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Regional Reiter: „Dort oben gibt es keinen Platz für Fehler“
Nachrichten Wirtschaft Regional Reiter: „Dort oben gibt es keinen Platz für Fehler“
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14:27 17.09.2009
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Tageblatt: Sie waren im All und jetzt sind Sie hier im Kaufpark. Ein komisches Gefühl?

Reiter: Ein bisschen schon, ja. Ich freue mich natürlich darüber, dass es viele Menschen gibt, die sich wie ich für die Raumfahrt begeistern. Und da das heute hier auch der Fall war, spielt die Umgebung nicht so eine Rolle. Aber in so einer Umgebung zu Reden ist schon ein neues Gefühl.

Warum streben Sie nach den Sternen?

Ich denke, dass ist ein ganz elementares Bedürfnis von uns Menschen. Neugier steckt in uns drin. Von klein auf werden wir von ihr angetrieben. In unserer Evolution hat eben genau diese Triebfeder eine wichtige Rolle gespielt, damit wir uns weiter entwickeln und zu dem werden, was wir heute sind und um uns die Lebensverhältnisse zu schaffen, wie wir sie heute haben. Diese Neugier ist letztendlich auch Auslöser und Motivator dafür, dass man von der Erde über die Grenzen der Atmosphäre hinaus eine neue Umgebung erkundet.

Was war für Sie der bewegendste Moment im All?

Die Außenbordeinsätze. Näher kann man dem Weltraum nicht kommen. Wenn man dann in einem Raumanzug in einer solchen Geschwindigkeit (28 000 Kilometer pro Stunde) über Kontinente schwebt, fühlt man nur die Schwerelosigkeit und sieht die Kontinente über, unter und vor sich vorbeiziehen. Das ist überwältigend. Oder der Blick in die entgegengesetzte Richtung, in diesen wunderschönen Sternenhimmel. Das sind einfach so unglaublich tolle Eindrücke die man nie vergessen wird.

Hatten Sie Angst während der Einsätze?

Nein, und das ist bestimmt keine Tollkühnheit. Denn auf der einen Seite wird man ja sehr intensiv auf alle Fälle vorbereitet. Was man zu tun hat, wenn dieses oder jenes passiert. Dadurch wächst das Vertrauen, mit Notsituationen umzugehen. Klar kommt zwischendurch mal der Gedanke, dass man sich in einer Umgebung bewegt und lebt, in der kein Platz für Fehler ist. Dessen muss man sich bewusst sein. Wenn etwas passiert, muss es schnell und richtig gehen.

Wie ist die Familie mit ihrem Beruf umgegangen?

Für die Familie war das natürlich keine einfache Situation. Man selbst steckt mitten im Geschehen und weiß, was man zu tun hat und was passiert. Aber für die Familie ist das nicht so einfach, weil die sich nicht in den Details auskennt. Ich habe versucht, ihnen all das, was ich tue, was da passiert, zu erklären. Hätte ich nicht die Unterstützung von meiner Familie gehabt, wäre es auch nicht möglich gewesen. Meine Frau hat mir wirklich den Rücken frei gehalten. Und meine Kinder haben meinen Beruf natürlich mit großem Interesse verfolgt. Sie kennen aber auch die Kehrseite der Medaille: Sie mussten sehr lange auf ihren Papa verzichten. Und das nicht nur in der Zeit, in der ich in der Raumstation war, sondern bereits in der gesamten Ausbildung. Da ist man ja in der Weltgeschichte unterwegs – in Russland, den USA, in Japan.

Jetzt haben Sie einen Schreibtischjob und arbeiten für das DLR. Was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin zuständig für Raumfahrtforschung und -entwicklung. Zu meinem Bereich gehören 13 Institute, die sich mit den gesamten Spektrum der Raumfahrt befassen – mit Planetenforschung, mit der Entwicklung von Raketenantrieben, mit Erdbeobachtung, mit Robotik. Daten, die von Satelliten auf die Erde geschickt werden, sind auszuwerten. Neue Sensoren für die Satelliten werden entwickelt.

Vermissen Sie das All?

Ich denke, jeder der dort oben war, ist infiziert und wünscht sich, irgendwann mal zurückzukehren. Ich hätte in der Tat nichts dagegen, noch ein drittes Mal zu fliegen. Alle guten Dinge sind drei.

Ein Video über Thomas Reiters Erlebnisse im All sehen Sie hier.