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Regional Bäcker-Innungen in Göttingen und Südniedersachsen wollen „krumme Preise“ zum Thema machen
Nachrichten Wirtschaft Regional Bäcker-Innungen in Göttingen und Südniedersachsen wollen „krumme Preise“ zum Thema machen
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19:40 20.02.2020
Bernd Göbel, einer der Geschäftsführer der Bio-Bäckerei Das Backhaus, sortiert im Verkaufswagen auf dem Göttinger Wochenmarkt Münzen – das Fach für Ein- und Zwei-Cent-Münzen bleibt leer.. Quelle: Hinzmann
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Göttingen/Landkreis

In der Firma „Das Backhaus“ mit Sitz in Klein Lengden war „Klimpergeld“ schon bei der Gründung 1986 kein Thema: Ein- und Zwei-Pfennig-Stücke wurden in der Bio-Bäckerei durch entsprechende Bepreisung aus den Kassen verbannt. In der Barteröder „Fünf-Sterne-Bäckerei“ des Obermeisters der Göttinger Bäcker-Innung Jens Hildebrand sind Ein- und Zwei-Cent-Münzen ebenfalls verpönt. Aber sowohl in der Göttinger als auch in der Innung Südniedersachsen seien Anpassungen in Fünf-Cent-Schritten bislang kein Thema gewesen. Das könnte sich bald ändern.

„Ich bin schon immer gegen Ein- und Zwei-Cent-Münzen gewesen. Die sollten abgeschafft werden“, sagt Hildebrand. Ein Brötchen koste zum Beispiel 35 oder 60 Cent. „Wir haben uns vor Kurzem entschieden, mit Preisanstiegen lieber ein Jahr länger zu warten als einen Preis um zwei Cent anzuheben. Dann gehen wir um fünf Cent hoch.“ Die Kunden seien von Summen wie 3,67 Euro „genervt“. Umgekehrt hätten sie „Verständnis, wenn wir um fünf Cent erhöhen“, so Hildebrand. In der Bäcker-Innung Göttingen „haben wir über Preisstrukturen noch gar nicht gesprochen. Das ist ein gutes Thema, über das wir mal diskutieren könnten.“

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„Uns ist daran gelegen, krumme Preise zu vermeiden

„Der Göttinger Feinbäckerei Thiele „ist daran gelegen, krumme Preise zu vermeiden“, so Katja Thiele-Hann. „Gerade Ein- und Zwei-Cent-Stücke haben für unsere Kunden, aber auch im täglichen Arbeitsablauf für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, diverse Nachteile. Eine Anpassung der Brötchenpreise ist jedoch nicht einfach.“ Ein Brötchen, das 36 Cent koste, könne nicht vier Cent teurer angeboten werden.

„Wir verstehen uns als gastlicher Bäcker auch als Versorger unserer Kunden mit Grundnahrungsmitteln, sodass wir ihnen eine Anpassung beispielsweise des Preises auf 40 Cent (elf Prozent) nicht zumuten möchten. Wir erhöhen unsere Preise nur wenn notwendig und dann in kleinen Schritten. Dieser Preissprung wäre zu groß, denn eine Preiserhöhung ist immer auch ein sensibles Thema für unsere Kunden.“

Keine Ein- und Zwei-Cent-Stücke in der Kasse

Bernd Göbel ist einer der Verkäufer und Geschäftsführer der Firma Backhaus, die auf Wochenmärkten in Göttingen, Bovenden, Duderstadt, Osterode und Seesen vor Ort ist. Ein- und Zwei-Cent-Münzen hat er nur in der Kasse, wenn die Kunden damit zahlen wollten. Bei ihm kosten Brot, Brötchen und Co. runde oder „Fünf-Cent“- Beträge wie zwei Euro, 60 Cent oder 2,95 Euro. Um 10.15 am Donnerstagmorgen kann er weder ein Ein- noch ein Zwei-Cent-Stück vorzeigen.

Um 13 Uhr ist seine Schicht auf dem Wochenmarkt beendet. Dann macht er Kasse – und das Fach für die kleinsten Münzen im Zählbrett bleibe in der Regel auch leer. „Das ist in jedem Fall vorteilhaft. Bringen Sie mal Cent-Münzen im Wert von 30 Euro zur Sparkasse. Erst die Zählerei, dann kommt noch das Gewicht dazu.“ Vier Wochenmärkte an einem Sonnabend, Kassen mit haufenweise Ein- und Zwei-Cent-Stücken wolle er sich besser nicht vorstellen.

Handelsware: „Wir haben klassisch ab- und aufgerundet“

Jan Harpering, ebenfalls Geschäftsführer im Backhaus, sagt: „Wir haben vor einem halben Jahr auch Handelsware wir Kaffee, Müsli oder Marmelade im Preis auf Fünf-Cent-Schritte umgestellt und ganz klassisch ab- und aufgerundet. Zum Beispiel von 52 auf 50, von 53 auf 55 Cent.“ Zählen von Kleingeld sei „umständlich“ und koste Zeit, die die Mitarbeiter so gewinnen würden. „Die Erleichterung ist spürbar.“

Sein Kollege Axel Artmann, dritter von fünf Backhaus-Geschäftsführern, betont: „Wir würden es sehr begrüßen, wenn Ein- und Zwei-Cent-Münzen wegfallen würden. Die Produktionskosten bei Ein-Cent-Münzen sind ja höher als der Nennwert. Das macht keinen Sinn.“ Bei Beträgen wie 4,99 oder 9,99 oder gar 99,98 Euro „geht es doch nur um die Preisoptik. Der Kunde nimmt 9,99 Euro tatsächlich als günstiger wahr.“

Preisstruktur bei Bäckern in Südniedersachsen auf der Tagesordnung

Joachim Friehe, Obermeister der Bäcker-Innung Südniedersachsen, bietet Brötchen in seiner „Harzer Landbäckerei“ „ganz normal zu 34, 49 oder 63 Cent“ an. „Um eine Anpassung, zum Beispiel in Fünf-Cent-Schritten, habe ich mich noch nicht gekümmert.“ Wie die Kollegen in anderen Betrieben die Preise handhaben, „weiß ich nicht“, sagt Friehe. Und in der Innung sei darüber noch nicht gesprochen worden. Noch nicht. „In der nächsten Innungsversammlung werde ich das unter dem Punkt Verschiedenes auf die Tagesordnung setzen. Meine Meinung ist: Ich könnte damit leben, wenn es nur Fünf-Cent-Schritte geben würde.“

In der Verbraucherzentrale Niedersachsen (VZN) mit Sitz in Hannover habe es bislang keine Beschwerden über kleine Münzen, Auf- oder Abrundungen gegeben, sagt Pressesprecherin Gabriele Peters. In der Landeshauptstadt runden immer mehr Bäcker ihre Preise auf – diese Maßnahme würde Verbrauchern beim Einkauf in Supermärkten entgegenkommen. Peters Kollegin Anneke von Reeken, in der VZN für Ernährung und Landwirtschaft zuständig, sagt, dass die EU-Kommission nach einer Umfrage festgestellt habe, dass „zwei Drittel der Verbraucher es gut fänden, wenn an der Kasse auf- oder abgerundet würde“. Insbesondere in Supermärkten. Verbraucherschützer würden diese Haltung unterstützen. Aber nur, wenn einheitliche Regeln gelten würden: Und zwar „in allen Supermärkten, in allen Bundesländern, in Europa. Und es darf nicht zu einer Verteuerung der Produkte kommen.“

Von Stefan Kirchhoff