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Regional Göttinger ziehen vor Brandenburger Tor
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17:37 06.03.2012
Gruppenbild: Volker Semmelroggens, Herbert Linne, Patrick Petzold, Thomas Bode und Martina Esch (von links).
Gruppenbild: Volker Semmelroggens, Herbert Linne, Patrick Petzold, Thomas Bode und Martina Esch (von links). Quelle: EF
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Göttingen /Berlin

Thomas Bode, der seit drei Jahren die Firma Solarstrom GmbH betreibt und Photovoltaik-Anlagen installiert, ist aufgebracht – trotz der frühen Stunde. „Ich halte diese Politik für unverantwortlich“, sagt er laut, während sein Van über die Landstraße flitzt. Mit seiner Sekretärin Martina Esch (45), den befreundeten Photovoltaik-Nutzern Herbert Linne (64) und Volker Semmelroggens (72) sowie Dachdecker-Azubi Patrick Petzold (18) hat sich Bode auf den Weg zur Großdemonstration nach Berlin gemacht. Gewerkschaften, Branchenvertreter und der Naturschutzbund (Nabu) haben zum Protest gegen Kürzungen in der Solarförderung aufgerufen.

Am 28. Februar beschloss die Regierung die Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Umgehend soll die Förderung des Solarstoms um 30 Prozent reduziert werden. Für Bode bedeutet das das Aus seines jungen Unternehmens. Denn vorgesehen ist, Großanlagen ab elf Kilowatt nicht länger zu subventionieren. Die Folgen hat der Göttinger zu spüren bekommen: Investoren und Kunden ziehen sich zurück.
„Vom Verkauf kleiner Anlagen allein kann meine Firma nicht leben“, sagt der Unternehmer. Und lauter: „Mich treibt die ehrliche Wut über den Umgang mit meiner Arbeit und dem Schicksal der Mitarbeiter nach Berlin.“ Das Schicksal seines Unternehmens steht stellvertretend für viele in der Region. Bei Bode fallen sechs bis acht Arbeitsplätze weg – inklusive der  Elektriker und Dachdecker, mit denen der Göttinger zusammenarbeitet. Im Landkreis sind es 150 Arbeitsplätze, die auf der Kippe stehen, schätzt er.

Vom Galgenhumor gepackt

Wie geht es für den 56-Jährigen weiter? Beim Zwischenhalt packt Bode der Galgenhumor. Parkwächter sei vielleicht etwas für ihn. Oder Reiseunternehmer, schlägt Semmelroggens vor. Weil die Fahrt in seinem Van doch so angenehm ist. Immerhin das Wetter ist auf Bodes Seite. Und in Berlin weist uns bald ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert den Weg.

Bode ist nicht allein mit seiner Wut. 11 000 Demonstranten, wird es später heißen, sind gekommen. Der Göttinger trifft auch gleich einen Kollegen der Kasseler SMA Solar Technology AG. 2000 aus der 5000-köpfigen Belegschaft sind per Sonderzug angereist. Auf der Bühne treten Sigmar Gabriel (SPD), Jürgen Trittin (Grüne), Gregor Gysi (Linke), Vertreter der Gewerkschaften und Solartechnologie auf und ab: Plädoyers für den Solarstrom und Empörung über die Regierung – das tut gut.

„Gesellschaftspolitischer Wahnsinn“, schimpft Gysi in den Trillerpfeifenlärm hinein. Seine Rede schneidet in der Runde gut ab. Trittin enttäuscht die Göttinger ein bisschen. Aber Bodes Stimmung hat sich aufgehellt. „Wenn die Politiker das, was sie nach außen tragen, auch innerhalb ihrer Fraktionen weitergeben, besteht ja noch Hoffnung.“ Er ist zufrieden, dort gewesen zu sein, sei es auch nur, „um Fahne gezeigt zu haben“. „Die Bauern kommen in die Stadt“, scherzt Linne noch, als wir endlich zwischen S- und U-Bahnen die Orientierung wiedergewonnen haben und uns auf den Heimweg machen.

Von Telse Wenzel