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Regional Benediktiner-Regeln für die Wirtschaft
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20:24 14.05.2019
Anselm Bilgri spricht in der Alten Mensa der Göttinger Universität am Wilhelmsplatz vor Unternehmern zum Thema „Neue Perspektiven auf alte Werte“. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Wenn ein Mönch zum Unternehmensberater wird, kommen auf einmal Werte zurück, die fast schon vergessen sind, die vielleicht sogar als überwunden gelten. Tugenden wie Gehorsam, Demut und Armut werden von Ordensleuten erwartet, aber doch nicht von Führungskräften aus der Wirtschaft. Doch. Jedenfalls von Anselm Bilgri. Der 65-Jährige war Prior im Kloster Andechs, gehörte den Benediktinern an, trat aus dem Orden aus und ist seitdem Ratgeber und Buchautor. Bei der Jahreshauptversammlung des Arbeitgeberverbandes Mitte (AGV) am Dienstag in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz hielt er einen Festvortrag. Thema: „Neue Perspektiven auf alte Werte – nur wertorientiertes Wirtschaften verspricht dauerhaften Erfolg“.

Immer der Mensch im Mittelpunkt

Bei allem Handeln des Menschen müsse immer der Mensch im Mittelpunkt stehen, so lautet kurz gefasst das Credo von Bilgri. Deshalb müsse ein Chef stets darauf bedacht sein, eine Balance aus Leistungszielen und persönlicher Entwicklung aller Beteiligten herzustellen. Das sei das Rezept für langfristig angelegten Erfolg. „Um die Geschäftsziele nachhaltig und dauerhaft zu erreichen, muss der Mensch als Person mit all seinen Talenten und Potenzialen wiederentdeckt und gefördert werden“, unterstrich der in München lebende Bilgri.

Schlüssel für Unternehmensentwicklung

Anselm Bilgri reiste für seinen Vortrag aus München an. Von der Präsidentin des Arbeitgeberverbandes, Birgitt Witter-Wirsam wurde er ebenso freudig begrüßt wie von der Hauptgeschäftsführerin Kirsten Weber (li.). Quelle: Meinhard

Fühlt sich ein Mitarbeiter nicht in eine unternehmerische Gemeinschaft integriert, falle es ihm schwer, einen Sinn für seine Tätigkeit zu empfinden, folglich fehle die Motivation, Unzufriedenheit mache sich breit. „Wenn sich eine Führungskraft bewusst ist, welche Werte im Unternehmen die Zusammenarbeit prägen und welche Tugenden noch zu wenig ausgebildet sind, dann ist das ein Schlüssel für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung“, erklärte er.

Diplomatisch ausgedrückt ließ Bilgri wissen, dass folgender Ansatz womöglich neu sein könnte für Chefs und Geschäftsführer: „Die Führungskraft muss ihre Aufgabe als Dienst verstehen und mit Achtsamkeit den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten gegenüber treten.“ Dieses Modell sei aus dem das Abendland prägenden Werten des Christentums entwickelt und in den 1500 Jahre alten Regeln der Benediktiner festgeschrieben worden. Bilgri sprach hier von fünf wesentlichen Schritten.

Regeln, nach denen auch Benediktiner leben

Da wären erstens Stabilität und Bodenhaftung: Ein Mensch lebe in Demut, wenn er Bodenhaftung habe. „Nur dann können wir ein Gespür für uns selbst entwickeln und die Dinge so annehmen, wie sie sind.“

Da wäre zweitens Achtsamkeit: Mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gehe der Blick auf den anderen, der immer mehr oder weniger anders ist als man selbst. „Nur wenn achtsam mit unterschiedlichen Werten und Haltungen umgegangen wird, kann sich Vielfalt auszahlen.“

Da wäre drittens die Kultur des Dienens: Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitern dienen, würden sie dafür sorgen, dass jeder seine Arbeit gut erledigen und Ziele nachvollziehen kann. „Eine Kultur des Vertrauens breitet sich aus, wenn das Gleichgewicht aus Geben und Nehmen gewahrt wird.“

Da wäre viertens die Wertschätzung der Unterschiedlichkeit. Wer einen Betrieb oder eine Abteilung leitet, stehe täglich vor einem Balanceakt. „Das rechte Maß zu finden, heißt zum einen, sein inneres Gleichgewicht zu finden und zum anderen darauf zu achten, niemanden zu unter- oder zu überfordern.“

Da wäre fünftens die heitere Gelassenheit: Humor sei ein effektives Mittel der Problemlösung.

Haltungen, die nur durch Training zu erlangen seien, aber im Ergebnis weniger Stress bedeuten, dafür neue Freude am Problemlösen und „damit persönlichen und gemeinsamen Erfolg“.

Wie viele Unternehmer Bilgri, der übrigens noch immer als Priester arbeitet, mit seinen Worten begeistern konnte, ist nicht bekannt. Die Hauptgeschäftsführerin des AGV, Kirsten Weber, outete sich jedenfalls als Bilgri-Fan: „Ich finde ihn und was er sagt ganz wunderbar.“

Von Ulrich Meinhard

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