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Wirtschaft Reiner Calmund plaudert aus seinem Leben – und alle hören gebannt zu
Nachrichten Wirtschaft Reiner Calmund plaudert aus seinem Leben – und alle hören gebannt zu
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09:58 23.11.2019
Reiner Calmund plaudert aus dem Nähkästchen. Quelle: Tobias Christ
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Göttingen

Fußballfunktionär, Lebemann, Familienvater und Unternehmer: Reiner Calmund ist ein Schwergewicht in der deutschen Wirtschafts- und Fußballlandschaft. Während einer exklusiven Talkrunde, die der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) im Rahmen der Vergabe des BVMW-Unternehmerpreises organisiert hatte, plauderte Calmund eine Stunde lang aus dem Nähkästchen.

Eigentlich wollte er Fußballer werden, sagt der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen. Doch ein Knochenabriss im Sprunggelenk beendete bereits mit 19 Jahren seine Träume von einer Profikarriere. Die nächste Station war eine Elektrikerlehre. „Da bin ich durch die Prüfung gefallen – Volkstrauertag im Hause Calmund.“ Die anschließende Kaufmannsausbildung „und diese Fußballbeklopptheit“, gepaart mit einem Studium, habe den Grundstein für seine Karriere gelegt.

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Calmund spricht, alle hören zu

Calmund nimmt nicht nur durch seine körperliche Gestalt den Raum für sich ein. Wenn er spricht, hören alle gebannt zu. Er gestikuliert viel mit den Händen, rutscht auf seinem Stuhl herum, redet frei und von der Leber weg. Jede Antwort wird zum Monolog, teilweise holt er weit aus, geht viele Jahrzehnte in die Vergangenheit zurück, um seinen Standpunkt deutlich zu machen. Sei es über den Alkoholismus unter Fußballern oder darüber, dass „ein Manager das ein Mal eins in vielen Bereichen beherrschen“ müsse.

„Wenn Du Top-Leute haben willst, egal ob im Fußball oder Unternehmen, musst Du top bezahlen“, meint der 71-Jährige. Deshalb habe die Politik in Deutschland auch ein Problem: „Wer fähig ist, geht in die Wirtschaft.“ Dort sei schließlich mehr Geld zu verdienen. Überhaupt, die Politik: „Ich kann die AfD nicht wählen. Ich habe nichts gegen Linke oder Rechte, aber Nazis sind keine Option“, da höre bei ihm der Spaß auf. Die jetzigen Generationen seien nicht für den Holocaust verantwortlich, aber „wir sind dafür verantwortlich, dass er sich nicht wiederholt“. Fußballspiele können ihn aufregen, sagt er, Politiker sowieso.

Liebevoller Familienvater

Wenn er über seine Familie spricht, wird „Callis“ Stimme sanft und liebevoll. Sechs Kinder und vier Enkel hat er, sein ganzer Stolz sei aber sein Adoptivkind aus Thailand. Als sie zwei war, nahm Familie Calmund das Kind auf, es begann ein wahrer Spießrutenlauf durch die deutsche Bürokratie. „Egal, was die Sesselfurzer entscheiden, das Kind geben wir nicht wieder ab“, habe er damals gesagt. Zur Not wäre er „auch nach Thailand“ gezogen. Dort hatte sich seine Frau drei Monate lang um das jüngste Familienmitglied gekümmert, bevor die Behörden ihr Okay gaben. Seine Frau sei für ihn „ein Sechser im Lotto“. „Ich bin bei uns der Chef, und meine Frau entscheidet, wie es getan wird.“

Die Kokainaffäre um Christoph Daum

Auf sein Verhältnis zu Uli Hoeneß angesprochen, lacht Calmund kurz auf, bevor er erneut weit ausholt. Hoeneß hatte im Jahr 2000 durchblicken lassen, dass der damalige Leverkusen-Trainer Christoph Daum ein Drogenproblem hätte. „Komm, mach halt, dann ist Ruhe“, habe er zu Daum gesagt, als es um den Drogentest ging. Calmund selbst holte den Befund ab, „da stand positiv, ich wusste: Das ist gar nicht positiv für uns.“ Warum der kokainsüchtige Trainer Daum dieser Form der „Beweislastumkehr“ überhaupt zustimmte und sich testen ließ, auch dafür hat Calmund eine Erklärung: „Es lag ein gewisser Realitätsverlust vor.“ Sein Verhältnis zu Hoeneß und Daum sei aber wieder ein gutes, sagt er.

Das aktuelle Fußballgeschehen verfolgt er ganz genau. Bei der anstehenden Europameisterschaft sei Deutschland „nicht Favorit“, auch wenn ihm die jüngsten Spiele gut gefallen hätten. Der Erfolg hänge manchmal von einem bisschen Glück oder Pech ab, „ein Pfostentreffer kann viel verändern“. Man solle bei allem die Realität im Blick behalten: „Wenn wir gewinnen, sind wir immer gleich auf Jahre unschlagbar“, so empfinde es die Bevölkerung. Da würde ein wenig Demut ganz gut tun, meint Calmund.

Der Unternehmerpreis und Reiner Calmund

Der Berufsverband mittelständische Wirtschaft hat am Donnerstagabend seinen Unternehmerpreis vergeben. Für Teka Saunabau Hann. Münden nahm Geschäftsführerin Claudia Hal­bach den Preis entgegen, Geschäftsführer Carsten Schleevoigt erhielt den Award für das Planungs- und Projektbüro ONP. Doch der Star des Abends war Reiner Calmund, dessen abschließender Vortrag „Mit Kompetenz und Leidenschaft zum Erfolg“ die vielen Zuschauer im Göttinger Mercedes-Benz-Autohaus beeindruckte. Darin referierte „Calli“ über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Fußballvereinen und Wirtschaftsunternehmen. Mit lockerem, rheinländischem Humor machte Calmund seine Standpunkte deutlich. Die Kernaussage „Die Mannschaft ist der Star“ gelte sowohl im Profifußball wie auch in der Wirtschaft, sagte er. Tradition schieße keine Tore und produziere keinen Umsatz. Das Entscheidende sei die Leidenschaft – und diese lebt der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen mit jeder Pore. Dies zeigte er auch an diesem Abend.

Lesen Sie auch: Reiner Calmund im Interview

Von Tobias Christ

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