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Regional Industriestandort Göttingen: Was macht Sartorius so erfolgreich?
Nachrichten Wirtschaft Regional Industriestandort Göttingen: Was macht Sartorius so erfolgreich?
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15:02 25.11.2019
Der Vorstandsvorsitzende der Sartorius AG, Joachim Kreuzburg, definiert Göttingen als einen herausragenden Wissenschaftsstandort, mit Potenzial für mehr Selbstbewusstsein. Quelle: R
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Göttingen

Mit herausragenden Wirtschaftsdaten konnte jüngst das Göttinger Unternehmen Sartorius beeindrucken. Der Konzernumsatz stieg in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres um 15,5 Prozent. Weltweit Eindruck machte auch die Ankündigung, dass Sartorius Konzernteile des in den USA registrierten Unternehmens Danaher übernehmen will. 750 Millionen US-Dollar sollen investiert werden. Der Pharma- und Laborzulieferer ist seit Jahren auf deutlichem Wachstumskurs und will es nach eigenem Bekunden bleiben.

Andere Branchen wie die Automobilindustrie und der Maschinenbau schwächeln in Deutschland, die biopharmazeutische Industrie boomt. Einfach ein Glücksfall – oder liegt der unternehmerische Erfolg von Sartorius maßgeblich in der strategischen Aufstellung des Laborausrüsters begründet? Oder beides?

„Wir haben uns sehr gut positioniert“

„Die biopharmazeutische Industrie ist auf Wachstumskurs, und wir haben uns als Technologiepartner dieser Industrie sehr gut positioniert“, fasst es der Vorstandsvorsitzende Joachim Kreuzburg zusammen. Anfang der 2000er Jahre habe der Umsatzanteil von Sartorius mit Biopharma-Kunden ein Drittel betragen, heute sei das Unternehmen bei 80 Prozent angekommen, Tendenz steigend, in Richtung 90 Prozent. „So haben wir uns aufgestellt.“

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Das Marktumfeld gestalte sich anders als etwa bei der Automobilbranche. Die biopharmazeutische Industrie sei ein Wachstumsmarkt an sich, „und wir wachsen überdurchschnittlich“, legt Kreuzburg das Augenmerk auf bewusst gefällte Entscheidungen im Konzern. Parallelen zum massiv einbrechenden einstigen Wachstumsmarkt Windenergie sieht er weder jetzt noch später. Die Branche sei staatlich stark gefördert worden. Der Einbruch sei unter anderem dem Rückgang der Subventionen geschuldet. Solche Stützhilfen würden in der biopharmazeutischen Industrie keine Rolle spielen.

„Unsere Tools beschleunigen die Entwicklung“

Die Branche profitiere unter anderem vom Wachstum der Weltbevölkerung, von der demografischen Entwicklung, vom Zugang Chinas und anderer großer Länder wie Indien zu besserer medizinischen Versorgung, kurzum: die Nachfrage nach Arznei sei weltweit gestiegen und steige weiter. Es gelte zum Beispiel, Zivilisationskrankheiten zu therapieren. Gleichzeitig werde viel geforscht, um wirksame Mittel gegen bisher unheilbare Erkrankungen wie Krebs und Alzheimer zu finden. „Besonders bei Alzheimer bin ich sehr zuversichtlich, dass dies mittelfristig gelingen wird“, sagt Kreuzburg. Die vergangenen Jahre seien eine sehr interessante Phase gewesen, da aufgrund neuer moderner Technologien medizinische Produkte mit ganz neuen Wirkmechanismen entwickelt werden konnten.

Sartorius, stellt der studierte Maschinenbau-Ingenieur und Volkswirt klar, liefere selbst keine Medikamente, wohl aber die Werkzeuge um sie zu erzeugen. „Unsere Tools beschleunigen die Entwicklung neuer Wirkstoffe und tragen auch dazu bei, dass Medikamente effizient produziert werden können. Das hat einen enormen Mehrwert für unsere Kunden. Und am Ende auch für die Patienten.“

Keine menschenleeren Produktionshallen

Die viel beschworenen Effekte einer Entwicklung unter dem Schlagwort Industrie 4.0 sieht Kreuzburg differenziert. Automatisierung und Digitalisierung werden weiter gehen, sowohl bei administrativen Prozessen als auch in der Produktion oder den Laboren. Aber menschenleere Produktionshallen und Labore, in denen nur noch Roboter und andere künstliche Intelligenz vor sich hin hantieren, werde es auf absehbare Zeit nicht geben. „Davon sind wir weit weg.“ Ein entsprechender Versuch mit einer Pilotproduktion bei einem Automobilhersteller sei klar gescheitert, macht der 54-Jährige aufmerksam.

