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Regional Kritik am aktuellen Wohnungsbericht
Nachrichten Wirtschaft Regional Kritik am aktuellen Wohnungsbericht
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19:05 27.07.2017
Quelle: gt
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Göttingen

Der 23. Bericht zur Wohnungsmarktbeobachtung 2017 / 2018, den das Niedersächsische Sozial- und Bauministerium und die NBank alle zwei Jahre herausgeben, hatte für die Stadt Göttingen bis zum Jahr 2035 weniger Wohnbedarf festgestellt, als das im Auftrag der Stadt Göttingen erstellte Gutachten des Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung GmbH (GEWOS). Dies hatte einen Wohnungsbedarf von 4800 Einheiten bis zum Jahr 2030 prognostiziert. Das Institut für Regionalwirtschaft am Standort Hannover (CIMA), das im Auftrag der Nbank den Bericht zur Wohnungsmarktbeobachtung erstellt, rechnet aber nur mit einem Bedarf von 270 Einheiten.

Weniger neuer Wohnraum wird benötigt

„Unser Ziel muss es sein, in Niedersachsen bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen“, sagte die Sozial- und Bauministerin Cornelia Rundt (SPD). Der Bericht zur Wohnungsmarktbeobachtung soll dafür das Datenmaterial liefern. Demnach soll die Anzahl der Einwohner in der Stadt Göttingen von derzeit 118 914 auf 117 360 im Jahr 2035 abnehmen. Die Zahl der Haushalte verringere sich laut Prognose im selben Zeitraum von 74 825 auf 71 560. Entsprechend weniger neuer Wohnraum werde benötigt, heißt es von der Nbank.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler wie auch die CDU-Ratsfraktion sind empört über diese Darstellung und verweisen auf lokale Strukturdaten. Die Landesregierung scheine entgegen aller Beteuerungen Südniedersachsen abgeschrieben zu haben und lege mit diesem Bericht die Grundlage dafür, keine Wohnungsbaufördermittel mehr in den Süden fließen zu lassen. „Der Wohnungsbericht der Sozial- und Bauministerin ist der blanke Hohn für alle Familien, die in Göttingen eine Wohnung suchen oder die in den letzten Jahren gegen ihren Willen in den Landkreis ausweichen mussten“, erklären Güntzler, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ludwig Theuvsen (CDU) und Hans Otto Arnold (CDU), Vorsitzender des Bauausschusses, in einer gemeinsamen Erklärung.

Höheres Wachstumspotenzial als anderswo

In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Arbeitsplätze in Göttingen erfreulicherweise um rund 5000 zugelegt. Das habe jetzt zur Folge, dass die Zahl der täglichen Berufseinpendler auf mehr als 38 000 angestiegen sei. „Die Menschen, die von dieser rot-grünen Landesregierung weiter zum Pendeln gezwungen werden, sind doppelt gestraft: Wie sie in annehmbarer Zeit nach Göttingen an ihren Arbeitsplatz gelangen, das ist der rot-grünen Ratsmehrheit nicht nur egal, sondern regelrecht zuwider, weil das aus der Fläche heraus meist nur mit dem eigenen Auto funktioniert“, heißt es in der Erklärung. Bundesweite Untersuchungen hätten belegt, dass die klassischen Universitätsstandorte ein deutlich höheres Wachstumspotenzial aufwiesen als andere Städte. Das habe sich wegen mangelnder Flächenausweisung und -planung bisher in Göttingen verzögert, werde aber nun in großen Schritten nachgeholt.

Auch die Göttinger Stadtverwaltung äußerte sich kritisch zu der Prognose. „Die massiven Zweifel an den bisher zu Grunde gelegten Zielzahlen für die Wohnraumversorgung bis zum Jahr 2030 in Göttingen, die im 23. Bericht zur Wohnungsmarktbeobachtung im Auftrag des Landes Niedersachsen geäußert werden, hat die Stadt Göttingen zur Kenntnis genommen - allerdings mit Zurückhaltung“, heißt es in einer Stellungnahme. „Wir haben bis zum heutigen Tag keinen Anlass, an den Aussagen unserer eigenen, noch vor einem Jahr aktualisierten Prognose zu zweifeln,“ erklärte die Göttinger Stadträtin Petra Broistedt. Die Wohnraumbedarfsprognose hatte im Auftrag der Stadt das GEWOS erstellt und zuletzt im Februar 2016 veröffentlicht. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass in der Stadt bis 2030 rund 4800 neue Wohneinheiten entstehen müssen.

Viel zu wenig gewichtet

Irritiert zeigt man sich im Rathaus über die im Bericht zugrunde gelegten Bevölkerungsdaten. Wer von knapp 119 000 in Göttingen lebenden Menschen, nämlich nur denen mit Hauptwohnsitz, ausgehe und nicht von der Gesamtzahl der Wohnbevölkerung von rund 134 000, müsse zwangsläufig zu anderen Ergebnissen kommen. „Dass wir in Göttingen einen äußerst angespannten studentischen Wohnungsmarkt haben, dass die großen Unternehmen der Wohnungswirtschaft lange Wartelisten für preisgünstigen Wohnraum führen, das alles scheint mir darüber hinaus viel zu wenig gewichtet“, erklärte Broistedt. Die Verwaltung werde sich mit den Göttingen betreffenden Passagen des Berichtes zur Wohnungsmarktbeobachtung ausführlich beschäftigen und darüber in einer der nächsten Sitzungen des „Bündnisses für Wohnen“ berichten.

Von Bernard Marks