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14:23 27.08.2019
Die Nachfrage nach hauswirtschaftlicher Unterstützung wächst. Quelle: dpa
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Göttingen

Die meisten Haushaltshilfen arbeiten schwarz. Firmen finden kaum neue Beschäftigte, berichtet Dagmar Crzan, Inhaberin des Nörten-Hardenberger Unternehmens Domestic Care Haushaltsservice.

„Ich könnte auf der Stelle zehn bis 15 neue Mitarbeiter einstellen“, sagt Crzan, die der Allianz Haushaltsnahe Dienstleistungswirtschaft vorsitzt. Die Unternehmerin, die mit 50 Beschäftigten Kunden zwischen Dransfeld und Duderstadt, Friedland und Northeim betreut, sucht vergebens zusätzliche Kräfte.

„Viele Frauen, die für eine solche Tätigkeit in Frage kommen, ziehen es vor, schwarz zu arbeiten“, sagt Crzan. Das bestätigt Professor Dominik H. Enste in einer im Juli vorgelegten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft in Köln. Danach arbeiten 90 Prozent der Haushaltshilfen in der Bundesrepublik schwarz: etwa 2,9 Millionen Personen.

Aufbesserung der Hartz-4-Bezüge

„Auf kurze Sicht gesehen erscheint das für beide Seiten finanziell attraktiver“, ist sich Crzan bewusst. Viele der Schwarzarbeiterinnen besserten mit hauswirtschaftlicher Tätigkeit ihre Hartz-4-Bezüge auf. Bis zu 15 Euro die Stunde verdienten sie. Sie selbst zahle ihren Mitarbeiterinnen elf Euro Mindestlohn. Von Kunden verlange sie einen Stundensatz von 25 Euro. So decke sie die Sozialkosten und Versicherungsbeiträge, Steuern und Abgaben.

Drohende Altersarmut

„Wer schwarz arbeitet, erwirbt keine Rentenansprüche“, warnt Crzan. Den Frauen drohe im Alter die Grundsicherung. Die Unternehmerin versteht nicht, warum Menschen Haushaltshilfen schwarz beschäftigen. Sie würden mit eigenen Steuergeldern die derzeitigen und künftigen Transferzahlungen ihrer Mitarbeiterinnen mitbezahlen.

Die Folge des Personalmangels: Anbieter von Hauswirtschaftsleistungen müssen potenzielle Kunden vertrösten. „Ich habe jeden Tag fünf Anfragen“, sagt Crzan. Seit einem guten Vierteljahr sage sie allen komplett ab, weil auf ihrer Warteliste bereits 50 Interessierte ständen. Viele Anrufer – Senioren, Kranke oder Berufstätige – reagierten verzweifelt. Sie wüssten nicht, wie sie ihren Haushalt alleine bewältigen sollen.

Pflegestärkungsgesetz steigerte die Nachfrage

„Durch das Pflegestärkungsgesetz von 2017, das die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen erweitert hat, ist die Nachfrage noch einmal stark gestiegen“, führt die Unternehmerin aus. Dazu trägt zudem die zugenommene Erwerbstätigenquote bei. Die Verbandsvorsitzende sieht den Gesetzgeber in der Pflicht. Sie spricht sich für ein Gutscheinmodell aus, wie es vor kurzem in Baden-Württemberg erprobt worden ist. Berechtigte können die Gutscheine bei Anbietern einlösen, die bestimmte Standards erfüllen. Professor Enste hält diesen Ansatz für „nicht nachhaltig“.

Qualifizierungen bei der Volkshochschule

„Es gibt einen großen Bedarf nach hauswirtschaftlichen Dienstleistungen“, bestätigt Angelika Böttcher, die bei der Volkshochschule Göttingen den Fachbereich Arbeitsmarktprojekte leitet. Jahrelang hätten sie in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter sechs Monate lange Qualifizierungen in Teilzeit angeboten. Für Migrantinnen habe es zusätzlichen Deutschunterricht gegeben. Am Ende sei eine externe Prüfung zur Hauswirtschafterin möglich gewesen. Frauen mit geringer formaler Qualifikation hätten so einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt gefunden.

Die Vermittlungsquoten seien „super“ gewesen. „Seit zwei Jahren bekommen wir allerdings nicht mehr die notwendigen 15 Teilnehmerinnen für einen Kurs zusammen“, bedauert Böttcher. Die Nachfrage am Arbeitsmarkt sei so groß, dass auch ungelernte Kräfte Beschäftigung fänden. Männer, so Böttcher, arbeiteten eher als Gebäudereiniger. Dort würden sie nach Tarif bezahlt. Das sei finanziell attraktiver.

Wird Schwarzarbeit kontrolliert und bestraft?

Die Generalzolldirektion zu Schwarzarbeit

„Wir wissen, dass der Anteil der Schwarzarbeit im Bereich hauswirtschaftlicher Dienstleistungen hoch ist“, sagt Alwin Bogan, Pressesprecher bei der Generalzolldirektion in Braunschweig. Anders als Firmenräume könnten sie Privatwohnungen nicht einfach betreten. Der Wohnungsinhaber dürfe ihnen den Zutritt verwehren. Die Privatsphäre sei durch das Grundgesetz geschützt. Sie benötigten einen richterlichen Beschluss. Den beschafften sie sich, wenn es konkrete Hinweise auf Schwarzarbeit gebe etwa durch ehemalige Ehepartner, Nachbarn aber auch Mitbewerber. „Das steht allerdings nicht im Fokus unserer Arbeit“, betont Bogan. Ihr gesetzlicher Auftrag sei es, die organisierte Form der Schwarzarbeit zu bekämpfen.

Die Zahl der Minijobber ist aufgrund der steuerlichen Absetzbarkeit sowie der vereinfachten Anmeldung über die Minijobzentrale von 108 000 Personen 2005 auf mehr als 300 000 Personen 2019 gestiegen, so Professor Dominik H. Enste. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten beläuft sich auf 50 000 Personen. Zudem gibt es 20 000 Selbstständige, die auf Rechnung arbeiten.

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