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00:25 25.02.2019
In seiner Keynote gibt Thomas Uloth Einblicke in die Gedankenwelt der Gemeinwohl-Ökonomie. Quelle: Heller
Göttingen

Ohne ständiges Wirtschaftswachstum kein dauerhafter Wohlstand: Diese Formel gilt bislang in den Vorstandszimmern von Unternehmen und politischen Gremien. Eine gänzlich andere Richtung verfolgt die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Wirtschaften dürfe nicht länger auf Kosten nachfolgender Generationen erfolgen, denn die Ressourcen seien endlich. Das Wohl von Mensch und Umwelt müsste zum obersten Ziel des Wirtschaftens erhoben werden, heißt es. Eine Göttinger Gruppe der Gemeinwohl-Ökonomie hat sich kürzlich gegründet. Am 21. Februar hatte sie zu einer öffentlichen Veranstaltung in den neu geschaffenen „Startraum“ in der Friedrichstraße 3-4 eingeladen. Thomas Uloth aus Berlin gab Einblicke in die Gedankenwelt der Gemeinwohl-Ökonomie und erläuterte, warum und wie Gründer, Start-ups und bestehende Unternehmen diese Thematik mitdenken sollten.

Welterschöpfungstag

Um sein Anliegen zu verdeutlichen, holt Uloth weit aus. Als Schüler habe er das Anfang der 1970er-Jahre erschienene Buch „Die Grenzen des Wachstums“ gelesen. „Danach war es aus mit der Vorstellung von endloser Fülle“, sagt er. Nachdem er mehr als 40 Jahre später die Publikation „Wir sind dran“ las, habe er sich gesagt: „Ich muss etwas tun.“ Der Unternehmensberater, Coach und Firmeninhaber engagiert sich für die Gemeinwohl-Ökonomie. Seit 2017 gehört er dem Arbeitskreis Berater im Verein Gemeinwohl-Ökonomie e. V. an. Uloth gebraucht den Begriff „Welterschöpfungstag“ um klarzustellen: „Wir verfrühstücken in Deutschland bis zum 1. Mai, was ein ganzes Jahr reichen müsste.“ Und: „Wir bräuchten drei Erdbälle, um unseren Wohlstand aufrecht zu erhalten.“ Im Jahr 1970 habe der Welterschöpfungstag noch auf dem 23. Dezember gelegen.

Grundgesetz Artikel 14

„Was ist Gemeinwohl? Wir müssen nicht lange suchen.“ Im Grundgesetz Artikel 14 stehe es bereits beschrieben: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, zitiert Uloth. An alle Start-ups und Gründer appelliert er: „Wenn Ihr Eure Unternehmen gegründet habt, stellt Euch die Frage, wie nachhaltig Ihr wirtschaftet.“

Mittels speziell erarbeiteter Gemeinwohl-Standards sei es möglich, über eine Punktezahl einen Wert zur Nachhaltigkeit zu ermitteln. Schwerpunkte in dieser Betrachtung, der sogenannten Gemeinwohl-Matrix 5.0, seien Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Pluspunkte bekommen in dieser Bewertung etwa die Aspekte Menschenwürde am Arbeitsplatz, die ethische Haltung im Umgang mit Geldmitteln sowie innerbetriebliche Mitentscheidung und Transparenz. Uloth: „Menschen, die in Gemeinwohl-Unternehmen arbeiten, klagen viel weniger über Stress und es gibt einen geringen Krankenstand.“ In der Außenwirkung zeige sich Kundenzufriedenheit etwa durch nachvollziehbare, faire Preise.

Samen in die Köpfe pflanzen

Unternehmen, die sich entscheiden, sich dem Gemeinwohl-Gedanken anzuschließen, müssten zuerst einmal in Schweiß investieren, denn es gelte, einen GWÖ-Bericht zu erstellen, aus dem sich der aktuelle Status quo ableite. Der werde von außen geprüft. Bei einem positiven Ergebnis ist ein Gemeinwohl-Siegel die Belohnung. Eine Rezertifizierung erfolge alle zwei Jahre. „Das ist die Chance, sich im Zweijahrestakt immer weiter zu entwickeln – und damit den Welterschöpfungstag immer weiter Richtung 31. Dezember zu schieben. Eine Mammut-Aufgabe. Das schaffen wir nur gemeinsam“, betont Uloth. Diesen Gedanken gelte es wie einen Samen in die Köpfe zu pflanzen.

Seine Ein-Mann-Firma habe er auch mit den Gemeinwohl-Kriterien messen lassen. „Ich habe Minuspunkte bekommen beim Punkt Ausbeutung – weil ich mehr als 40 Stunden in der Woche arbeite. Das läuft unter Selbstausbeutung“, sagt Uloth. Auch große Firmen wie Bosch, BMW und Hugo Boss seien mit der Gemeinwohl-Matrix bemessen worden. Das Ergebnis sei nicht gut gewesen.

Die Anwesenden im „Startraum“ nutzten die Gelegenheit, um dem Referenten Fragen zu stellen.Von Interesse war vor allem, wie konkret die Punktevergabe bei der Gemeinwohl-Bewertung erfolgt.

Heike Krüger von der Göttinger Gemeinwohl-Gruppe sagte: „Wir stehen noch am Anfang. Wir entwickeln ein System, das nach und nach immer besser und fairer wird. Auf der Basis von Erfahrung.“ Federführend organisiert hatten die Veranstaltung die drei Organisationen Südniedersachsen Innovations Campus (SNIC), Social-startups.de und Startup Göttingen.

Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinwohl-Ökonomie will ein ethisches Wirtschaftsmodell etablieren, das nicht auf Ressourcenausbeutung beruht. Aktuell bekennen sich 2663 Unternehmen und Organisationen sowie 11 685 Privatpersonen zu dieser Idee. Christian Felber, Autor des Buches „Gemeinwohl-Ökonomie“ und Mitinitiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung sagt: „Unser jetziges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Das Geld ist zum Selbstzweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle.“ Auf gesellschaftlicher Ebene wird das Ziel einer Bewusstseinsbildung für einen Systemwandel verfolgt, der auf einem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Die Vernetzung mit anderen Initiativen wird gesucht.

Von Ulrich Meinhard

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