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Regional Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt
Nachrichten Wirtschaft Regional Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt
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00:17 23.07.2017
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zu seiner Umfrage «Ausbildung 2017» unter etwa 10 500 Unternehmen berichtete, lag die Quote der nicht besetzten Lehrstellen zuletzt bei 31 Prozent - im Vergleich zu 12 Prozent zehn Jahre zuvor. «Fast jeder zehnte Ausbildungsbetrieb hat noch nicht einmal eine Bewerbung erhalten», sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer in Berlin.

Viele Handwerksbetriebe finden auch in der Region keine Lehrlinge. „Je nach Branche ist die Situation auf dem Lehrstellenmarkt regelrecht dramatisch“, so Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. Der Mangel an Lehrlingen sei regional unterschiedlich. Unter vielen nichtbestetzten Lehrstellen leiden zum KFZ-Betriebe, Maler,Tischler, Zimmereien usw. Vor allem im Lebensmittelhandwerk zeigt sich das Problem. Viele Bäcker und Fleischer haben Probleme ihre Lehrstellen zu besetzen. Im Jahr 2016 haben beim Ausbildungsstart im Fleischerhandwerk in der Region Göttingen drei neue Lehrlinge begonnen.

Am Ende zahlt der Verbraucher

„Viele Jugendliche wollen bestimmte Berufe nicht mehr ausüben“, sagt Gliem. Dabei seien die Rahmenbedingungen in der Regel sogar finanziel sehr lukrativ. „Wir müssen öffentlich eine Wertediskussion führen, um auf diesen Missstand hinzuweisen“, sagt Gliem. Denn langftristig ergebe sich ein Versorgungsproblem der Bevölkerung mit handwerklichen Dienstleistungen. Logische Folge sei die Verknappung von Dienstleistungen, mit der Folge, dass sie teurer werden. „Am Ende zahlt der Verbraucher die Zeche“, so Gliem. Auch die Vielfältigkeit des Handwerks sei mit einem Lehrlingsnotstand wie derzeit in Gefahr.

„In Zukunft wird auch der Wettbewerb um die verbleibenden Arbeitnehmer grösser werden“, ist sich Gliem sicher. Das viele Betriebe Mühe haben zeige sich auch an den Einstiegshürden für Berufe, die teilweise deutlich sinken. „Die allgemeinen Anforderungen gehen nach unten“, so Gliem. Das Paradoxe aber sei, dass bei gleichzeitigem Fortschritt der Technik die Anforderugen an die Qualität der Bewerber eigentlich nach oben gehen müßte.

Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Laut Angaben der Agentur für Arbeit waren im Agenturbezirk Göttingen im Juni von gemeldeten 2689 Ausbildungsstellen und dualen Studienangeboten 1143 Plätze noch nicht abschließend vergeben. Auf der anderen Seite suchten noch 958 der seit Oktober gemeldeten 2515 Ausbildungsinteressierten eine Lehrstelle. Auch wenn ein Teil der Bewerbungsverfahren kurz vor dem Abschluss steht, ergeben sich doch immer noch neue Chancen auf dem Ausbildungsmarkt.

Allein im Juni meldeten die Betriebe 92 Lehrstellen, 105 Jugendliche suchten kurzfristig als Bewerber Unterstützung bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur oder den Jobcentern. Chancen auf eine Lehrstelle bestehen noch in zahlreichen Berufen, zumal kurzfristig auch Jugendliche ihre Zusagen zurückziehen. Besonders gesucht werden weiterhin Nachwuchskräfte in vielen handwerklichen und Gesundheitsberufen sowie im Hotel- und Gaststättenbereich und im Einzelhandel. bm

„Der Ausbildungsmarkt bot noch nie so gute Chancen für ausbildungsinteressierte Jugendliche, wie im Moment“, sagt Kirsten Weber, Geschäftführerin des Arbeitgeberverband Mitte e. V. Das zeige die ständig steigende Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge. „Die Wirtschaft kann aber vor allem infolge des demografischen Wandels längst nicht mehr alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen, das wirkt sich ganz gravierend in den sogenannten MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) aus“, so Weber. Schulabgänger sollten bei ihrer Berufswahl den steigenden Akademisierungsdruck hinterfragen und nicht aus Verzweiflung, weil man nicht weiß, was man machen soll, ein Studium aufnehmen. „Ein größeres Augenmerk in der Zukunft muss daher auch besonders auf die noch stärkere Information über die Möglichkeiten der dualen Ausbildung und die Integration von Flüchtlingen gerichtet werden“, betont Weber.

Von Bernard Marks