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Regional "Die ganze Welt in Göttingen": Vielseitiger Künstler aus Ghana
Nachrichten Wirtschaft Regional "Die ganze Welt in Göttingen": Vielseitiger Künstler aus Ghana
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17:44 11.04.2014
Vielseitiger Künstler aus Ghana: Agbenyega Attiogbe-Redlich in seiner Musikschule. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Agbenyega Attiogbe-Redlich ist eine auffällige Erscheinung: die stattliche Figur, die fast einenMeter langen Rastazöpfe und das Kichern, das er jedem zweiten Satz folgen lässt. „Ich bin in Göttingen bekannt wie ein bunter Hund“, sagt der 55-Jährige und kichert.
Der Ghanaer ist Künstler: er singt, musiziert, malt, modelliert, kocht und erzählt Geschichten.

Thema ist stets sein Heimatkontinent Afrika. „The Hippocritz – African Roots Reggae“ heißt seine Band, „Hippocritz – Attiogbe’s Music & Art School“ seine Schule.
Geboren wurde Attiogbe-Redlich 1958 in der Hauptstadt Accra als Sohn wohlhabender, künstlerisch interessierter Eltern, die der Ewe-Volksgruppe angehörten.

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Sein Vater war Katholik, seine Mutter Priesterin des Ewe-Glaubens. Schon als Kind betätigte er sich künstlerisch, erhielt allerdings niemals irgendeine formale Ausbildung. Das macht nichts, sagt der Autodidakt: „Ich brauche keine Theorie, ich mache alles nach Gefühl. Wenn ich zum Beispiel einem Orchester zuhöre, und es ertönt ein falscher Ton, weiß ich genau, von welchem Instrument er kam.“

„Danach konnte ich mich vor Aufträgen kaum noch retten“

Direkt nach seinem Schulabschluss machte sich der damals 18-Jährige als Künstler selbstständig. Wie unglaublich vielseitig er ist, zeigt die Episode, in der er das Wappen des High Court, des obersten Gerichtshofs, restaurierte. 1957 hatte Ghana seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt, seitdem hing das metallene Wappen über dem Eingang des Gerichtsgebäudes.

Niemand war in der Lage, die abblätternde Farbe fachmännisch zu entfernen und das Eisen wieder neu zu bemalen. Niemand außer Attiogbe. „Danach konnte ich mich vor Aufträgen kaum noch retten“, erinnert er sich.
Mitte der 1990er lernte er eine deutsche Frau kennen, die sich beruflich in Ghana aufhielt.

Er besuchte sie in ihrer Heimat Göttingen. Dort bekam er einen Schock: alle Bäume hatten ihre Blätter verloren. Attiogbe kombinierte: „Es gibt hier so viele Autos – die müssen dafür verantwortlich sein.“ Eigentlich wollte er nie wieder einen Fuß in das seiner Meinung nach so umweltverschmutzte Deutschland setzen, doch die Liebe brachte ihn zurück.

Begeisterter Fußballer

Und siehe da: die Bäume standen in voller Blüte. „Ich hatte den Unterschied zwischen Frühling und Herbst kennengelernt“, blickt der Künstler lachend zurück.
Pepper (Pfeffer), wie er seit seiner Kindheit mit Spitznamen heißt und von Freunden und Bekannten gerufen wird, hat sich in seiner neuen Heimat gut eingelebt. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder (10 und 13).

Über politische Korrektheit kann er nur lachen: „Sich über den Begriff Negerkuss aufzuregen, finde ich völlig lächerlich.“ Begeisterter Fußballer, der er ist, schloss er sich vor Jahren Göttingen 05 an. Eines Tages standen er und seine Mannschaftskameraden unter der Dusche, und auf einmal fiel sein Blick in den Spiegel: „Da sah ich, dass einer von uns schwarze Haut hatte, und als mir bewusst wurde, dass ich es war, musste ich herzlich lachen.“

Attiogbe gehört keiner Religion an, was aber nicht bedeutet, dass er nicht spirituell wäre: „In die christliche Kirche, in die Moschee – ich gehe überall dorthin, wo es einen Propheten gibt.“ Viele Menschen in seiner Heimat könnten mit dem christlichen Glauben allerdings nichts anfangen, weil sie fänden, dass die Vergebung zu leicht zu erlangen sei: „In einem Ewe-Dorf muss ein Missetäter alle seine Sünden der Gemeinschaft beichten.

Tut er das nicht, straft ihn der Ewe-Gott.“ „Alle Menschen haben Rhythmus“, ist der 55-Jährige fest überzeugt. Am liebsten arbeitet er mit Kindern, von denen heutzutage viele kein Gefühl für Takt, Bewegung und Emotionalität mehr hätten: „Dadurch, dass wir zusammen trommeln, helfe ich ihnen, die richtige Balance zu finden.“ Seine Trommeln setzt er auch gerne im Umgang mit Autisten ein: „Das Musizieren verschafft ihnen unglaubliche Erfolgserlebnisse.“

von Hauke Rudolph