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Regional Friedländer feiern 125-jähriges Bestehen
Nachrichten Wirtschaft Regional Friedländer feiern 125-jähriges Bestehen
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15:50 21.11.2018
Die Firma L. Baumbach beschäftigte vor dem Zweiten Weltkrieg 400 Mitarbeiter: Firmenleitung mit Mitarbeiter des Büros. Quelle: r
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Friedland

Um ein „baulustiges Publikum“ hat Firmengründer Ludwig Baumbach in der Eröffnungsanzeige geworben, die 1893 im Göttinger Tageblatt erschienen ist. Der Absolvent der Bauwerkschule in Holzminden hatte damals bereits ein paar Jahre für seinen Vater, einen Friedländer Maurermeister, gearbeitet

„Mein Großvater beschäftigte Maurer für das Mauerwerk, Zimmerer für den Dachstuhl und Tischler für Treppen, Türen und Fenster“, berichtet Rainer Nothdurft, der 1982 die Geschäftsleitung übernommen hat. Sandstein aus eigener Fertigung sei bis nach Berlin und Bremen verkauft worden. Auf dem Gelände, auf dem heute Friedlands Supermarkt stehe, habe sich das firmeneigene Sägewerk befunden. Vor dem Zweiten Weltkrieg seien bis zu 400 Menschen für die Firma tätig gewesen.

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Firmengründer Ludwig Baumbach suchte „baulustiges Publikum“: Eröffnungsanzeige von 1893. Quelle: r

„Mein Großvater hat unter anderem 1901/02 das Westwerk des Klosters Bursfelde mit den beiden markanten Kirchtürmen errichtet“, sagt Nothdurft. Ein Vierteljahrhundert lang habe er die Burg Hanstein denkmalpflegerisch betreut. Die Adelsfamilie habe ihn zum 600-jährigen Stiftungsfest eingeladen. Vom Großvater stamme der Friedländer Bahnhof und die Villa Baumbach nebenan, in der noch seine Eltern gelebt hätten, so Nothdurft. Heute sei dort die Verwaltung des Museums Friedland untergebracht.

„Mein Vater, der in Prag Architektur studiert hat, kam nach dem Krieg als Flüchtling aus dem Sudetenland nach Friedland“, erzählt der Geschäftsführer. Rüdiger Nothdurft habe Baumbachs Tochter geheiratet. Die Firma habe sich unter neuer Leitung von 1950 an auf den Rohbau konzentriert. Der Einsatz von Baggern und Turmdrehkränen habe die Produktivität gesteigert. Die Zahl der Mitarbeiter sei auf 120 bis 150 Beschäftigte gesunken.

Bundeskanzler Konrad Adenauer in Friedland

„In den 50er Jahren baute unsere Firma unter anderem Teile der Universitätsbibliothek an der Prinzenstraße oder die damalige Kinderklinik an der Humboldtallee“, sagt der Diplom-Ingenieur. Damals sei auch die katholische Kirche in Friedland entstanden. Während der Bauphase habe Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) auf dem Platz vor dem Gotteshaus die Spätheimkehrer aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern begrüßt. Gemeinsam mit den Göttinger Baufirmen Claus, Dawe und Raulf seien sie in den späten 60er-Jahren am Bau des Geisteswissenschaftlichen Zentrums mit dem Blauen Turm beteiligt gewesen.

Friedländer waren an der Errichtung des Geisteswissenschaftlichen Zentrums beteiligt: eine Zeichnung des Blauen Turms von Rüdiger Nothdurft. Quelle: r

„Anfang der 80er-Jahre begannen wir mit dem schlüsselfertigen Bauen zu Festpreisen auf fremden Grundstücken“, berichtet der Unternehmer. Bis heute würden sie Mauerwerk und Dachstuhl mit eigenen Mitarbeitern errichten. Subunternehmer kümmerten sich um die anderen Gewerke. Rund 25 Firmen arbeiteten ihnen heute zu. Seit Ende der 80er-Jahre seien sie zudem als Bauträger auf eigenen Grundstücken tätig. Einige 100 Reihenhäuser habe er in den vergangenen Jahrzehnten gebaut.

„Einen Boom erlebten wir mit der Wende“, erinnert sich Nothdurft. Eine große Nachfrage habe es damals nach Ziegelsteinen gegeben, die zu DDR-Zeiten eine Art zweiter Währung gewesen seien. Damals hätten sie kräftig investiert und in Spitzenzeiten am Tag genug Steine für den Bau von fünf bis acht Einfamilienhäusern produziert. 1995 habe das Unternehmen umgerechnet gut 7,5 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Die Maschinen der alten Ziegelei stehen heute in Omsk

„Nach dem Wegfall der Eigenheimzulage und der Sonderabschreibungen in Ostdeutschland brach der Baumarkt im Jahr 2000 ein“, berichtet Nothdurft. Eine späte Folge sei 2013 die Schließung der Ziegelei gewesen. Ein weißrussisches Unternehmen habe die Maschinen auf 40 Sattelschlepper verladen und ins sibirische Omsk verfrachtet. Heute kauften sie die Steine billiger ein, als sie sie selbst hätten produzieren können.

„Seit die Zinsen mit der Finanzkrise in den Keller gerutscht sind, erleben wir einen beispiellosen Bauboom“, sagt Geschäftsführer Henrik Nothdurft, der 2007 ins väterliche Unternehmen eingetreten ist. Seit 2009 hätten sie den Umsatz auf heute knapp zehn Mio. Euro vervierfacht, so der Diplom-Ingenieur.

Von Michael Caspar