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Regional Wirtschaftskrimi um Marktanteile und Personal
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00:20 09.07.2019
Marko Weinrich und Martin Renker (l.) erläutern die Entstehungsgeschichte, Strategie und Zukunftsvision der Arineo GmbH. Quelle: Foto: Heller
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Göttingen

Ein neuer Player auf dem Feld der IT-Dienstleister sorgt für Schlagzeilen: die im Dezember 2018 gegründete Arineo GmbH. Nach nur einem halben Jahr hat das Start-up nach eigenen Aussagen bereits 170 Mitarbeiter und erwirtschaftete alleine im Mai einen Umsatz von mehr als 1 Million Euro. Dabei setzt das Unternehmen auf eine neuartige Unternehmensorganisation. Es ist eine Employee owned Company – also ein mitarbeitergeführter Betrieb.

Sycor-Mitarbeiter wechseln zu Arineo

Martin Renker (links) erläutert das Prinzip des Purpose-Unternehmens. Quelle: Peter Heller

Die Handelnden sind dabei keine Unbekannten: Bis auf eine Handvoll kommen alle 170 Arineo-Mitarbeiter vom Göttinger IT-Dienstleister-Riesen Sycor. Eine Geschichte mit Potenzial für einen Wirtschaftskrimi. Nicht nur, weil es handfeste juristische Auseinandersetzungen gibt. Für die Arineo-Geschäftsführung ist die Sycor GmbH – mit der sie in direkte Konkurrenz auf dem Markt tritt – kein unbekannter Kombattant. Marko Weinrich, seit Juli 2019 Mitglied der Geschäftsführung der Arineo GmbH, gründete 1998 die Sycor gemeinsam mit Rüdiger Krumes, der weiter in der Sycor-Geschäftsführung tätig ist. Krumes und Weinrich waren zuvor als Datenverarbeitungs-Abteilungsleiter beim in Duderstadt beheimateten Medizintechnik-Konzern Ottobock (damals noch Otto Bock) tätig. Die DV-Abteilung von Ottobock wurde damals in die Sycor integriert. Die Idee einer Employee owned Company hatten Teile der Sycor-Belegschaft bereits für ihren Betrieb. Als Ottobock-Eigentümer Hans Georg Näder 2018 einen Käufer für die Sycor suchte, gaben auch die Mitarbeiter ein Angebot ab, kamen allerdings nicht zum Zug. Später verwarf Näder die Verkaufspläne (siehe Hintergrund-Text zur Sycor-Geschichte).

Überschüsse verbleiben im Unternehmen

Marko Weinrich ist seit 2019 Mitglied der Geschäftsführung der Arineo GmbH. Quelle: Peter Heller

Diese Idee setzen Weinrich und Mitstreiter nun mit der Arineo um. In der Gründungssatzung sei verankert, dass das Unternehmen, das seit April seinen Sitz in Göttingen hat, innerhalb einer Frist von fünf Jahren zu 51 Prozent der Belegschaft gehören wird, nach zehn Jahren zu 100 Prozent, wie Geschäftsführer Martin Renker in einem Pressegespräch am Freitagmorgen erläuterte. Ziel sei, dass die Arineo ein sogenanntes Purpose-Unternehmen wird: Die erwirtschafteten Überschüsse verblieben als Rücklagen im Unternehmen und würden für Investitionen in die Entwicklung der Mitarbeiter, in neue Lösungen oder in sinnvolles Wachstum verwendet. „Zu unserer EOC-Idee gehört auch, dass der Verkauf des Unternehmens nur möglich ist, wenn alle Mitarbeiter einverstanden sind. Damit ist ausgeschlossen, dass mit Firmenanteilen spekuliert wird“, unterstreicht Weinrich und ergänzt: „Der primäre Zweck von Arineo ist das Erbringen von IT-Dienstleistungen auf höchstem Niveau. Dafür müssen wir natürlich genauso wirtschaftlich agieren wie jedes Unternehmen. Der Unterschied ist jedoch, dass unsere Überschüsse gänzlich in die Verfolgung dieses Zwecks fließen.“

