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Regional Interview mit AGV-Hauptgeschäftsführer Clemens Freiherr von Wendt
Nachrichten Wirtschaft Regional Interview mit AGV-Hauptgeschäftsführer Clemens Freiherr von Wendt
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16:23 25.09.2013
Geht in den Ruhestand: Clemens Freiherr von Wendt. Quelle: Pförtner
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Der 30. September ist Ihr letzter Tag als Hauptgeschäftsführer des AGV. Was werden Sie unternehmen?
Ich bin morgens mit meiner Nachfolgerin Kirsten Weber auf einem Termin in Bad Lauterberg. Es geht da um arbeits- und tarifrechtliche Fragestellungen und die Verabschiedung eines Geschäftsführers.

Arbeiten, bis zur letzten Minute. Und die Mitarbeiter?
Die lade ich am 30. September abends zum Essen ein. Nach Dransfeld in die „Krone“. Man muss die heimische Wirtschaft unterstützen.

Sie gehen mit 67 Jahren in den Ruhestand. Hätten Sie auch länger gearbeitet?
Mein Hauptantrieb, jetzt zu gehen, ist die Tatsache, dass der Gesetzgeber die Rente mit 67 postuliert hat. Ich will ein gutes Beispiel geben dafür, dass Arbeiten bis 67 möglich ist.

Vielleicht hätte ich gezögert und länger gemacht, wenn wir nicht seit zwei, drei Jahren so eine komfortable Nachfolge mit meiner langjährigen Stellvertreterin, Kirsten Weber, vorbereitet hätten.

Welches waren die Höhepunkte Ihrer beruflichen Laufbahn?
Die Wiedervereinigung und die damit erfolgte Ausweitung des Verbandsgebiets auf Nord-West-Thüringen. Ein für mich wichtiges Ereignis war ein Prozess in den 80er Jahren vor dem Bundesarbeitsgericht. Es ging um Eingruppierungsfragen. Wir haben den Prozess in der Revision beim BAG gewonnen.

Sie sind Jurist geworden. Haben Sie sich damit Ihren Berufswunsch erfüllt?
Ja. Ich habe ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Auch mein Großvater war Jurist. In meiner Jugend habe ich allerdings auch mal an Landwirtschaft gedacht und mit 16 Jahren, nach der Pubertät, an Psychologie. In den täglichen Beratungen und Prozessen mit Mandanten und Prozessgegnern ist viel Psychologie gefragt.

Was hätten Sie im Rückblick gern anders gemacht?
Wir hätten noch mehr in der breiten Öffentlichkeit über unsere Arbeit berichten sollen, auch, um die Sichtweisen der Arbeitgeber zu politischen Vorgängen pointierter darzustellen. Unterm Strich aber fällt meine Bilanz zufrieden aus, aber nicht selbstzufrieden.

Haben Sie Ratschläge für Kirstin Weber?
Nein. Frau Weber (50, red.) ist seit 20 Jahren dabei, ist sehr gut vorbereitet, kennt den Verband in- und auswendig, ist eine exzellente Juristin und hat ein gutes Standing bei den Mitgliedern.

Eine weitere Frau an der Spitze des Verbandes.
Ja, diese Konstellation ist bundesweit wahrscheinlich einmalig: Birgitt Witter-Wirsam als AGV-Präsidentin, Marianne Täfler als Vorsitzende der Metall-Industriellen (Bezirk Südniedersachsen), und jetzt Kirsten Weber als AGV-Hauptgeschäftsführerin.

Hier hat sich die Kompetenz der Frauen völlig harmonisch herausgebildet. Und sie wurden in den Mitgliederversammlungen gewählt, in der Mehrzahl von Männern.

Ihr Kommentar zur Bundestagswahl?
Ich hoffe, dass wir eine stabile Bundesregierung bekommen, was auch große Koalition bedeuten kann. Aktuell stehen so grundsätzliche politische Entscheidungen und Weichenstellungen an, die mehr als vier Jahre halten müssen: Energiewende, stabile Sozialversicherungssysteme wie Kranken- und Arbeitslosenversicherung, Renten.

