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19:08 15.11.2010
Unübersichtlich: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist komplex. Der Wirtschaftsclub Göttingen hat sich der Thematik angenommen.
Unübersichtlich: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist komplex. Der Wirtschaftsclub Göttingen hat sich der Thematik angenommen. Quelle: dpa
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Zwei Milliarden Euro will FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler einsparen, indem ab jetzt die Preise von Arzneimitteln und deren eigentliche Wirkung im Zusammenhang bewertet werden (Tageblatt berichtete). Zunächst sollten die Medikamenten-Bewertungen aber dem obersten Beschlussgremium aus Ärzten, Krankenhäusern und -kassen zufallen, dem Gemeinsamen Bundesausschuss. Dann, so sagen Kritiker, habe es die Pharmalobby allerdings geschafft, dass die Fachgremien beschlossene Vorgaben nur noch umsetzen können.

Vorgaben, die künftig in das Zuständigkeitsgebiet des Gesundheitsministeriums fallen. „Man schwächt damit den Gemeinsamen Bundesausschuss, den man selbst geschaffen hat“, sagt Referent Holger Friedrich von der Politikberatungsfirma Steltemeier & Rawe. Aber er betont: „Zufällig passiert in der Politik nichts, denn Politik vollzieht sich im Wechselspiel von Verfahren, Akteuren und Themen.“ Das deutsche Gesundheitssystem sei so umfassend und komplex, dass es überhaupt keine richtigen oder falschen Lösungen mehr gebe. Die Vielzahl an Interessen und Meinungen sorge dafür, dass man sich nur näherungsweise in die richtige Richtung bewegen könne, sagt Friedrich und schließt: „In der Politik weiß man, dass Amnog nicht optimal ist.“

Martin Kind lacht. Er ist Geschäftsführer von Kind Hörgeräte. „Jetzt habe ich verstanden, warum das alles nicht funktioniert“, kommentiert er. Und bekommt Applaus. „Mein Respekt hat sich in den letzten Jahren deutlich reduziert“, sagt Kind. Als Unternehmer besitze er keine Planungssicherheit mehr. Sein Unternehmen hat alleine in Deutschland mehr als 500 Filialen. „Bis 2050 werden über 54 Prozent der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein“, sagt er und sieht im deutschen Gesundheitssystem zwei Probleme: „Die Einahmeseite und die Ausgabeseite“. Das System müsse sich der Demographie anpassen. Deshalb wünscht er sich, dass man eine „Vision entwickelt“ und in größeren Dimensionen denkt.

Die Ausgaben können nur über realen Wettbewerb gedeckelt werden, so Kind weiter, und „nicht über Gesetze“. Sozial ausgewogen sei ein steuerfinanziertes Modell möglich. Schon für das Jahr 2020 rechnet er mit über einer Million neuer Arbeitsplätze im Gesundheitswesen. Und zwar nicht nur im sogenannten Ersten Gesundheitsmarkt (klassisch finanziert durch Krankenversicherungen). Wellness, Fitness, Ratgeberbücher oder Gesundheitszeitschriften: Auch der Zweite Markt werde expandieren. „Wir gehen unseren eigenen Weg“, sagt er am Ende. „Und wo wir Gesetze beachten müssen, machen wir das“.

Dr. Friedemann Baum verdient im Zweiten Gesundheitsmarkt sein Geld: Ohne kassenärztliche Zulassung arbeitet er im Diagnostischen Brustzentrum Göttingen. „Zu uns kommen ja keine Patienten, sondern gesunde Frauen“, sagt er. „Das sind Kunden.“ Über 50 Prozent der Frauen, die sich im Brustzentrum untersuchen lassen, sind Kassenpatientinnen, die für die Behandlung voll aufkommen. „Bademantel statt Patientenkittel“, fasst der Radiologe die Philosophie des Brustzentrums zusammen.

„Entwicklung im Gesundheitsmarkt“ ist vom Wirtschaftsclub Göttingen im Sanitätshaus ORT im Maschmühlenweg organisiert worden. Mit sechs Standorten und 130 Mitarbeitern biete das Unternehmen Technik für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, erklärt Geschaftsführer Armin Asselmeyer seinen Gästen. Er bemerkt, dass der Bedarf an Kundenberatung steige, gleichzeitig aber die Attraktivität der Berufe in der Gesundheitswirtschaft in den letzten 20 Jahren abgenommen habe.

Von Florian Heinz