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Regional „Bombenperspektiven“ für Nachwuchskräfte
Nachrichten Wirtschaft Regional „Bombenperspektiven“ für Nachwuchskräfte
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13:30 23.11.2017
Perspektive für Nachwuchskräfte: In den kommenden Jahren stehen auch im Raum Göttingen viele Firmenübergaben an.  Quelle: Pixabay
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Göttingen / Landkreis

Christian Frölich stieg 1997 ins väterliche Bauunternehmen ein – und weiß daher, wovon er spricht. „Bei Versammlungen der Kreishandwerkerschaft zeigt ein kurzer Blick in die Runde, dass Unternehmensübergaben anstehen“, meint Frölich. Die Suche nach geeigneten Nachfolgern gestalte sich zunehmend schwieriger, warnt Joachim Grube von der Industrie- und Handelskammer in Göttingen. Auf die geburtenstarken Jahrgänge, die in nächster Zeit in Ruhestand gingen, folgten geburtenschwache. „Die meisten Unternehmer würden ihre Firma am liebsten an die eigenen Kinder übergeben“, weiß Grube. „Heute wollen die Kinder aber oft nicht“, berichtet Kreishandwerksmeister Frölich. Sein eigener Sohn habe bereits abgewunken, bedauert er. Lange, ungeregelte Arbeitszeiten, wenig Urlaub und die Verantwortung für den Betrieb schreckten ab. Manche Kinder seien in einer anderen Branche tätig oder bekämen lukrative Angebote von anderen Firmen.

Frühzeitig mit dem Thema beschäftigen

Für die Selbstständigkeit wirbt auch der Göttinger Einzelhändler Alexander Grosse. Er sei sein eigener Chef, könne eigene Ideen ohne lange Diskussionen mit Vorgesetzten umsetzen und auf Kundenwünsche sofort reagieren. Deshalb habe er 2004 – nach anderthalb Jahren der Einarbeitung – das elterliche Schreibwarengeschäft Wiederholdt übernommen. „Wenn keins der Kinder will, lassen sich Nachfolger unter Mitarbeitern, Lieferanten oder Kollegen finden“, sagt der Göttinger Einzelhändler Dietmar Graf. Der Tavola-Chef ist Sprecher des Arbeitskreises „Das besondere Geschäft in der Seitenstraße“. IHK-Mitarbeiter Grube weist auf die Vermittlungsplattform nexxt-change.de hin. Schreibwarenhändler Grosse, der auch Vorsitzender des Göttinger Einzelhandelsverbands im Handelsverband Hannover ist, mahnt zu frühzeitiger Beschäftigung mit dem Thema. Ein Unternehmer sollte nicht erst kurz vor dem Ruhestand mit der Suche beginnen.

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Auf Augenhöhe

„Bei Übernahmen in der Familie ist es wichtig, dass der Senior den Junior von Anfang an auf Augenhöhe behandelt“, erklärt Architekt Gregor Brune, der 2010 ins väterliche Unternehmen eintrat. Er habe in dieser Hinsicht Glück. Andere Senioren wollten dagegen nicht loslassen, wollten die Kontrolle über ihr Lebenswerk nicht teilen. Damit würden sie die Autorität des Juniors vor der Belegschaft, vor Lieferanten und Kunden untergraben. Der Göttinger Einzelhändler Alexander Grosse weiß von einem Kollegen, der erst mit 70 Jahren im väterlichen Betrieb wirklich das Sagen hatte. „Die abgebende Generation hat oft Probleme, Ideen der neuen Generation zuzulassen“, berichtet Katharina Berndt, die 2012 ins elterliche Unternehmen „Raumgestaltung Vespermann“ (Moringen) eingestiegen ist. Das frustriere. Andererseits neige die nachfolgende Generation dazu, Neues zu schnell umzusetzen. Das bringe Unruhe in den Betriebsablauf und überfordere Mitarbeiter. Ideal sei es, wenn die neuen Ideen der Jungen mit der Erfahrung der Alten realisiert würden. mic

„Eine Herausforderung stellt der Kaufpreis dar“, hat Grube von der IHK beobachtet. Viele Unternehmer planten den Verkaufserlös in ihre Altersvorsorge ein. Sie seien daher bei Firmenabgaben an Dritte wenig kompromissbereit. „Auf der anderen Seite schränkt ein hoher Kaufpreis den Spielraum des Nachfolgers bei Investitionen ein“, warnt Bauunternehmer Frölich. Sein Bruder habe sich auf viele Jahre verschuldet, um sich in eine Steuerberatungskanzlei einzukaufen. „Es gibt Formeln zur Berechnung des Unternehmswertes, die auf dem Gewinn der vergangenen Jahre, der Größe des Kundenstamms und dem Betriebsvermögen beruhen“, erläutert IHK-Mitarbeiter Grube. Banken täten sich aber oft schwer mit der Finanzierung. Denn: „Der Warenbestand wird nicht als Sicherheit akzeptiert“, weiß Wiederholt-Chef Grosse.

Begehrte Beratungstermine

Die Handwerks- sowie die Industrie- und Handelskammern begleiten Mitgliedsunternehmen bei der Regelung der Nachfolge. „Wir bieten im Jahr vier Beratungstage in Göttingen und zwei in Osterode an“, berichtet IHK-Mitarbeiter Joachim Grube. Aufgrund der steigenden Nachfrage seien diese Angebote noch ausgeweitet worden: Die Kammern haben Broschüren, Checklisten und Merkblätter erstellt und bieten Seminare sowie Workshops zum Thema an. Hilfe gibt es zudem bei Banken, Rechtsanwälten, Steuer- und Wirtschaftsberatern. mic

„Ausreichend Zeit sollten Unternehmer für die Klärung rechtlicher und steuerlicher Fragen einplanen“, meintt Grube. Zu bedenken sei auch, dass vor allem bei kleinen Firmen oft sehr viel an der Person des Unternehmers hänge. Der Chef präge seinen Betrieb, halte den Kontakt zu den Kunden und sorge für Innovationen. „Im Einzelhandel kommt es immer wieder vor, dass ein Nachfolger mit seiner Sortimentsauswahl, der Gestaltung und Anordnung nicht den Geschmack der Kunden trifft und nach zwei, drei Jahren aufgibt“, berichtet Einzelhändler Graf.

Von Michael Caspar