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Wirtschaft Workshop: 90 Bürger diskutieren über Göttingens Zukunft
Nachrichten Wirtschaft Workshop: 90 Bürger diskutieren über Göttingens Zukunft
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11:37 07.11.2019
Bei der Veranstaltung geht es um die zukunftsträchtige Quartiersbauweise. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Um die Schaffung lebendiger, urbaner und nachhaltiger Quartiere in Göttingen ging es am Mittwoch in einem Workshop der EBR Projektentwicklung. 90 Teilnehmer kamen ins Sparkassen-Forum.

Anstatt auf einem Grundstück ein Gebäude zu erreichten, wolle er lieber mit anderen zusammen ganze Quartiere gestalten, erklärte der geschäftsührende Gesellschafter der EBR, Borzou Rafie Elizei. Deshalb richte seine Firma zum zweiten Mal innerhalb von anderthalb Jahren in dem von ihm projektierten Sparkassen-Forum einen Workshop zum Thema aus. Eingeladen hätten sie unter anderem Vertreter der Bauwirtschaft, der Hochschulen und der Stadt.

Klaus Overmeyer: „Zeit des Übergangs“

Von einer „Zeit des Übergangs“ sprach Prof. Klaus Overmeyer vom Berliner Urban Catalyst Studio. Die negativen Folgen einer auf steigenden Ressourcenverbrauch ausgerichteten Wirtschaftsform würden immer deutlicher. Gleichzeitig sei unklar, welche Alternativen es gebe. Das verunsichere viele.

„In der Stadtentwicklung geht es um eine Abkehr von der seit Jahrzehnten betriebenen Politik der Zentralisierung“, meinte der Stadtplaner und Fachjournalist Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland. Die vielen Funktionen einer Stadt müssten wieder in die Quartiere zurückgeholt werden: das Wohnen und Arbeiten, Bildung, Kultur und Erholung, ergänzte Jürgen Patzak-Poor von BAR-Architekten aus Berlin.

Häuser müssen einen Mehrwert fürs Viertel bieten

Wo sollen die Wohnanlagen entstehen? Quelle: Swen Pförtner

Bei der Entwicklung von Quartieren seien Investoren dazu zu verpflichten, vom Erdgeschoss ihrer Immobilien her zu denken, forderte Patzak-Poor. Sie sollten dort etwas schaffen, dass einen Mehrwert für das Viertel biete. Im Erdgeschoss ließen sich zum Beispiel Handwerker ansiedeln, die seit langem in die Gewerbegebiete am Stadtrand abgedrängt worden seien. Schalldämmung ermögliche das. Der Architekt machte sich zudem für eine soziale Mischung in den Quartieren stark. Wohnhäuser sollten auch Ein-Zimmer-Appartments für Hartz-IV-Empfänger bieten.

„Je mehr Dinge sich in einem Quartier auf kurzem Wegen erledigen lassen, um so weniger brauchten Bürger ein Auto“, gab Fußgänger-Lobbyist Stimpel zu bedenken. Göttingen sei da in einer guten Ausgangslage. Ein Drittel der Bürger könne die Innenstadt innerhalb von 20 Minuten zu Fuß erreichen. Es sei nur schade, dass um die Innenstadt herum in den 60er-Jahren ein stark befahrener Straßenring gelegt worden sei, der nun wie ein Wall wirke.

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Verzicht auf Auto und Flugzeug

Der weitgehende Verzicht auf das Auto – aber vor allem auch auf Flugzeuge – sei ein wichtiger Schritt zum Klimaschutz, erklärte Stephan Anders von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Um den Klimawandel zu stoppen, müssten die Bundesbürger den mit ihrem Lebensstil verbundenen Kohlendioxidausstoß von heute elf Tonnen auf zwei Tonnen pro Jahr verringern. Das mache „radikale Veränderungen bei den Lebensgewohnheiten“ notwendig.

Die Menschen müssten künftig in klimapositiven Häusern wohnen, die Kohlendioxid aufnehmen würden, statt es abzugeben, sagte Anders. Dazu seien sie gut zu dämmen und sollten regenerative Energie gewinnen. Dächer und Fassaden ließen sich begrünen. Es gelte das Urban Gardening, das Gärtnern in der Stadt, zu fördern.

Diskutiert wurde über Altbauten. Anders erklärte, dass es aus Gründen der Energieeffizienz zum Teil sinnvoller sei, sie abzureißen und neu zu bauen. Andererseits hätten einige Altbauten „identitätsstiftende Fassaden“. Patzeck-Poor warf vielen Architekten-Kollegen „Ideenlosigkeit“ bei der Nachnutzung von Immobilien vor. Sie lieferten oft nur „simple Dinge“ ab. Er warb dafür, viel stärker als bisher Bürger in die Planung von Quartieren miteinzubeziehen.

Anregungen für Göttinger Quartiere

Eine autofreie Innenstadt lässt sich nicht verordnen, sie muss sich entwickeln, meinten Teilnehmer beim Workshop „Stadt der Quartiere“ im Sparkassen-Forum. Dazu muss die Innenstadt für Fußgänger und Radfahrer besser erreichbar werden. Das Busnetz ist auszubauen.

Bei aktuellen Bauvorhaben wie der Nachverdichtung im Ebertal, dem Neubau eines Stadtviertels im Bereich des Holtenser Bergs oder der Nachnutzung des Göttinger-Gruppe-Areals auf der Siekhöhe ist auf die Einbindung angrenzender Bereiche zu achten. Es sind innere Beziehungen zu schaffen. Die Bebauungspläne müssen Flexibilität bei den Nutzungen ermöglichen.

Im Ebertal ist die Nachnutzung des benachbarten Gothaer-Geländes miteinzubeziehen. Der dort vorhandene Teich lässt sich durch Anlage einer Sportanlage aufwerten. Zudem muss eine fußläufige Verbindung zur Innenstadt geschaffen werden. Auf dem Holtenser Berg ist zu prüfen, inwieweit sich das Gebiet für studentisches Wohnen anbietet. Zudem muss intensiv über eine gute Verkehrsanbindung nachgedacht werden.

Von Michael Caspar

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