Da ist ein breiter Konsens ganz wichtig. Gefragt ist die weitere Justierung des Sozialstaates unter Beibehaltung der Grundsätze Fordern und Fördern. Selbstverantwortung, so weit wie möglich, staatliche Hilfe, so weit wie nötig.

Was geben Sie der neuen Bundesregierung mit auf den Weg?
Sie soll die soziale Marktwirtschaft nicht immer mehr aus den Augen verlieren. Ständige Eingriffe in die unternehmerische Tätigkeit sollten künftig unterbleiben. Die Handlungsfähigkeit der Unternehmen sollte durch eine oft zu arbeitnehmer- und gewerkschaftsfreundliche Rechtsprechung nicht weiter eingeschränkt werden.

Ich meine, mit der Tarifautonomie und dem ausgefeilten Mitbestimmungsrecht für Betriebsräte haben wir einen guten und stabilen Standard für die Wahrung von Arbeitnehmerinteressen. Die Dispositionsfreiheit der Unternehmen darf jedoch nicht weiter eingeschränkt  werden. Der Staat soll sich aus der Lohnfindung heraushalten, wie es auch das Grundgesetz vorsieht.

Werden Sie sich als Ruheständler in der Politik einmischen?
Nein. Ich habe jeden Tag 12 bis 14 Stunden gearbeitet. Fast nie konnte ich mit der Familie zu Hause zu Abend essen. Das soll jetzt anders werden.

Jetzt kommt Ihre Familie? Wie groß ist sie inzwischen?
Meine Frau Margrit und ich haben sechs Kinder: Constantin, Antoinette, Donathea, Vanessa, Gabriel und Titian. Dazu kommen drei Enkelkinder. Das Vierte wird im November in London erwartet.

Schaffen Sie es, sich einmal im Jahr mit allen zu treffen?
Letztes Jahr Weihnachten waren tatsächlich alle in Güntersen, wo wir wohnen. Künftig werden wir die Kinder vermutlich eher dort besuchen, wo sie jetzt leben – in Brüssel, London oder (vorübergehend) Bangalore. Gabriel besuchen wir demnächst in Rom, wo er im Orden Legionäre Christi lebt. Er will Priester werden.

Sie sind praktizierender Christ. Werden Sie sich in der Katholischen Kirche engagieren?
Ja. Zum Beispiel bin ich seit Jahren im Beirat des Mittagstisches von St. Michael tätig und bei den Maltesern. Meine Frau und ich sind regelmäßige Krankenhelfer in Lourdes und unterstützen dort die Arbeit des Malteserordens.

15-mal waren wir bestimmt schon dort, Pfingsten werden wir wieder mit dem Kölner Zug hinfahren. Auch unsere Kinder waren schon als Helfer für Schwerkranke in Lourdes.

Welche Aufgabe wird der Privatier jetzt in Angriff nehmen?
Zu Hause den Schreibtisch abarbeiten, die Bibliothek ordnen und den Keller aufräumen. Morgens eine Stunde länger schlafen und länger und ausführlicher das Tageblatt lesen.

Ich werde vielleicht die Universität des dritten Lebensalters besuchen und Geschichte, Philosophie, Wirtschaft oder Theologie belegen. Für Vorträge oder Seminare stehe ich weiterhin zur Verfügung. Ich werde natürlich viel mit meiner Frau unternehmen, aber auch als Anwalt weiterhin tätig sein.

Das Interview führte Hanne-Dore Schumacher

Zur Person

Clemens Freiherr von Wendt ist am 14. August 1946 in Bigge im Hochsauerland geboren. Mit vier Geschwistern wuchs der Sohn eines Berufsoffiziers aus „westfälischem Uradel“ auf, studierte nach dem Abitur Jura und politische Wissenschaft in Bonn.

1980 kam er als Syndikusanwalt zum AGV nach Göttingen, 1987 trat er die Nachfolge von Ernst-August Osthold in der Geschäftsführung an. Von Wendt hat mit Ehefrau Margit (geborene von Schüller, Hannover) sechs Kinder.