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Regional „Die Werkstatt“: Von Robin Wood zu Lionel Messi
Nachrichten Wirtschaft Regional „Die Werkstatt“: Von Robin Wood zu Lionel Messi
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17:46 08.07.2011
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In Bernd Beyers Büro – er ist einer der Geschäftsführer des Verlags – stehen Unmengen an Fußballbüchern: „Revolutionen auf dem Rasen“ über die taktischen Veränderungen im Weltfußball, Ben Redelings Unterhaltungsbücher oder die Geschichte eines gebeutelten Fans des MSV Duisburg. Und Chroniken der Vereine. Von Bayern München bis Preußen Münster.

Für Chroniken arbeiten Beyer und seine Mitarbeiter mit Autoren zusammen, die den Fußballverein gut kennen. „Einige Schreiber begleiten Bundesligavereine für eine Tageszeitung seit Jahren fast jeden Tag.“ Die Einblicke und Geschichten, die sie dabei bekommen und erzählen, wollen Fans lesen.

Beyer gründete „Die Werkstatt“ 1981 zusammen mit Erich Schünemann, Bernd Weidmann – beide heute Geschäftsführer des Verlags – und Gert Schwab. Die Vier kommen aus dem alternativen Politikbereich und schrieben vor 30 Jahren für das Stadtmagazin (Beyer und Schwab) und für die Anti-Atomkraftzeitung Atomexpress (Schünemann und Weidmann). Die ersten Bücher der „Werkstatt“ handelten von Umwelt- und Friedensthemen. Der erste große Erfolg wurde „Atomkraft am Ende?“, den die vier Gründer drei Wochen vor der Reaktorexplosion in Tschernobyl veröffentlichten. „So haben wir uns einen Namen für kritische Sachbücher gemacht“, erinnert sich Beyer.

In den Anfangsjahren arbeiteten sie mit Organisationen wie Greenpeace und Robin Wood zusammen – bis Mitte der 90er, als sich der Verlag auf Sportbücher spezialisierte. „Für einen Verlag unserer Größenordnung ist es wichtig, ein klares Themenfeld zu haben“, erklärt Beyer. „Die Werkstatt“ hat 50 Mitarbeiter in Göttingen und Rastede bei Oldenburg. „Auf die Idee, Fußballbücher zu schreiben, sind wir aus unserem persönlichen Interesse an dem Sport gekommen“, so Beyer. In den 1990ern entwickelten sich zudem kritische Bewegungen innerhalb der Fanblocks, beispielsweise gegen die Kommerzialisierung des Sports oder gegen rechtes Gedankengut in den Kurven. „Über Fußball gab es aber nur Bücher mit Rückblicken auf Ereignisse und Selbstbeweihräucherung der Vereine.“ Man könne sagen, dass Die Werkstatt die Gattung sozialkritische und kulturhistorische Fußballbücher in Deutschland begründet habe, sagt Beyer. „Der gezähmte Fußball“ von Dietrich Schulze-Marmeling, das erste Fußballbuch im Verlag, „ist die Mutter aller kritisch-analytischen Fußballbücher in Deutschland.“
Was macht Fußballbücher beliebt? Beyer erklärt. „Ästhetik und Haptik einer opulenten Chronik des Lieblingsvereins in Buchform sind emotionale Erlebnisse.“ Das können E-Book und Internet nicht bieten. „Und stellen Sie sich mal vor, Sie verschenken ein E-Book, anstatt eines richtigen Buchs. Das wäre doch peinlich.“ Beyer ist Buchfan, im Verlag zuständig für die Konzeption neuer Bücher. Außerdem lektoriert er einige Werke. „Früher habe ich alle Bücher im Verlag gelesen, aber das ist zeitlich nicht mehr drin.“

Der Verlag ist nach eigenen Angaben der wichtigste Sportbuchverlag in Deutschland. Dafür sprechen Auszeichnungen der Akademie für Fußballkultur, die seit 2006 das Fußballbuch des Jahres kürt. Der Sieger kam zweimal aus dem Werkstatt-Verlag. Und auch in diesem Jahr sind drei der elf Nominierten Werkstatt-Bücher.

Von Michael Kerzel