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19:43 20.12.2019
Lünemann ist der aktuelle Fall alter Firmen, die in Göttingen schließen. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Die Buchhandlung Deuerlich, die Ratsapotheke oder das Modehaus Schlüter – immer wieder hat Göttingen alteingesessene Unternehmen verloren. Zuletzt traf es den Baustoffhandel Lünemann.

Vor 236 Jahren – 1783 – ist die Firma Lünemann gegründet worden. Am 20. Dezember schließt der Fachgroßhändler seine vier Geschäftsbereiche Stahlhandel, Haustechnik, Werkzeuge und Baubeschläge. Den 22 Lünemann-Mitarbeitern wurde zum Jahresende gekündigt. Im Januar waren in Grone an der Grätzelstraße noch mehr als 80 Mitarbeiter tätig.

Auch andere Traditionsunternehmen haben Jahrzehnte, oft sogar Jahrhunderte bestanden, überdauerten Weltkriege und Besatzungen, Inflation und Währungswechsel, behaupteten sich in Zeiten der Monarchie, der Diktatur und der Demokratie. Immer wieder richteten sie sich neu am Markt aus, erschlossen sich zusätzliche Geschäftsfelder, erfanden sich neu – bis sie irgendwann den Anschluss verpassten.

Umsatzrückgänge und Internet-Konkurrenz

So ist es dem Modehaus Schlüter ergangen, das 1751 vom Kürschner Johann Christoph Müller gegründet worden ist. Mit steigenden Kosten sowie dem Wettbewerb des Internets und der Grünen Wiese hat Geschäftsführer Michael Krause die Schließung seines Unternehmens zur Jahresmitte gegenüber dem Tageblatt begründet. Dabei befand sich das inhabergeführte Modegeschäft mit Komplettsortiment an der Weende Straße 28 in bester Lage. Mit Erfolg, so Krause, sei es in den vergangenen 20 Jahren gelungen, junge Zielgruppen zu erreichen. Doch es half nicht. Einzelhandelskaufmann und Diplom-Betriebswirt Krause musste seinen sieben Mitarbeiterinnen kündigen.

Beim Modehaus Schlüter war im Sommer Schluss. Quelle: Christina Hinzmann / GT

Die Ratsapotheke nebenan, Weender Straße 30 hat bereits 2014 aufgegeben– nach 682 Jahren. 1332 hatte Herzog Otto von Braunschweig das Unternehmen gegründet, das im Laufe der Jahrhunderte häufig den Besitzer wechselte. Ein Jahrhundert lang führte Familie Koch die Apotheke. Sibylle Koch übergab die Traditionsfirma, die zu Deutschlands ältesten Apotheken gehört hat, 2008 an Karl-Heinrich Reimert. Dieser begründete die Aufgabe 2014 mit der abnehmenden Ärztezahl in der Innenstadt und der Konkurrenz durch große Drogeriemärkte in Nachbarschaft. Er klagte über den Internet-Wettbewerb sowie über Fachkräftemangel und „massive Umsatzrückgänge“ während einer zweijährigen Bauzeit vor dem Geschäft.

2007 ist die 1807 gegründete Göttinger Buchhandlung Deuerlich– nach 200 Jahren in Familienbesitz – von der Münchner Buchhandelskette Hugendubel übernommen worden. Seit 2012 firmiert das Geschäft nicht mehr als Deuerlich, sondern als Hugendubel. Damals erholte sich die Filiale gerade von Umsatzeinbrüchen nach der Thalia-Eröffnung 2010 in der Innenstadt. 2018 trennte sich Hugendubel von einem großen der Teil der zuletzt noch mehr als 20 Mitarbeiter und bezog ein paar Häuser weiter an der Weender Straße 39 deutlich kleinere Räume.

Auch Industrieunternehmen betroffen

Auch Göttinger Industrieunternehmen sind untergegangen. So gab der finnische Verpackungshersteller Huhtamaki 2005 die Schließung seines Werks in Weende bekannt und entließ mehr als 500 Beschäftigte. Die Geschichte des Standorts reichte bis ins Jahr 1873 zurück. Damals entstand die Firma Rube Co, die 1936 an den Unilever-Konzern ging, 1973 in 4P Rube umbenannt wurde und seit 1999 Huhtamaki gehörte.

Bis Dezember 2001 produzierten in Grone 180 Mitarbeiter der Firma Glunz Novopan-Spanplatten. Dann beschloss der portugisische Mutterkonzern Sonae, zu dem das Unternehmen seit 1998 gehörte, die Fertigung nach Sachsen-Anhalt zu verlagern. Das Novopan-Werk in Göttingen ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden.

Von Michael Caspar