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Regional Handwerk in Südniedersachsen hatte „sehr gutes Jahr“
Nachrichten Wirtschaft Regional Handwerk in Südniedersachsen hatte „sehr gutes Jahr“
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16:30 28.12.2018
Kreishandwerksmeister Christian Frölich  hier bei der Gildenwahl 2018.
Kreishandwerksmeister Christian Frölich hier bei der Gildenwahl 2018. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Das Handwerk in Südniedersachsen blickt auf ein „sehr gutes Jahr“ zurück – trotz Fachkräftemangel, bürokratischer Hürden und Infrastrukturmängeln, sagt Kreishandwerksmeister Christian Frölich im Interview mit dem Tageblatt.

Seit acht Jahren herrscht in Deutschland Hochkonjunktur. Wie ist das Jahr 2018 für das südniedersächsische Handwerk gelaufen?

2018 war ein sehr gutes Jahr für uns. Wir konnten unsere Umsätze noch einmal deutlich steigern. Das Baugewerbe war zu 100 Prozent ausgelastet. Dort stoßen die Firmen aufgrund des Fachkräftemangels an Kapazitätsgrenzen. Die Kreishandwerkerschaft versucht mit Veranstaltungen wie dem GöBit im Februar in der Lokhalle, mit der Kooperationen mit dem Felix-Klein-Gymnasium oder durch engere Kontakte zur Universität, mit der wir gemeinsam einen Ball ausrichten, gegenzusteuern. Alles deutet darauf hin, dass es 2019 gut weitergeht. Deutschland benötigt jedes Jahr 400.000 Wohneinheiten zusätzlich. 2018 wurden nur aber 260.000 gebaut.

Nutzt das Handwerk die große Nachfrage aus, um die die Preise in die Höhe zu treiben?

Die Gewinnmarge im Handwerk liegt bei 2,5 bis drei Prozent des Umsatzes. Für die Industrie ist das lächerlich wenig. Die Preise im Handwerk steigen vor allem, weil unsere Zuliferer die Preise erhöhen und weil es immer neue preistreibende Auflagen gibt.

Die Handwerkskammern Niedersachsen berichten von einem Geschäfsklimadämpfer im Lebensmittelhandwerk. Ist das so?

Die Supermarktketten setzen das Bäcker- und Fleischer-Handwerk seit Jahren mit Backstationen und Frischfleischangeboten unter Druck. Die großen Bäckereien in Südniedersachsen mit ihren Filialnetzen und ihren Bistroangeboten gut aufgestellt. Eine Herausforderungen sind die Engpässe beim Personal. Einige Bäckereien müssen wegen Fachkräftemangels bereits ihre Öffnungszeiten einschränken.

Wie sieht es im Kfz-Handwerk aus?

Die Kfz-Betriebe verdienen mit ihren Werkstätten gutes Geld. Im Neuwagengeschäft, wo 2019 mit extrem hohen Nachlässen zu rechnen ist, gestaltet sich das schwerer.

Das Handwerk setzt zu 95 Prozent Diesel-Fahrzeuge ein. Verursachen Ihnen Fahrverbote schlaflose Nächte?

In Südniedersachsen sind vorerst keine Fahrverbote zu erwarten. Das sieht in Hannover oder Kassel, wo einige meiner hiesigen Kollegen tätig sind, anders aus. Das kann eine Bedrohung werden. Bundesregierung und Autoindustrie wollen das Problem mit einer Modernisierung der Flotten lösen. Da wir nicht die Schuldigen sind, kann man uns die Kosten dafür nicht aufbürden. Im Handwerk werden Fahrzeuge nach fünf oder zehn Jahren ausgetauscht. Wir können auch nicht auf Elektrofahrzeuge umsteigen, weil die Industrie in diesem Bereich keine anbietet. Der Streetscooter der Post lässt sich wegen fehlender Zuladungsmöglichkeiten im Baugewerbe nicht einsetzen.

Bei der Gildenwahl haben Sie gegenüber dem niedersächsischen Wirtschaftsminister Bürokratieabbau angemahnt.

Bernd Althusmann hat eine entsprechende Stabststelle eingerichtet, uns aber wenig Hoffnung gemacht. Die Politik verfolgt ehrenwerte Ziele, berücksichtigt aber zu wenig, welche Kosten das bei den Unternehmen verursacht. Die neue Abfallentsorgungsrichtlinie schreibt uns zum Beispiel vor, zu begründen, warum wir auf kleinen Baustellen nicht zehn Container zum Trennen der Wertstoffe aufstellen können. Das System überdreht.

Wie ist das Handwerk mit der neuen Datenschutzgrundverordnung zurecht gekommen?

Für die großen Betriebe ist ihre Umsetzung mit erheblichem Aufwand verbunden. Sie müssen nun einen Datenschutzbeauftragten benennen und schulen oder die Arbeit für teures Geld extern vergeben. Für die kleinen Betriebe, in denen weniger als zehn Personen mit personenbezogenen Daten umgehen, reichen dagegen kleinere Maßnahmen wie das Überarbeiten des Internetauftritts aus.

Seit 2018 müssen Lkw für die Benutzung der 52.000 Kilometer Bundesstraßen in Deutschland Maut zahlen.

Das ist ein Grund dafür, warum die Preise im Handwerk gestiegen sind. Wenn ich ein Baufahrzeug von Rosdorf nach Dransfeld schicke, bekomme ich jetzt Rechnungen von Toll Collect. Die Politik könnte die Akzeptanz steigern, wenn sie das gesamte Geld für eine Verbesserung der Infrastruktur nutzen würde. Das ist leider nicht der Fall.

Gespräch: Michael Caspar

Von Michael Caspar

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