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Regional Interview mit Mathias Schliep, Geschäftsführer der Northeimer Thimm-Gruppe
Nachrichten Wirtschaft Regional Interview mit Mathias Schliep, Geschäftsführer der Northeimer Thimm-Gruppe
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15:58 27.06.2014
Von Hanne-Dore Schumacher
Setzt Prioritäten für die Familie: Topmanager Mathias Schliep nimmt ab 1. Juli ein Jahr unbezahlten Urlaub. Quelle: Hinzmann
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Sie wollen sich ein Jahr lang aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Wie kommt ein Topmanager auf diese Idee?
Der Impuls kam vor zwei Jahren im Urlaub. Unsere Zwillingsmädchen waren gerade ein Jahr alt geworden. Viel war passiert in diesem Jahr, zu wenig davon habe ich miterlebt. Ich will nicht mehr nur zuschauen, denn diese besondere Zeit kommt nie wieder. Bei unserem Sohn habe ich da bereits Einiges verpasst.

Deshalb der Entschluss: ein Jahr nur mit der Familie. Bei einem Glas Rotwein in der Küche haben meine Frau und ich den Sabbatical-Plan gemeinsam und mit Begeisterung gefasst.

Kann sich der Chef von rund 2500 Beschäftigten einfach so zurückziehen?
Nein. Mein Sabbatical wird seit 18 Monaten intensiv vorbereitet. Nachdem ich die Gesellschafter (Familie Thimm) und die Beiräte über meine Pläne informiert hatte und zunächst auf Erstaunen, danach auf viel Verständnis gestoßen bin, habe ich mit meinem Geschäftsführerkollegen Jens Fokuhl und den anderen Mitgliedern des Führungskreises alle Vorbereitungen getroffen und früh auch die Belegschaft informiert.

Verantwortung ist bei Thimm immer auf vielen Schultern verteilt. Das Prinzip: Jeder ist ersetzbar. Thimm funktioniert wie ein Uhrwerk. Jedes Teil ist wichtig, aber nur gemeinsam funktioniert es. Ein hohes Maß an Loyalität zum Unternehmen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Gibt es eine geplante Auszeit nur für die Führungsriege?
Nein. Immer häufiger kommen Anfragen in dieser Richtung aus verschiedenen Abteilungen. Die Gründe können Kindererziehung sein, mehr Zeit für die Familie, aber auch Elternpflege. Im Durchschnitt liegen Anträge für drei Monate unbezahlten Urlaub vor. Es ist natürlich auch eine Frage der Finanzierbarkeit.

Unterstützen Sie solche Anfragen aus der Belegschaft?
Ja. Es zählt nicht nur die bloße Anwesenheit im Betrieb. Die Menschen müssen auch einen freien Kopf haben, um sich voll einbringen zu können. Da kann eine Auszeit gut tun. Ich sehe mich ein bisschen auch in einer Vorbildfunktion bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es gibt allerdings zwei Voraussetzungen bei Thimm: Man muss mindestens fünf Jahre im Unternehmen tätig sein, und man muss seine Vertretung selbst organisieren.

Wenn Manager ein Sabbatical nehmen, heißt es häufig: Der hat Burnout.
Erstens nehme nicht ich, sondern die ganze Familie ein Sabbatical. Zweitens fühle ich mich bestens und bin immer noch voller Tatendrang. Ich möchte mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kinder verbringen und kann als Chef nicht in Teilzeit arbeiten. Von Burnout bin ich weit entfernt.

Was sagt der Freundeskreis, was die Kollegen?
Die Männer geraten unter Druck. Die Idee könnte Schule machen. Ein Beiratsmitglied kommentierte: „Das hätte ich damals auch gern gemacht.“ Die Bereitschaft, sich Freiräume für die Familie zu schaffen, wächst.

Warum wollen Sie jetzt eine Auszeit nehmen, wo das Unternehmen auf Erfolgskurs fährt?
Das Unternehmen läuft wirklich gut. Wir wachsen seit zehn Jahren jährlich um 10 Prozent, und der Zeitpunkt ist günstig. Doch der Hauptgrund, jetzt eine Auszeit zu nehmen, ist familiär begründet: Unser Sohn kommt in einem Jahr in die Schule. Die Zeit ohne Stundenplan wollen wir für uns nutzen.

Welche Maßnahmen haben Sie für einen Notfall getroffen?
Im Notfall komme ich natürlich sofort zurück in die Firma. Bis dahin jedoch reduziert sich der Firmenkontakt auf gebündelte Informationen aus meinem Northeimer Büro und auf den Quartalsbericht, der mich alle drei Monate erreicht. Aus dem operativen Geschäft bin ich die kommenden zwölf Monate komplett raus. Und: Ich bin nicht mehr online.

Was passiert, wenn Sie Gefallen am Leben ohne Thimm finden?
Der Fall tritt nicht ein. Ich arbeite in einer großartigen Firma und liebe meinen Beruf. Meine Rückkehr ist fest eingeplant. Ich komme ganz sicher wieder.

Was werden Sie in den kommenden zwölf Monaten machen?
Unsere Kinder gehen noch nicht in die Schule, da werden wir sicher viel reisen. Wir haben unser Haus für ein Jahr vermietet und werden unsere Freunde, die in der ganzen Welt verstreut leben, besuchen. Wir werden uns weiterbilden, Sport treiben, Neues kennenlernen. Unser Sohn sagt: „Wir machen ein großes Abenteuer.“

Das Interview führte Hanne-Dore Schumacher

Zur Person

Mathias Schliep (52) ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Northeimer Thimm-Gruppe. Schliep ist seit 31 Jahren bei dem Verpackungsunternehmen, seit 15 Jahren an verantwortlicher Stelle.

Er ist seit zehn Jahren mit der Schauspielerin Karola Schliep (geborene Thimm) verheiratet. Gemeinsam haben sie drei Kinder. Die Familie lebt in Göttingen.