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Regional Göttinger blickt auf 47 Arbeitsjahre zurück
Nachrichten Wirtschaft Regional Göttinger blickt auf 47 Arbeitsjahre zurück
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00:23 26.12.2015
Von Hauke Rudolph
Rüdiger Hippe Quelle: Wenzel
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Göttingen

Natürlich verspüre er Wehmut an seinem letzten Arbeitstag, sagt der Mann von Christine und Vater zweier erwachsener Töchter, die als Pflegedienstleiterin und Ärztin tätig sind. Schließlich sei er mit Leib und Seele „Becher“-Mitarbeiter gewesen. Er glaube schon, dass ihm etwas fehlen werde, und eins stehe fest: „Ich werde immer beobachten, was sich bei der Firma so tut.“

 
An seine dreijährige Zeit als Stift kann sich der ehemalige Realschüler noch gut erinnern: „Da herrschte Disziplin. Wenn auch nur ein kleines Blatt auf dem Hof lag, wurde man angeherrscht: ´Warum hebst du das nicht auf?´“ Lehrlinge hätten damals eben mehr Pflichten als Rechte gehabt, heute sei das umgekehrt.

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Überhaupt sei vieles anders gewesen. Als er anfing, habe die Firma keinen Stapler besessen, die Mitarbeiter bewegten das Holz mit Muskelkraft: „Da tat einem häufig das Kreuz ganz schön weh.“ Einen Computer gab es selbstverständlich auch nicht, dafür eine Additionsmaschine. Die aber häufig gar nicht gebraucht wurde, denn: „Wir haben vieles im Kopf berechnet.“ Wenn beispielsweise ein Kunde zwei Kubikmeter Schnittholz abholen wollte, konnte Hippe die Menge ohne jede Hilfsmittel kubizieren, wie es in der Fachsprache heißt.

 

Info

Das 1936 gegründete Familienunternehmen „Becher“ mit Zentrale in Wiesbaden und deutschlandweit zwölf Standorten handelt unter anderem mit Parkett, Laminat, Designböden, Türen sowie Wand- und Deckenpaneelen. Es beschäftigt rund 370 Mitarbeiter, 21 davon in Göttingen, und erzielt einen Umsatz von knapp 90 Millionen Euro.

Und heute? „Die jungen Leute wissen ja noch nicht mal, was ein Kubikmeter ist“, sagt der 63-Jährige halb lachend, halb resigniert. Seine größte Herausforderung sei die Einführung der EDV in den 90ern gewesen: „Der Einstieg war nicht einfach, doch dann habe ich ein paar Kurse belegt und schwupps konnte ich damit umgehen.“ Insgesamt sei es früher etwas langsamer zugegangen: „Heute herrscht mehr Hektik.“

 
Hippe war flexibel: Nach seiner Ausbildung und dem 15-monatigen Wehrdienst beim Bundesgrenzschutz in Duderstadt arbeitete er im Verkauf und eine Zeitlang auch als Lkw-Fahrer, „weil einfach keine Leute da waren“. 1980 übernahm der geborene Göttinger die Leitung der „Becher“-Filiale in Herzberg, die 2010 geschlossen wurde, „weil die Kaufkraft in der Region fehlte“. Danach war er im Lager beschäftigt.

 
Warum hat Hippe eigentlich niemals den Arbeitgeber gewechselt? „Ich habe nie Wanderlust verspürt“, sagt er, „ich mag Beständigkeit“. Das Betriebsklima bei „Becher“ sei gut, Eigenverantwortung werde großgeschrieben: „Man muss seine Arbeit erledigen, aber wie man das macht, ist prinzipiell egal – Hauptsache, es läuft.“ Sein selbstständiges Arbeiten, seine vorausschauende Planung und seine Erfahrung werden dem Unternehmen denn auch fehlen, wie Niederlassungsleiter Lars Stichtenoth betont. Und deshalb hört das „Becher“-Urgestein auch nicht ganz auf: Ab Januar wird er als 450-Euro-Kraft weiter zur Verfügung stehen.