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100 Jahre Fahrschule Janssen in Göttingen: Alles hat sich verändert - und nichts

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08:16 21.09.2021
Das Maskottchen auf dem Beifahrersitz: Endrik Janssen, hier mit Hündin Ellie im Fahrschulwagen, leitet seit 46 Jahren die Fahrschule Janssen in Göttingen in dritter Generation. Das Familienunternehmen besteht seit 100 Jahren.
Das Maskottchen auf dem Beifahrersitz: Endrik Janssen, hier mit Hündin Ellie im Fahrschulwagen, leitet seit 46 Jahren die Fahrschule Janssen in Göttingen in dritter Generation. Das Familienunternehmen besteht seit 100 Jahren. Quelle: Tammo Kohlwes
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Göttingen

Als Endrik Janssen vor 25 Jahren in Text und Bild zum 75-jährigen Bestehen seiner Fahrschule im Tageblatt erschien, war er schon ein alter Hase: 1996 führte er den Familienbetrieb bereits seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2021 hat sich am Chefposten nichts geändert. 100 Jahre gehen Göttingerinnen und Göttinger zuerst bei Johann, dann bei Hinrich und seit 1975 bei Endrik Janssen in die Schule, um das Autofahren zu lernen. Generation Nummer vier stehe mit seinen Söhnen – die ebenfalls Johann und Endrik heißen – in den Startlöchern, berichtet der Fahrlehrer und lässt sich mit großem Enthusiasmus darüber aus, was sich an seinem Beruf so alles verändert hat in den vergangenen 100 Jahren.

Veränderung habe in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt bedeutet, dass die Dinge komplizierter wurden, sagt Janssen. Aus zwei Führerscheinklassen wurden 16. Seit eineinhalb Jahren kommt die Pandemie dazu, die zu einem regelrechten Stau an Fahrschülern geführt hat – der aber eben auch nur langsam abgebaut werden kann wegen all der Regeln.

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Fünf Fahrlehrer und ein Hund

Und doch gibt Janssen auf die Frage, was sich denn verändert habe, auch eine ganz andere Antwort: „Nichts.“ Am Ende müssten die Leute Auto fahren können, das sei heute nicht anders als vor 100 Jahren, sagt er. Verändert habe sich nur das Drumherum, etwa das Verkehrsaufkommen, die Motorleistung vieler Wagen, das Miteinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer.

Endrik Janssen, 79 Jahre und hier in Erinnerungen schwelgend, ist des Fahrlehrerdaseins kein bisschen müde, treibt aber die Übergabe an seine beiden Söhne voran. Quelle: Tammo Kohlwes

In der Fahrschule Janssen arbeiten neben Chef Endrik Janssen aktuell seine erste Frau Gitta („Die heimliche Chefin“, sagt er), fünf Fahrlehrer und zwei Bürokräfte. Mit letzterem sei man ziemlich einzigartig in Göttingen, schätzt Janssen und irgendwie die „Auskunftsdatei Göttingens“. Zum Fuhrpark gehören fünf Golf – Gangschaltung –, drei Mercedes – Automatik (Janssen: „Der Deutsche ist gegen Automatik, aber sie wird sich durchsetzen“) – und diverse Motorräder. Bus und Lkw hat Janssen abgegeben, die werden jetzt bei Bedarf gemietet.

Noch ein Teammitglied hat die Fahrschule Janssen: Ellie. Ellie ist eine Bordercollie-Dame, die Janssen als Maskottchen seines Betriebs sieht. Die Fahrschülerinnen und -schüler lieben die Hündin, sagt Janssen. Hunde haben Tradition in der Fahrschule Janssen: Schon vor 25 Jahren posierte Janssen mit Hund Max für den Tageblatt-Fotografen.

Schon vor 25 Jahren posierte Endrik Janssen mit Hund für das Tageblatt – damals zum 75-jährigen Bestehen seiner Fahrschule. Quelle: Archiv

„...dann hast du den Beruf verfehlt“

Der Beruf des Fahrlehrers sei ein voraussetzungsvoller, sagt Janssen – heute mehr denn je. Auch darauf führt er einen Fahrschulen-Schwund nicht nur in Göttingen zurück, ebenso wie auf die Tatsache, dass die Bundeswehr keine Fahrlehrer mehr ausbilde. Es braucht ein Abitur oder einen gleichwertigen Abschluss, zwei Jahre Ausbildung, ein Mindestalter von 21 Jahren – und gute Nerven. Er habe die nach wie vor, sagt Janssen, der auch sonst kein bisschen müde wirkt von 46 Jahren Fahrschule: „Wenn du Fahrlehrer bist und dich aufregst, hast du den Beruf verfehlt.“

Was viele Verkehrsteilnehmer vergessen: Drei Tipps vom Fahrlehrer

Endrik Janssen kann als Fahrlehrer seit Jahrzehnten beobachten, was die häufigsten Fehler von Autofahrern sind. Drei Hinweise hat er deshalb, mit denen einfache und unter Umständen folgenschwere Fehler vermieden werden können:

  • Zu häufig von Verkehrsteilnehmern aller Generationen vergessen wird eine Grundregel des Autofahrens: Das Absichern bei Spurwechseln oder beim Abbiegen. Janssen stellt deshalb klar: „Es sind drei Schritte, ohne die es nicht geht: Blick in den Spiegel, Blinker, Schulterblick.“
  • Wer am Steuer mit dem Handy am Ohr oder mit überhöhter Geschwindigkeit erwischt wird, für den kann es teuer werden. Janssen rät: Die vorhandenen Hilfsmittel nutzen. Tempomat und Freisprechanlage könnten manchen Ärger ersparen.
  • „Der Deutsche ist gegen Automatik“, weiß Janssen aus Erfahrung. Doch mittelfristig werde sie die Gangschaltung ersetzen. Der Fahrlehrer rät deshalb: Automatik fahren lernen. Das bringe zwar ganz andere kognitive Herausforderungen, erspare aber auch Fahrten durch Göttingen im ersten Gang.

Dennoch ist Janssen mit nunmehr 79 Jahren dankbar, dass die Ablösung in den Startlöchern steht: Sohn Endrik (20) absolviert aktuell die Ausbildung zum Fahrlehrer und soll den Familienbetrieb in den kommenden Jahren Stück für Stück übernehmen. Ob sein Bruder Johann (18) sich ihm anschließt? Der Vater weiß es noch nicht, findet die Vorstellung aber schön. Um die Zukunft, sagt der Fahrlehrer, mache er sich jedenfalls keine Sorgen: Der Betrieb komme in gute Hände. Fahrlehrer würden auch künftig gebraucht („Fahrschulen wird es immer geben, die Leute werden ihre individuelle Mobilität behalten“), und solange er könne und dürfe, mache er natürlich weiter.

Von Tammo Kohlwes