Eine Mitarbeiterin der Sartorius AG arbeitet in der Produktion für Laborinstrumente. (Archivbild) Quelle: Swen Pförtner/dpa

Kann eine einzelne Person, wie der Vorstandsvorsitzende, überhaupt noch die Augen überall haben: Die Marktentwicklung verfolgen, Produktneuerungen im Blick haben, den Überblick über das eigene Wachstum behalten? Kreuzburg reagiert auf diese Frage gelassen. Das gesamte Wirken im Unternehmen sei schließlich ein Zusammenspiel von vielen Leuten. „Wie ein Orchester. Da gibt es auch nicht den einen, der alle Instrumente spielt,“ vergleicht er.

Alle fünf Jahre eine Verdopplung

Im nächsten Jahrzehnt sieht Kreuzburg Sartorius exakt auf dem Pfad, auf dem sich das Unternehmen auch heute befindet, nur größer. „Unser Ziel ist es, uns alle fünf Jahre zu verdoppeln und zwar auf Basis einer gesunden Mischung aus organischem Wachstum und interessanten Zukäufen.“ In zehn Jahren werde Sartorius seinen Kunden nicht nur einzelne Produkte, sondern ein Zusammenspiel von Produkten anbieten, das Anwendungs-Know-How werde intensiviert sein. „Wir werden ein starker Life Science-Unternehmen sein, im Verbund mit starken Playern“, so Kreuzburg.

Allerdings gibt es noch etwas, was sich in zehn Jahren wohl geändert haben wird: Die Aktivität in Europa wird sich zugunsten von China („große Dynamik“) und den USA („Innovationsküche für die biopharmazeutische Industrie“) verschieben, es werde diesbezüglich zu einer Annäherung kommen. Das betreffe auch das Führungspersonal, es werde internationaler werden. Neue Formen von Arbeitsverhältnissen werden eine Rolle spielen mit einem höheren Anteil von Menschen, die nur für wenige Jahre Station bei Sartorius machen. „Ich gehe davon aus und wünsche es mir, dass wir für innovative Menschen auf ihrem Karriereweg eine zwischenzeitliche und bevorzugte Adresse sein werden. Das wird uns in Sachen Innovationsfähigkeit und Drive weiterbringen, wenn wir noch stärker zu einer Plattform für kreative Köpfe werden.“

Verschuldungsquote schnell reduzieren

Bei Zukäufen spielt für Sartorius die Geografie eine untergeordnete Rolle, im Fokus stehe vielmehr die jeweilige Technologie und ob sie zum Unternehmen passt, so wie es jetzt bei der Investition in Geschäftsbereiche der Firma Danaher der Fall ist. Die stolze Summe von 750 Millionen US-Dollar (677,4 Millionen Euro) bezahlt Sartorius, um seine Bereiche Bioanalytik und Bioprozesstechnik mit Innovationen zu verstärken.

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Man werde sich damit nicht übernehmen, versichert Kreuzburg. Bis zur dreifachen Summe dessen, was an operativem Gewinn im Jahr erreicht wird, könne die Verschuldung betragen. Sartorius machte 2018 einen entsprechenden Gewinn von gut 400 Millionen Euro. Der Vorstandsvorsitzende geht davon aus, dass die Verschuldungsquote nach Abschluss der Transaktion schnell wieder reduziert werde.

Göttingen ist Herz, Kopf und Motor“

Kann Göttingen denn bei so viel Internationalität der Hauptstandort bleiben? „Göttingen ist Herz, Kopf und Motor für Sartorius und vor diesem Hintergrund haben wir auch massiv in unseren Campus investiert. Das sehen wir auch künftig so, auch wenn das relative Gewicht anderer Regionen zunehmen wird. Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen, also die gesamte Stadt, den Standort selbstbewusst und positiv nach außen vertreten und die positiven Standortfaktoren, die wir haben, betonen“, appelliert Kreuzburg.

Er fügt hinzu: „Göttingen ist schließlich kein Standort, an dem sich Hase und Igel gute Nacht sagen. Göttingen ist eine junge, sehr internationale Stadt, ein herausragender Wissenschaftsstandort, ein Ort mit kulturellen und sportlichen Highlights, der zudem landschaftlich reizvoll zwischen Wesertal und Harz liegt. Dieses Licht sollten wir nicht unter den Scheffel stellen.“

Inzwischen 9000 Mitarbeiter weltweit

Sartorius ist 1870 als feinmechanische Werkstatt in Göttingen gegründet worden. Der inzwischen weltweit tätige Konzern beschäftigt knapp 9000 Menschen, der Jahresumsatz belief sich 2018 auf rund 1,56 Milliarden Euro. Hauptsitz ist Göttingen. Tätig ist das Unternehmen in der Biopharmabranche als Zulieferer von Technologien und Verbrauchsmaterialien zur Entwicklung und Herstellung von Medikamenten. Im Unterschied zu der auf Chemie basierenden pharmazeutischen Industrie werden biopharmazeutische Medikamente mithilfe gentechnisch veränderter Organismen wie Zellen, Bakterien oder Hefepilzen hergestellt.

Von Ulrich Meinhard

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