Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional App erfasst Krankengeschichte in 13 Sprachen
Nachrichten Wirtschaft Regional App erfasst Krankengeschichte in 13 Sprachen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:26 04.07.2018
Frank Müller Quelle: r
Göttingen

Systematisch und mit immer gezielteren Nachfragen nimmt die digitale Kommunikationshilfe Dictum im Wartezimmer die Krankengeschichte eines Patienten auf – und das in 13 verschiedenen Sprachen und Dialekten. Der Göttinger Arzt Frank Müller vom Institut für Allgemeinmedizin des Uniklinikums gehört zu einem Team, das die Computer-App in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Ein Unternehmen, aidminutes, entstand im Juli 2017.

ller gemeinsam mit Professorin Anne Simmenroth das System in einer klinischen Studie im Grenzdurchgangslager Friedland. „Eine Förderung vom Europäischen Sozialfond, dem Land Niedersachsen und der Robert-Bosch-Stiftung macht es uns möglich, bis März 2019 Gruppen von jeweils 450 bis 500 Patienten einmal mit und einmal ohne Kommunikationshilfe zu behandeln“, sagt Müller. Sie seien gespannt, ob nach einer genaueren und verständlicheren Beschreibung der Beschwerden andere Medikamente verschrieben und wiederholte Arztbesuche vermieden würden.

Idee stammt aus der Flüchtlingshilfe

Die Idee stamme aus der Flüchtlingshilfe, berichtet Müller, der sich seit 2010 in der medizinischen Betreuung von Migranten ehrenamtlich engagiert. Professionelle Dolmetscher ständen nur selten zur Verfügung. Übersetzten Familienangehörige sprächen die Patienten nicht immer alles an oder die Angehörigen ließen Dinge fort. Die Probleme ließen sich vielleicht mit einer App lösen, die Menschen in ihrer Muttersprache befrage, hätten er und seine Kollegen sich gedacht.

„Wir haben zunächst einmal einen Prototypen für türkische Patienten entwickelt“, sagt Boran Burchhardt, der Geschäftsführer von aidminutes. „Wir Ärzte brachten unser Fachwissen ein“, sagt Müller. Die App erfrage die Krankengeschichte deutlich genauer als das im Praxisalltag aus Zeitgründen oft möglich sei. Das mindere das Risiko einer vorschnellen Diagnosen. Zudem seien die Fragen so einfach formuliert, dass jeder sie verstehe. In der Praxis wagten Patienten zum Teil aus falschem Respekt vor dem Arzt keine Nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden hätten.

Arabische Dialekte als ein Problem

„Der Prototyp war am Vorabend der Flüchtlingskrise fertig“, sagt Burchhardt. Aufgrund der neuen Situation hätten sie gleich mit der Übersetzung in weitere Sprachen begonnen. Ein Problem seien Dialekte. Im Arabischen unterschieden sie sich stark. Geschrieben werde nur die Hochsprache, die Menschen ohne höhere Schulbildung aber nicht verständen. Bei Dictum gebe es daher alle Fragen als Audiodateien und Videos. Die App sei grafisch so gestaltet, dass auch ein Analphabet sie bedienen könne. Kopfhörer wahrten die Vertraulichkeit im Wartezimmer.

Ein weiteres Problem: „Die Fragen eines Arztgesprächs lassen sich in der Regel nicht wörtlich übersetzen“, berichtet Burchhardt. Nicht in allen Sprachen ließen sich zum Beispiel Körperregionen so genau benennen wie im Deutschen. Schmerzen würden dann etwa nur ganz grob „oberhalb“ oder „unterhalb“ der Gürtellinie verortet. Im kurdischen Dialekt Sorani gebe es kein Wort für Gesicht. Dort sei von „Augen und Mund“ die Rede. Auch die Frage nach „grünem Auswurf“ würde in vielen Sprachen nicht verstanden. Sie hätten daher alles gemeinsam mit muttersprachlichen Ärzten übersetzt.

„Interesse gibt es auch an der deutschsprachigen Version der App“, berichtet Burchhardt. Von Juli an werde sie in einer Bereitschaftspraxis in Salzgitter getestet. Bereitschaftsärzte sähen einen Patienten in der Regel das erste Mal, hätten aber meistens zu wenig Zeit für eine umfassende Aufnahme der Krankengeschichte. Wenn sich Dictum bewähre, wolle die Kassenärztliche Vereinigung die App in ganz Niedersachsen in den Bereitschaftspraxen einsetzen.

Von Michael Caspar

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schulabschluss. Sommerferien. Und dann? Die Berufsberatung der Arbeitsagentur Göttingen bietet Lehrstellensuchenden Orientierung im Irrgarten – vom 10. Juli bis zum 7. August, jeweils dienstags von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr; in einer Sprechstunde informieren sie sich über Berufe, Stellen und Bewerbungen.

04.07.2018

Die Göttinger Sartorius AG verstärkt ihr Engagement für eine nachhaltige Weltwirtschaft. Jüngst unterzeichnete der international führender Pharma- und Laborzulieferer die Initiative Global Compact der Vereinten Nationen.

03.07.2018

Bei einer kleinen Feierstunde sind acht Industriemechaniker mit dem Einsatzgebiet Feingerätebau freigesprochen worden. Die vergleichbare Tätigkeit im Handwerk ist der Feinmechaniker, wie Udo Fuchs, Ausbildungsleiter bei der Mahr GmbH, erläuterte.

03.07.2018