John Harvey Kellogg und der Architekt Frank Lloyd Wright, zwei andere amerikanische Persönlichkeiten aus dem 20. Jahrhundert, über die ich geschrieben habe. Außerdem war er ein Pionier darin, sexuelles Verhalten in der öffentlichen Wahrnehmung zu normalisieren. Ein dritter Grund ist, dass er viel komisches Potenzial hat. Zu guter Letzt reizte mich, dass er versuchte, unsere animalische von unserer intellektuellen oder geistigen Natur zu trennen. Das ist eine Idee, die mich sehr fasziniert und die ich in unzähligen Geschichten ausgeführt habe.

In dem Roman entlarven Sie die Heuchelei und Prüderie der amerikanischen Gesellschaft in den Vierzigerjahren. Wie sieht das heute in Ihrem Land aus?
Sex ist zwar im Fernsehen und im Internet allgegenwärtig. Doch der hartnäckige Versuch rechter Politiker, die Rechte von Frauen auf Abtreibung und Verhütung einzuschränken, hinterlässt den Eindruck, als lebten wir in einer umnachteten islamischen Theokratie und nicht in einer angeblich säkularen Demokratie.

Woran schreiben Sie zurzeit?
Ich bin gerade zur Hälfte fertig mit einem Roman namens „Die Terranauten“, der sich mit den ökologischen und zwischenmenschlichen Auswirkungen des Biosphärenexperiments aus den frühen Neunzigern beschäftigt. Vier Männer und vier Frauen wurden für zwei Jahre in einer künstlichen Welt eingeschlossen. Sie ist nur 12 000 Quadratmeter groß und mit einer eigenen Biosphäre ausgestattet, 3800 Pflanzen- und Tierarten. Ich ahnte übrigens vorher nicht, wie sexy diese Versuchsanordnung in meinem Roman werden würde. Vier Männer, vier Frauen. Zwei Jahre. Nichts kommt rein, nichts raus. Was sollen sie bloß tun?

Dieser Tage erscheint die Fortsetzung des Fesselspielromans „Fifty Shades of Grey“, die aus der Perspektive des Mannes erzählt wird, auf Deutsch. Sind Sie traurig, dass Sie nicht als Autor gefragt wurden?
Da ich weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen habe, wusste ich gar nicht, aus wessen Perspektive die Geschichte ursprünglich erzählt wurde. Wenn es große Literatur ist, lassen Sie es mich bitte wissen. Andernfalls muss ich passen. Obwohl ich sagen sollte, dass der alternative Titel für „Die Terranauten“ folgendermaßen lautet: „Fifty ­Shades of Gone Girl“.

Fällt Ihnen ein Beispiel für die oft beschworene Pornografisierung der Gesellschaft ein?
Dass der Film „Die Reise der Pinguine“ für Kinder freigegeben wurde. Denn er zeigt im Kern, was wir sind: Wir Menschen glauben, wir hätten einen freien Willen, doch tatsächlich sind wir alle Sklaven des Fortpflanzungsprozesses.

Kaum jemand gibt zu, Pornofilme zu schauen, und dennoch hat die Industrie die Gesellschaft so beeinflusst, dass es heute als normal gilt, sich den Intimbereich zu rasieren. Wie kommentieren Sie das?
Ich halte das nicht so sehr für eine hygienische Notwendigkeit, sondern eher für eine Möglichkeit, die uns einen klinischen Blick auf unseren Intimbereich erlaubt, was sowohl im Pornogenre als auch in unser auf Authentizität bedachten Gesellschaft eine große Rolle spielt. Ich muss dabei jedoch ans Gegenteil denken: An Philip Roths Figur des weiblichen Affen in dem Roman „Portnoys Beschwerden“. Sie wurde gerade wegen ihres üppigen Schamhaares verehrt.

Wie hat sich die öffentliche Debatte über das Thema Sex gewandelt, seit Sie mit dem Schreiben begannen?
Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als die Zensur in den USA gängige Schimpfwörter und Flüche verbot. Der 2007 verstorbene Norman Mailer zum Beispiel sah sich gezwungen, den Neologismus „fug“ statt „fuck“ zu erfinden – das war übrigens auch die Geburtsstunde der Band The Fugs.

Wurden Sie schon einmal zensiert?
Ja, neulich, von einer britischen Zeitung. Der war meine unverhohlene und enthusiastische, wenn auch ironische Ankündigung meines bevorstehenden Selbstmordes nicht geheuer. In meiner kreativen Arbeit wurde ich aber nicht ein einziges Mal im Hinblick auf politische, soziale oder sexuelle Aspekte zensiert.

