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Regional Meister Kaib räumt nach 51 Jahren die Küche
Nachrichten Wirtschaft Regional Meister Kaib räumt nach 51 Jahren die Küche
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18:54 05.07.2011
Von Hanne-Dore Schumacher
Arbeit „hat ihm unendlich viel gegeben“: Küchenmeister Theo Kaib, der mit Ferienbeginn in den Ruhestand geht. Quelle: Hinzmann
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Das stand für Kaib schon mit sechs Jahren fest. Schuld war Mutter Liesel, die im Bankerhaushalt Rothschild für gutes Essen sorgte und den Sohn inspirierte. Theo durfte in der Kaibschen Küche von klein auf kochen und backen – zum Leidwesen des Hausherren.

Doch Theo hatte Verbündete. Neben Mutter Liesel hatte auch Tante Greta das Talent ihres Neffen erkannt. Beide unterstützten ihn nach der achtjährigen Volksschule, als er sich 1961 beim „Kaiserkeller“ (damals das beste Haus im deutschen Michelin) um eine Lehrstelle bewarb. Ein Dritter setzte sich für Kaib junior ein: der Wirt vom „Schiffchen“ in Dörnigheim. „Du bist zu schade, um bei mir Koch zu lernen“, hatte der Gastronom gesagt. „Du musst in den Kaiserkeller.“

Dem konnte auch Vater Kaib schließlich nichts mehr entgegensetzen. Fortan unterstützte er seinen Jüngsten bei dessen beruflicher Laufbahn. Die drei Geschwister hatten ja etwas Anständiges gelernt – Sparkassenkaufmann, Betriebswirt und Kommunalbeamter.

24 junge Leute hatten sich mit Theo Kaib im „Kaiserkeller“ beworben, sechs wurden in den 80-köpfigen Köchepool aufgenommen. Kaib war dabei. Die meisten der insgesamt 18 Lehrlinge waren älter als er, kamen aus ganz Deutschland, waren Gastronomiesöhne aus hoch dekorierten Häusern. Alles Jungen. Der 14-Jährige hatte Angst vor der Großstadt. Auch die Eltern machten sich Sorgen. „Sie haben viel für mich gebetet.“

Morgens um 7 Uhr fuhr der Zug nach Frankfurt, um 23.30 Uhr ging es wieder heim. Wenn es die Zeit erlaubte, machte Kaib einen Nachmittagsabstecher bei den Eltern, genoss eine Tasse Kaffee, frisch gebrüht mit dem Handfilter, mit einer Prise Kardamon und etwas Kakao. „Ein schönes Ritual“, erinnert sich der heute 65-Jährige. Und Kuchen? „Nein, als Koch ist man von Haus aus satt.“

Die Regelarbeitszeit war in den 1960er Jahren 54 Stunden pro Woche an sechs Tagen. Die Jugend heute habe weniger Pflichtstunden, stehe aber unter einer totalen Reizüberflutung. Die jungen Leute, so Kaib, haben es heute schwerer als wir. „Ich stehe voll hinter unserer Jugend“, bezieht er Stellung.
Nach der Lehre blieb der 17-Jährige im Hans-Arnold-Konzern, zu dem der „Kaiserkeller“ und 15 weitere Häuser (vornehmlich in Süddeutschland) gehörten. „Ich lebte als Mann aus dem Koffer“, beschreibt Kaib seine Gesellenjahre, die er unter anderem im „Deichheim“, in der „Kanne“ und im „Schloss Buer“ verbrachte. Diese „spannende Zeit“ endete, als ihn der Bund nach Göttingen führte, wo er seine Frau Ute kennenlernte. 1968 begann er im Hotel Gebhards, zunächst als stellvertretender Küchenchef, ab 1973 als Küchenchef. Zwölf Jahre war Kaib im Göttinger Nobelhotel, dann verstarb ein befreundetes Mitglied der Betreiberfamilie, und seine erste Ehe war am Ende. „Mich hält hier nichts mehr“, sagte er sich damals. „Noch mal richtig was umreißen“ wollte der 38-Jährige. Angebote „in astronomischer Höhe“ hatte er von überall.

Kaib schlug Jahresgehälter von 100 000 DM aus und entschied sich für 1300 DM monatlich. Die sollte er als Lehramtsanwärter an den Berufsbildenden Schulen III, Bereich Ernährung, bekommen. Ausbildung habe ihm in 24 Jahren Gastronomie immer Spaß gemacht. Auch im Prüfungsausschuss war Kaib immer tätig, hat Kreismeister hervorgebracht. Lehrer zu sein, habe er nie bereut“, sagt Kaib heute und erinnert sich schmunzelnd an die „einfachen Strukturen“, an 280 Schüler damals und an Klassenräume unter dem Dach. „Es war eine absolut andere Welt.“

Dass sich die Gastronomie der BBS III heute anders darstellt, daran durfte Theo Kaib „maßgeblich mitgestalten“. 3 Mio. Euro wurden vor fünf Jahren in den Umbau, in neue Restaurants, neue Küchen und Lagerräume investiert. Der Fachbereich Gastronomie mit heute 850 Schülern trägt Kaibs Handschrift.
Neben der Ausbildung des Köchenachwuchses und der Meisterschüler bundesweit (unter ihnen Sternekoch Nils Henkel im Lehrbacher Restaurant Dieter Müller) war Kaib auch Gründer des „Klubs Göttinger Köche“. 13 Jahre hat er den Zusammenschluss der Profis geleitet, hat das „Schlemmermenue“ vor 24 Jahren mit ins Leben gerufen. Mitgründer ist Kaib auch des „Clubs kochender Männer“, in dem Hobbyköche seit 1987 ihren Spaß haben. Und noch einen Club hat Kaib „geerbt“, einen gemischten Verein, in dem man gesellig zusammen ist und „den Alltag vergisst“.
Küchenmeister Klaus Abraham tritt die Nachfolge Kaibs als Verantwortlicher für die parktische Ausbildung der Köche an der BBS an. Meisterprüfungen wird Kaib im Auftrag der Industrie- und Handelskammer weitere drei Jahre abnehmen. 16 Stunden im Monat begleitet er zudem die Lehrlinge im dritten Lehrjahr bis zur Prüfung. Mehr nicht.

Ein eigenes Restaurant will Theo Kaib nicht eröffnen, obwohl er „viel Spaß am herrlichen Beruf des Kochs“ hat. Mit seiner Frau Ilona will er lieber im Wohnwagen verreisen (das erste Mal ohne den 18-jährigen Sohn Christian), will viel lesen, Rad fahren, walken und Enkelsohn Timon (5) besuchen.