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Regional Schlupfwespe gegen gefräßige Raupen
Nachrichten Wirtschaft Regional Schlupfwespe gegen gefräßige Raupen
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21:56 28.03.2017
Die Nutzinsekten werden mit einem sogenannten Stellenschlepper ausgebracht: Der Boden wird dabei kaum verdichtet.
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Markoldendorf

„In den vergangenen zehn Jahren haben sich die mit Drahtwürmern befallenen Flächen in Deutschland verdoppelt“, berichtet der Agraringenieur. Einer der Gründe sei die mittlerweile vorgeschriebene Zwischenfrucht, die dem Schädling nach der Ernte der Hauptfrucht neue Nahrung biete. Zudem gebe es eine neue Art, die bereits nach drei - statt bisher fünf - Jahren erwachsene Käfer hervorbrächte. Dadurch könnten sich die Insekten schneller vermehren.

„Obwohl unser Produkt noch nicht zugelassen ist, dürfen wir es im zweiten Jahr mit einer Notfallgenehmigung des Bundesamts für Verbraucherschutz verkaufen“, sagt Beitzen-Heineke. Es gebe seines Wissens nach nur ein Konkurrenzprodukt gegen den Drahtwurm auf rein biologischer Basis. Entwickelt hätte Biocare das Mittel mit Partnern während eines dreijährigen, 2016 ausgelaufenen Forschungsprojekts. Den Wirkstoff, einen Pilz, habe der Göttinger Professor Stefan Vidal entdeckt. Das Gemisch, das den Pilz umschließt, hat der Bielefelder Professor Anant Patel entwickelt.

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„Die biologische Schädlingsbekämpfung ist mit einem Anteil von weniger als zehn Prozent des Markts für Pflanzenschutzmittel ein Nischensegment“, sagt der Göttinger Agrarwissenschaftler Professor Stefan Vidal. Doch das Segment wachse mit jährlichen Steigerungsraten von 15 Prozent. Die Gesellschaft stufe das Risiko chemischer Mittel für Mensch und Umwelt als hoch ein. Nebenwirkungen bekommen eine größere Dimension „Treiber der Entwicklung sind politische Vorgaben der Europäischen Union, die die Zahl der zugelassenen Pestizidwirkstoffe in den vergangenen 25 Jahren von 850 auf knapp 450 verringert hat“, erläurtert der Wissenschaftler. Auch die Konsumentenwünche änderten sich – selbst im Discountbereich.

Das Verbot vieler Wirkstoffe gegen Schadinsekten und Unkräuter führe zu neuen Problemen. „Die verbleibenden Wirkstoffe werden häufiger eingesetzt, wodurch sich die Gefahr der Resistenzbildung erhöht“, sagt Vidal. So sei das bei Glyphosat. Nebenwirkungen, etwa die Verringerung der Bestäubungsleistungen von Wildbienen und Hummeln durch Neonikotinoide bekämen eine größere Dimension, wenn der Stoff verstärkt zum Einsatz komme. Die Agroindustrie, so Vidal, sehe inzwischen im Markt für biologische Pflanzenschutzmittel „ein hohes Verdienstpotenzial“. Allerdings werde es in Zukunft wohl nicht für jedes Problem eine biologische Bekämpfungsvariante geben, weder bei den Schadinsekten noch bei den Pflanzenkrankheiten oder den Nematoden. Konventionelle Landwirte wechselten vor allem dann, wenn biologische Mittel billiger seien als die chemischen. mic

„Der Pilz wächst in einer Kapsel auf Stärke“, erläutert Beitzen-Heineke. Die Kapsel enthalte zudem einen Hefepilz, der Kohlendioxid erzeuge. Das locke Drahtwürmer an, da auch Wurzeln, die Nahrung der Würmer, das Gas abgeben. Die Schädlinge infizierten sich mit dem Pilz und gingen zugrunde. Die Kapsel selbst sei biologisch abbaubar. Sie würde beim Pflanzen der Kartoffeln mit in den Boden gegeben. Gestartet ist Biocare 1995 mit einem seit 40 Jahren in der Landwirtschaft eingesetzten Nützling, einer Schlupfwespe, die ihre Eier in die Eier des Maiszünslers legt und den Schädling so tötet. „Bis zu 7000 noch nicht geschlüpfte Wespen befinden sich in unserem Produkt, einer zwei Zentimeter großen Zellstoff-Paraffin-Kugel“, führt der Agraringenieur aus.

In der Vergangenheit hätten die Kugeln zeitaufwendig mit der Hand ausgebracht werden müssen. Schneller gehe es heute mit Abwurf-Drohnen. Derzeit laufe ein Pilotprojekt mit einem sogenannten Stelzenschlepper. Mit ihm ließen sich an einem Tag 800 Hektar Fläche bearbeiten. Damit entsprächen die Kosten des Verfahrens dem Einsatz eines Pestizids. Ein Anreiz für Landwirte: Der leichte Stelzenschlepper verdichte den Boden kaum.

Biocare produziert seit 2012 in einer ehemaligen Champignonzucht an der Wellerser Straße 57. Vor anderthalb Jahren stieg Agraringenieurin Elisa Beitzen-Heineke, die Tochter des Gründers, ins Unternehmen ein. Derzeit investiert die Firma 750 000 Euro. Das Verfahren zur Zulassung des Drahtwurm-Mittels kostet eine Million Euro.