Gibt es noch Tabus zu brechen?
Ja, der Papst muss sich von dem barbarischen Verbot der Geburtenkontrolle verabschieden.

Welche Frage zum Thema würden Sie gerne noch beantworten?
Weshalb haben Männer Brustwarzen?

Interview: Nina May

Charmanter Unterhalter mit Witz

Der US-Bestsellerautor Thomas Coraghessan Boyle schreibt immer wieder über Aussteiger und über Gesellschaftsentwürfe von Utopisten, die sich an einsamen Orten ihren Ideen hingeben. Sein Roman „Drop City“ (2003) etwa handelt von einer Hippiekommune, der Science-Fiction-Roman „Ein Freund der Erde“ (2000) von Umweltaktivisten und ihrem Kampf gegen die Zerstörung unseres Lebensraumes. In dem Roman „San Miguel“ (2013) betrachtet der Schriftsteller drei verschiedene Generationen dabei, wie sie sich auf der kargen gleichnamigen Insel vor der Küste Kaliforniens durchs Leben schlagen.

T. C. Boyle selbst jedoch ist anders als seine Figuren kein exzentrischer Einzelgänger, sondern ein sehr aufgeschlossener Mensch. Bei öffentlichen Lesungen – etwa bei der Leipziger Buchmesse 2009 – zeigt er sich regelmäßig als souveräner Entertainer mit Witz. So hat sich der Mann mit dem wirren Haar und dem Künstlerbart auch auf der Bühne zum Pop-und Literaturstar entwickelt. Ein Interview mit Boyle gleicht einem Flirt, wobei sich der Schriftsteller unaufdringlich charmant gibt. Seine Pointen weiß er im Gespräch ebenso gut zu setzen wie in der Literatur.

Deutschland ist für Boyle der zweitwichtigste Markt nach den USA. Sein jüngster Roman „Hart auf hart“ ist in Deutschland im Februar dieses Jahres sogar schon vor dem Original „The Harder They Come“ auf den Markt gekommen. Der Roman handelt von einem jungen Rebellen, der aus Protest gegen seine Eltern Hanf in den Wäldern anbaut und so zum Gejagten der Justiz wird.

Boyle ist ein Experte darin, historische Biografien oder anderes dokumentarisches Material ins Romangewand zu kleiden. In „Willkommen in Wellville“ (1993) etwa steht der Cornflakes-Gigant John Harvey Kellogg im Mittelpunkt. In „Die Frauen“ (2009) geht es um den Architekten Frank Lloyd Wright. In „Dr. Sex“ um den Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey. Auch die Verfilmung mit Liam Neeson („Kinsey – Die Wahrheit über Sex“) aus dem Jahr 2004 prägte das Bild des Pionierforschers.

In seinen anderen Romanen spielt Körperlichkeit ebenfalls eine prominente Rolle. Über den Corpus erschließt der Autor sich und seinen Lesern also gleichsam den Geist. Und zwar auf eine viel subtilere Weise als die Autorin E. L. James, die mit ihren „Fifty Shades of Grey“-Romanen für Aufsehen sorgte.

Boyles Geburtsname lautet eigentlich Thomas John Boyle. Den irischen Namen Coraghessan gab er sich selbst erst mit 17 Jahren nach einem Vorfahren mütterlicherseits. Grund für die Namensänderung war auch die Entfremdung von seinen Eltern – Mutter und Vater waren Alkoholiker. Boyle schwänzte oft die Schule und schaffte den Highschool-Abschluss nur knapp.

An der State University of New York studierte er Englisch und Geschichte und begann zu schreiben. Davon erzählt er in seinem autobiografischen Text „The Eleventh Draft“ (1999). Nach seinem Studienabschluss arbeitete er vier Jahre lang als Lehrer an einer Highschool. Bei einem Zweitstudium an der University of Iowa erwarb er 1977 einen Doktortitel in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Boyle ist seit 1974 mit Karen Kvashay verheiratet. Das Paar lebt in Montecito bei Santa Barbara in Kalifornien und hat drei Kinder. Jeden Tag pflegt Boyle zur Inspiration am Strand spazieren zu gehen.

Boyle betrachtet seine Figuren wie der Verhaltensforscher Tiere: mit großer Neugier, leichter Ironie, mit Genauigkeit, Anteilnahme und dem sezierenden Blick, der aus dem Verhalten der Figuren in Extremsituationen Schlüsse für die gesamte menschliche Spezies zieht.

Von Nina May

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