Flache Hierarchie

Weinrich und Renker betonen unisono die flache Hierarchie im Unternehmen. Die Inhaber-Struktur des Unternehmens vergleichen sie mit der eines modernen Fußballbundesliga-Klubs: Das Unternehmen gehöre grundsätzlich dem Mitarbeiter-Verein. Dieser nehme jedoch keinen Einfluss auf das operative Geschäft – für Geschäftsentscheidungen sei allein die Geschäftsführung zuständig. Diese werde einem Aufsichtsrat unterstellt, der durch den Verein bestimmt wird und sich mehrheitlich aus externen Experten sowie Vertretern der Mitarbeiter zusammensetze. „Mit diesem Konstrukt stellen wir sicher, dass es bei Arineo dauerhaft Rahmenbedingungen gibt, die Engagement und Motivation fördern. Dies nutzt unseren Kunden und stellt für uns einen Wettbewerbsvorteil dar“, sagt Renker.

Verwerfungen bei Mitbewerbern

Auf die Idee einer EOC seien sie gekommen, weil sie teilweise abrupt auftretende Verwerfungen bei Mitbewerbern ausgemacht hatten. „Zum Beispiel ein börsennotierter Konkurrent aus den USA. Da sind die Mitarbeiter gegangen, weil der Investor mehr Rendite wollte und die Arbeitsbedingungen massiv verschlechterte. Doch Mitarbeiter sind sehr begehrt, denn qualifiziertes Personal ist rar. Unsere Mitarbeiterorientierung ist für uns ein klarer Wettbewerbsvorteil“, betont Renker. Das Engagement schwinde, wenn „intelligente und sehr gut ausgebildete Mitarbeiter“ in ein enges Korsett gezwungen würden. Über die Unternehmensorganisation spricht er als Herzblut-Eigentümerschaft. Die Firma plant, bis Ende des Jahres weit mehr als 200 Mitarbeiter zu beschäftigen.

Rechtsstreit vor dem Landgericht

Verständlich scheint aber auch, dass das Wachstum des Wettbewerbers bei Sycor keine Jubelstimmung auslöst. Im Gegenteil: Aktuell beschäftigen sich nach Tageblatt-Informationen Juristen damit, ob zum einen der Tatbestand des unlauteren Wettbewerbs erfüllt ist. Zum anderen gibt es einen Rechtsstreit zwischen der Sycor und Ex-Geschäftsführer Weinrich am Göttinger Landgericht (siehe Info-Kasten).

„Ja, wir haben Mitarbeiter verloren, das war schmerzlich“, sagt Sycor-Geschäftsführer Krumes und betont: „Wir haben jedoch in 20 Jahren ein Portfolio und eine Kundenbasis aufgebaut, die für viele Fach- und Führungskräfte im Wettbewerb hoch attraktiv ist. Unsere Kunden und der Arbeitsmarkt spiegeln uns das gerade sehr deutlich wider. Wettbewerb belebt das Geschäft, wir haben davor keine Scheu. Was die Arineo angeht: Wer so schnell wächst, schafft das aus meiner langjährigen Branchenkenntnis heraus nicht allein aus eigener Kraft."

Schmerzliche Einschnitte

„Wir haben als Sycorianer immer einen sehr partnerschaftlichen und freundlichen Umgang mit unseren Wettbewerbern gepflegt. Das war auch Teil unseres enormen Erfolgs, den wir bei Sycor gehabt haben. Diesen Umgang und dieses Fair Play werden wir auch weiterhin pflegen. Sycor hat tolle Mitarbeiter, mit denen wir herzlich gerne zusammengearbeitet haben“, betont Weinrich. Dass das angenehme Wachstum schmerzliche Einschnitte bei seinem ehemaligen Unternehmen verursache, sei ihm bewusst. Mitgeschäftsführer Renker unterstreicht auf Nachfrage: „Die Unruhe bei Sycor ist der Grund dafür, dass es Arineo gibt.“

Ein Wirtschaftsportal weist aus, dass Weinrich seit dem 12. Juli 2018 nicht mehr Geschäftsführer der Sycor GmbH ist. Aus dem Unternehmen ausgeschieden ist er nach eigenen Aussagen am 7. Mai 2018. „Nach 20 Jahren, zwei Monaten und sieben Tagen bei der Sycor, die ich am 1. März 1998 mitgegründet hatte“, sagt Weinrich wie aus der Pistole geschossen. Verbittert klingt der 53-Jährige nicht. Aber eine gewisse Enttäuschung ist doch zu hören, wenn er davon berichtet, wie er sich gemeinsam mit seinem Bruder den Firmennamen Sycor ausgedacht hat.

