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Regional „Ein gutes Bier hat seinen Preis“
Nachrichten Wirtschaft Regional „Ein gutes Bier hat seinen Preis“
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19:56 21.06.2017
Kupferkessel im Sudhaus der Braumanufaktur Heimatliebe in Duderstadt. Quelle: Markus Hartwig
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Göttingen

Der Preisverfall des Bieres lässt sich gut in einem Supermarkt in Südniedersachsen beobachten: Warsteiner ist das Schnäppchen der Woche. Der Markt verlangt für 20 Flaschen (0,5 Liter) 9,99 Euro. Zwei Flaschen herb gibt es beim Kauf eines Kastens gratis dazu.

Das ist kein Einzelfall. Zurzeit ist der Preiskampf besonders hart: Etwa drei von vier Bierkisten der großen deutschen Pilsmarken werden im Sonderangebot verkauft, so die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).

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Das bestätigt Ulrich Meiser von der Einbecker Brauhaus AG: „Rund 80 Prozent des Bieres wird in einer Aktion verkauft.“ Nur jede fünfte Kiste gehe zum Normalpreis über den Ladentisch. Billiges Bier wirke für Supermärkte wie ein Lockvogel, aber die Preise seien vom Handel so gewollt. „Als Brauerei können wir nicht viel daran ändern“, so Meiser. Auch unverbindliche Preisempfehlungen würden kaum helfen. Die liegen für eine Kiste Einbecker Brauherren Pils aktuell bei 10,99 Euro. Obwohl die Brauerei mit ihren Biermarken Brauherren Pils, diversen Bock-Bieren sowie den Tochtermarken Göttinger Pils, Kasseler, Martini und Nörten-Hardenberger alle Preissegmente abdeckt, setzt die Brauerei eher auf ein höheres Preissegment. „Wir sind der Craftbier-Bewegung dankbar, die die Wertschätzung gegenüber dem Bier erhöht hat“, sagt Meiser - und rechnet nach. 1988 habe eine Kiste Einbecker Brauherren Pils 15,98 Deutsche Mark gekostet. Umgerechnet wären das heute 8,17 Euro. „Rechnet man die Inflation von jährlich 1,86 Prozent mit ein, wären das heute 13,90 Euro. Bier ist also in den 29 Jahren billiger geworden“, sagt Meiser.

Viel Präzision im Vorfeld

Bei der Wertschätzung „geht es nicht nur um die Arbeit der Brauerei, die drei bis zu 14 Wochen beansprucht“, sagt Gabriel Ballüer. Der 26-Jährige ist Braumeister bei der Braumanufaktur Heimatliebe in Duderstadt. „Bevor es mit dem Bierbrauen losgehen kann, braucht es viel Präzision in der gesamten Zulieferkette“, so Ballüer. Allein das Gerstenmalz herzustellen, dauere eine Woche. Und die Kette ziehe sich weiter bis zum Landwirt. „Das alles bedeutet sehr großen Aufwand, weil die Parameter für die Brauerei und die Mälzerei genau stimmen müssen“, so Ballüer, „da lohnt es sich, den einen oder anderen Euro mehr zu bezahlen“.

„Natürlich wird das Bier von den Großen viel zu billig angeboten“, sagt auch Rainer Schinkel von der gleichnamigen Brauerei in Witzenhausen, „die Wertigkeit von gutem Bier wird nicht mehr gesehen“. Mit ihren immer größeren Industrieanlagen und dann gedrückten Preisen bei nachlassender Nachfrage, damit die Anlagen ausgelastet sind, hätten sie das Dilemma aber selbst verursacht. „Und da werden sie auch nicht mit so leicht raus kommen“, ist Schinkel sicher, „es wird immer wieder einer mit Dumpingpreisen kommen. Den kleinen Brauereien schade das aber kaum. „Wir setzen bei nur 1500 Hektolitern pro Jahr auf einen eigenen Geschmack, gute Qualität, Regionalität und die Nähe zum Kunden“, erklärt Schinkel. Dann seien die Kunde auch bereit, etwas höhere Preise zu zahlen.

Ähnlich kommentiert ein Göttinger Gastronom mit kleiner eigener Brauerei, der anonym bleiben möchte. Der Aufwand sei groß, um ein gutes Bier zu erzeugen „das verdient mehr Anerkennung auch durch faire Bezahlung“. „Es stimmt etwas nicht, wenn das Bier in der Kneipe kaum mehr kostet als ein Glas Mineralwasser“, fügt er an. Leidtragende des Preisdumpings seien auch Gastronomen, die Ladenpreise nicht unterbieten könnten.