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16:07 20.11.2019
Mit Plakaten und besonderen Demokratie-Brötchentüten haben die niedersächsischen Bäcker am Mittwoch vor dem Landtag in Hannofer gegen zu viel Bürokratie demonstriert. Quelle: Lucas Bäuml/dpa
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Göttingen

„Es reicht mit der Bürokratie“, sagen Niedersachsens Handwerksbäcker. Weit über 4000 Stunden müsse nach Angaben des Bäcker-Innungsverbandes Niedersachsen/Bremen ein Betrieb mit zehn Filialen im Durchschnitt pro Jahr aufbringen, um die ständig steigenden Bürokratieanforderungen zu stemmen. Darunter zählten vor allem Dokumentationen, Statistiken und Archivierung. Derzeit läuft eine landesweite Aktion, bei der 1,2 Millionen Brötchentüten unters Volk gebracht werden sollen. Auf den Tüten ist in 25 Kategorien detailliert aufgelistet, wofür die vielen Stunden zusätzlicher Arbeit anfallen.

Kein Göttinger Betrieb fordert aktiv Tüten an

„Die Tüten werden an alle verteilt, manche haben aber auch aktiv welche angefordert“, sagt Babette van Lengerich, Landesbeauftragte für Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt wurden die Tüten an 450 backende Betriebe in Niedersachsen und Bremen ausgeliefert vom Bäcker-Innungsverband Niedersachsen/Bremen . 187 Betriebe haben sich aktiv an der Aktion beteiligt. Aus dem Kreis Göttingen hat jedoch kein einziger Betrieb aktiv mitgemacht.

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„Noch mehr Bürokratie kommt uns nicht in die Tüte!“ Protest-Tüten vor dem Landtag. Quelle: dpa

 

„Kleinbäckereien müssen genauso viel leisten, wie die Großen“

Unter den hohen Bürokratieanforderungen leiden vor allem die kleineren Betriebe. „Kleinbäckereien müssen genauso viel leisten, wie die Großen“, sagt Alfred Wüstefeld, Inhaber der Bäckerei Wüstefeld in Rhumspringe. Wüstefeld bestätigt den großen Zeitaufwand, der unter anderem mit Dokumentations- und Archivierungsarbeiten verbunden ist. „Es ist schon weit über die Grenze hinweg. Eigentlich müssten wir dafür sogar neue Bürokräfte einstellen“, so Wüstefeld weiter. Neue Bürokräfte können sich insbesondere kleinere Betriebe allerdings kaum leisten. „Ich habe kaum noch Zeit, um mich um die Kunden draußen zu kümmern.“

Wüstefeld denkt nicht, dass seine Betriebe demnächst entlastet werden: „Es wird immer versprochen, dass es weniger werden soll, in Wirklichkeit wird es aber immer mehr Arbeit.“ Diese steigenden Verpflichtungen könnten unter Umständen schwerwiegende Folgen haben. Nach Angaben von Wüstefeld werde es immer schwerer, Nachfolger für Bäckerbetriebe zu finden, weil nicht jeder Lust auf die hohen Bürokratieanforderungen habe.

Filiale im Waldweg gibt Daten in Tablet-PC ein

Größere Bäckerbetriebe haben keine Probleme durch die anfallende Bürokratiearbeit. In einer Filiale der Firma Ruch im Göttinger Waldweg müssen die Mitarbeiter zum Beispiel alle entsprechenden Angaben in ein Tablet eingeben, sagt Filialleiterin Tanya Schäfer. Von dort aus werden die Daten an die Zentrale weitergeleitet. Für Schäfer ist dieser digitale Umstieg eine große Erleichterung, weil die Angaben zuvor immer handschriftlich eingetragen werden mussten. Katja Thiele-Hann, Inhaberin der Bäckerei Thiele, wollte sich nicht zu der Protestaktion äußern.

Ab kommenden Jahr sollen Bäckereien nach Verordnung jeden Kassenbon ausdrucken. Landesinnungsmeister Dietmar Baalk kritisiert diesen Beschluss: „Warum sollen wir ab 2020 jeden Kassenbon auf umweltschädlichem Thermopapier ausdrucken, auch wenn der Kunde ihn gar nicht haben will? Ist das das richtige Signal für mehr Umweltbewusstsein?“ Etwa fünf Milliarden Bons seien in seiner Branche zu erwarten.

Landesinnungsmeister Dieter Baalk. Quelle: R

Kritik an Bonpflicht ab 2020

Die Umstellung des Kassensystems ist besonders für kleinere Betriebe mit einigen Kosten verbunden. „Jede Kassenumrüstung kostet uns etwa 1000 Euro“, erklärt Alfred Wüstefeld. Tanya Schäfer kritisiert ebenfalls den umweltschädlichen Aspekt der neuen Verordnung: „Umweltfreundlich ist das nicht gerade.“ Aktuell gibt Schäfer ihren Kunden nur auf Wunsch eine Quittung aus. „So wie es gerade ist, ist es okay“, sagt die Filialleiterin.

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100 demonstrierende Bäcker in Hannover


 Gegen diese Anforderungen protestieren die Bäcker


Landesinnungsmeister Dietmar Baalk kritisiert die steigenden Anforderungen, die für niedersächsische Bäcker anfallen. Am aufwendigsten sei die Dokumentation von Reinigungsarbeiten mit über 2000 Stunden, gefolgt von etwa 1000 Stunden für Temperaturdokumentation. Archivierungspflichten für die Steuern würden mehr als 500 Stunden in Anspruch nehmen. „Wir haben nichts gegen Hygiene und Verbraucherschutz – aber warum muss jedes genutzte Backblech akribisch dokumentiert werden? Das belastet unsere Verkäuferinnen extrem“, sagt der Landesinnungsmeister. Etwa 100 bürokratie-behaftete Tätigkeiten habe der Vorstand des niedersächsischen Bäckerhandwerks identifiziert – vom Feuerlöscher-TÜV bis zur schriftlichen Arbeitsplatzbeurteilung der Brille tragenden Verkäuferin.

Aus diesen Gründen haben am Mittwochmorgen etwa 60 niedersächsische Bäcker vor dem Landtag demonstriert. Sie wollten Politiker auf ihren hohen Bürokratieaufwand aufmerksam machen. Nach den Protesten sind Gespräche zwischen Politikern und den verärgerten Bäckern angekündigt worden.

Von Pascal Wienecke

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