Zwei laufende juristische Verfahren

„Es gibt ein Verfahren zwischen mir und der Sycor GmbH. Die Sycor macht geltend, dass ich einem Wettbewerbsverbot unterliege. Da bin ich aber sehr entspannt, erstinstanzlich ist mir Recht gegeben worden“, sagt Marko Weinrich. Die Sycor bestätigte dies. Nach dem Verfahren am Landgericht Göttingen stünde nun in der nächst höheren Instanz die Verhandlung am Oberlandesgericht an. Weinrich gehe fest davon aus, dass Sycor das Verfahren fortsetzen werde. Dies bestätigte das Unternehmen nicht, es werde aktuell geprüft, ob die nächste Instanz angerufen werde. Nach Tageblatt-Informationen gibt es eine weitere juristische Auseinandersetzung. In Österreich klagt die Sycor gegen die Arineo. Der Vorwurf: Unlauterer Wettbewerb. Es seien Kunden und Mitarbeiter mit unlauteren Mitteln abgeworben worden. In Deutschland prüft die Sycor nach Tageblatt-Informationen ebenfalls rechtliche Schritte.

Neben Weinrich standen auch die vier weiteren Arineo-Geschäftsführer einst in Sycor-Diensten. Renker war von 2007 Teil der Geschäftsleitung und führte den Bereich HR Management, früher bekannt als Personalwesen. Frank Josef Wilkens ist ehemaliger Geschäftsführer der Sycor mbs GmbH und war Prokurist. Mit einer handelsrechtlichen Vollmacht waren ebenfalls Frank Jakobi und Martin Werner Schweicher ausgestattet. Schweicher gründete Arineo im Dezember 2018 in seinem Wohnort Moers. Wie Weinrich betonte, hatten mehr als 50 Gesellschafter für ein Startkapital in Höhe von 2,177 Mio. Euro gesorgt. Im Mai wurde der Firmensitz nach Göttingen verlegt. Arineo hat nun seinen Sitz im ehemaligen Sparkassengebäude an der Paulinerstraße 12. „Die Sparkasse und das Netzwerk von Sparkassen-Chef Rainer Hald helfen uns sehr. Wir wollen wachsen, planen für 2023 mit einem Umsatz in Höhe von 40 Millionen Euro. In Göttingen sind wir willkommen, in Duderstadt wäre das sicher schwieriger. Die Menschen hier helfen uns sehr“, sagt Weinrich. Eine Spitze, die sicher nicht nur Ottobock-Chef Näder vernommen hat. Der Wettkampf geht in die nächste Runde.

Syco-Firmengeschichte

Die Sycor GmbH hat ihren Hauptsitz nahe des Göttinger Bahnhofs. Quelle: Theodoro Da Silva

In Göttingen gibt es bereits einen Big Player im Sektor Dienstleistungen im SAP- und Microsoft-Umfeld – die 1998 gegründete Sycor GmbH. Sie gehört zu den größten deutschen mittelständischen IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen. Das Unternehmen mit seinen aktuell gut 600 Angestellten blickt auf eine 21-jährige Firmengeschichte zurück. Ein Überblick zur Firmen-Historie mit Ausblick auf die künftige Ausrichtung.

 1999 – 2003

Die Sycor GmbH zieht etwa ein Jahr nach der Gründung nach Göttingen um und wird in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt. 2002 wird die Rechtsform wieder in eine GmbH geändert. Eine Phase des strategischen Wachstums nimmt Fahrt auf. 2000 und 2001 beginnt der Anteilserwerb an zwei Unternehmen in Deutschland und mit der Eröffnung der Auslandsniederlassungen in den USA und in Singapur die nationale und internationale Expansion.

