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Regional Freiheit mit Humor und Gelassenheit
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13:00 24.11.2017
Dr. Notker Wolf zu Gast in der Mercedes-Niederlassung Göttingen – auf Einladung des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft. Quelle: Arne Bänsch
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Göttingen

Notker Wolf ist ein außergewöhnlicher Kirchenmann: Er schreibt Bücher sowie Kolumnen, spielt Querflöte und Gitarre in einer Band. Dass er 77 Jahr alt ist, merkt man dem weltgewandten Benediktiner im Gespräch nicht an.

Netzwerken als wichtiges Ziel

„Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Gesellschaft“, begrüßte Jörn Kater, Leiter des Kreisverbandes Südniedersachsen des BVMW die etwa 100 Gäste. „Und er sollte extremst gepflegt werden und nach vorne gehen.“ Kater dankte Hausherrin Katharina Stein dafür, dass der BVMW bereits zum vierten Male Gast bei Mercedes sein durfte. Netzwerken sei ein wichtiges Ziel des Unternehmerverbandes. Stein ließ die Innovationen des Hauses Revue passieren.

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Die aktuelle Berliner Politik holte Patrick Meinhardt, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und BVMW-Cheflobbyist, gedanklich nach Göttingen. Er betonte die Wichtigkeit, an allen Fraktionen des alten Bundestags „dicht dran“ zu sein. „Wir sind der größte freiwillige Unternehmerverband in Deutschland“, sagte Meinhardt. Umfragen zu aktuellen Situation unter den Mitgliedern hätten ergeben, dass 70 Prozent der Mitglieder „Nein“ zu Neuwahlen sagten. „Die Politik soll die Verantwortung übernehmen“, dies habe er auch in Berlin weitergegeben.

Unternehmerpreise verliehen

Bevor die Gäste dem Benediktiner lauschen konnten, sprach zunächst noch Patrick Meinhardt, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und BVMW-Cheflobbyist, über die aktuelle Berliner Politik; danach wurden zwei BVMW-Unternehmerpreise überreicht. Jenen für Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern erhielt die Mittelstädt Entsorgung Transporte GmbH aus Uslar. Das Unternehmen mit 27 Mitarbeitern lege viel Wert auf eine besonders gute Mitarbeiterführung. Bei den Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeiter gewann die Indula GmbH aus Kaltenburg-Lindau den diesjährigen Preis. 90 Mitarbeiter, stetige Erweiterungen und die Vielfältigkeit des Angebots von der Homepage bis zur Sportbandenerstellung würden das freundliche Familienunternehmen auszeichnen, so BVMW-Juror Ulf Hasse.

Google hat mich längst durchleuchtet“

Google hat mich längst schon durchleuchtet“, eröffnete Wolf dann seinen Vortrag. Er sei im Allgäu geboren, in die Erzabtei St. Ottilien eingetreten. Dann habe er studiert, sagte der Benediktiner, der von 2000 bis 2016 Abtprimas der Benediktiner und damit oberster Repräsentant von 23000 Mönchen, Nonnen und Schwestern weltweit war. „Ich wollte immer alles mitbekommen, was nicht in Lehrbüchern zu erfahren war.“ Von der Welt hat er viel gesehen, sieben Sprachen spricht er und lebt heute wieder in der Erzabtei Sankt Ottilien im Kreis Landsberg am Lech. Mit nun 37 Jahren wurde er dort schon zum Abt gewählt und auch als Abtprälat 2008 wiedergewählt – trotz seiner Kolumnen und der Rockmusik. Wolf stand schon als Gitarrist mit Deep Purple auf der Bühne. „Unternehmer sein, das ist etwas wunderbares“, sagte Wolf. „Und der Kern des Unternehmerseins ist die Freiheit“, lautet sein Credo. „Business braucht Freiheit, nur so entstehen Innovationen und Entwicklung.“ Er forderte Mut zum Risiko ein. Den Mittelständlern schrieb er Eigen- und Mitarbeiterverantwortung ins Stammbuch. „Natürlich gehe es auch um Gewinn“, sagte Wolf, aber der müsse gerecht verteilt werden, und auch die Entlohnung müsse gerecht sein. Zudem sollten die Unternehmen an die Zukunft denken. Es zahle sich langfristig aus, die Arbeit der Mitarbeiter zu honorieren.

Regulierung in Deutschland als Hindernis

Sorgen bereiten Wolf der „nicht ausreichende Einsatz“ für Natur und Klima. „Wir haben das noch nicht ganz erfasst“, sagte er und berichtete von einem Kindergarten im Inselstaat Kiribati, der durch das Steigen des Meeresspiegels schon drei Mal verlegt werden musste. „Vielleicht sollte man Trump einmal dorthin schicken“, sagte Wolf. Auch die übertriebene Regulierung in Deutschland stört ihn. „Wir haben doch einen Eigenverantwortung“, sagte Wolf und fügte ein Beispiel an: „Als wir in St. Ottilien die gotische Kirche renovieren wollten, kam ein Herr vom Denkmalamt. Er wollte viele Aufzeichnungen von uns haben. Wir haben dann ohne Baugenehmigung mit dem Bau begonnen, die Kirche ist ein echtes Schmuckstück.“ Der Mann vom Amt sei nicht begeistert gewesen. „Ich habe ihm gesagt: Wir haben schon Kirchen renoviert, lange bevor es Denkmalämter gegeben hat“, sagte Wolf.

Ehrlichkeit gefordert

Ehrlichkeit forderte er von den Unternehmern ein, denn „Lügen haben kurze Beine“ – und streifte damit kurz das Thema Abgasmanipulationen. Was gäbe es schlimmeres als den Verlust des Vertrauens der Kunden? Diese Frage stellte Wolf in den Raum. Die Milliardenstrafen der Unternehmen hätten seiner Ansicht nach anderswo besser eingesetzt werden können.

Mehr Respekt vor der Privatheit des Menschen wünscht er sich ebenfalls. „Einzelpersonen müssen mehr geschützt werden.“ Aber die Freiheit bleibe Ziel und Herausforderung. Dies sollte man unbedingt mit Gelassenheit und Humor angehen, sagte der Mann, der von Papst Franziskus bei seiner Verabschiedung mit „Da ist ja unsere Weltreisender“, begrüßt wurde: „Und Franziskus macht es mir nach.“

Von Frank Beckenbach