2004 – 2008

Die Jahre kennzeichnet kontinuierliches Wachstum. Es kommen neue Niederlassungen wie zum Beispiel in Kanada und Schanghai hinzu. Der Umsatz steigt von 24,5 Mio Euro (2004) auf 29,5 Mio. Euro 2007.

2009 – 2011

Die Sycor-Gruppe wächst weiter. Zudem steigt die Sycor-Gruppe in den SAP-Lizenzvertrieb ein und baut die Partnerschaft mit SAP aus. Im Geschäftsjahr 2011 erwirtschaften durchschnittlich 340 Mitarbeiter einen Umsatz von 41,2 Millionen Euro.

2012 – 2014

2013 wird Sycor zum ersten Mal in die Lünendonk-Liste der Top 10 der führenden deutschen mittelständischen IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen aufgenommen. 2014 bleibt Sycor mit 57 Mio. Euro Umsatz zwar hinter den Erwartungen zurück, doch der Ausblick ist positiv.

2015 – 2017

Sycor wächst weiter und knackt 2017 die 700-Angestellten-Marke. Mitte 2017 verteilen sich 740 Mitarbeiter auf 21 Standorte weltweit. Hans Georg Näder teilte als Chef der Ottobock-Holding mit, Sycor verkaufen zu wollen. Laut einer aktuellen Marktforschungsanalyse gehört Sycor zu den 20 führenden deutschen mittelständischen Unternehmen im IT-Beratungsmarkt.

2018 – 2019

Obwohl die Jahre wirtschaftlich erfolgreich sind, sind es auch turbulente Jahre, die davon geprägt sind, dass die Mitarbeiterzahl markant zurückgeht. Für das Geschäftsjahr 2018 weist die Sycor einen Umsatz in Höhe von 98,8 Mio. Euro auf. Für 2019 rechnet die Gesellschaft mit mehr als 600 Mitarbeitern. Nachdem die Verkaufspläne öffentlich sind, entscheidet sich eine Gruppe von Mitarbeitern im September 2018 dazu, selbst ein Kaufangebot vorlegen zu wollen. Das Konzept sieht vor, Sycor zu einer „Employee Owned Company“ (EOC) umzuformen. Im November 2018 leitet Näder jedoch eine abrupte Wende ein. Die Sycor soll mit der Allgeier Enterprise Services fusionieren. Entstehen soll eine neue Holding in der Rechtsform einer SE, der Name des neuen Unternehmens den Markennamen Sycor enthalten und die SE ihren Sitz in Göttingen haben. Mittelfristig ist für die neue Holding der Gang an die Börse geplant. Drei Monate später hatte aber auch dieser Plan keinen Bestand mehr. Näder erklärt die Fusionspläne im Februar 2019 für gescheitert und generell für beendet.

Die Näder Holding, die zu 100 Prozent der Unternehmerfamilie gehört, hatte sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzung durch den digitalen Wandel entschieden, die Sycor als strategisches Asset in der Firmengruppe weiterzuentwickeln. Sie soll zu einem führenden Partner des Mittelstands für die digitale Transformation mit starker Produktbasis für SAP- und Microsoft-Technologien ausgebaut werden. Dazu wird die langjährige partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Ottobock deutlich ausgebaut.

Sycor soll den Wachstumskurs durch das Gewinnen neuer Mitarbeiter und die Übernahme von Unternehmen fortsetzen, dazu wird Sycor von der Muttergesellschaft finanziell ausgestattet. In den nächsten 3 bis 5 Jahren soll sich Sycor kapitalmarktfähig aufstellen. Geschäftsführer Ronald Geiger betont: „Indem wir den Geschäftserfolg unserer Kunden in der digitalen Welt fördern, können wir unsere eigenen Wachstumsziele erreichen und unseren motivierten Mitarbeitern ein sehr attraktives Umfeld mit Dynamik und Sicherheit bieten.“

Von Mark Bambey